26. September 2019, 16:00 Uhr

Tennis

Nach 43 Jahren Ehrenamt in Grünberg: »Es war nie eine Belastung«

Nach 43 Jahren Vorstandsarbeit ist Peter Schneider beim ESV RW Grünberg abgetreten. Mit seiner Nachfolgerin Gabi Stephan spricht er über die Bedeutung von (Tennis-) Vereinen im Jahr 2019.
26. September 2019, 16:00 Uhr

Helmut Schmidt wurde zum Bundeskanzler gewählt, als Peter Schneider 1976 erstmals in den Vorstand des ESV RW Grünberg einzog. Aus der Zusage, Jugendwart zu werden, wurden 43 Jahre Vorstandsarbeit. »Für mich ist der Verein ein sehr, sehr wichtiges Glied in unserer Gesellschaft«, sagt der in Flensungen lebende Rentner.

Für seine zweite Familie leistete Schneider Enormes: 35 Jahre lang lenkte er die Schalthebel des Eisenbahner Sportvereins, kapselte den Verein in den 90ern von der Bahn ab. 1976 waren bereits zwei Plätze in Eigenregie fertiggestellt - Schneider erwarb das Gelände, forcierte den Bau eines dritten Platzes und führte den Verein so in die Unabhängigkeit.

Nachdem Schneider den Vorsitz im Frühjahr 2019 an Gabi Stephan übergeben hat, nehmen sich beide nun Zeit, um über die alltäglichen Sorgen eines rund 100 Mitglieder starken Tennisvereins zu sprechen. Ein Gespräch über den inneren Kreis eines Vereins, Reibungsprozesse, und wie die Smartphone-Generation davon profitieren könnte.

Herr Schneider, haben Sie die 43 Jahre Vorstandsarbeit je als Belastung angesehen?

Peter Schneider: Nie. Das wäre es nur gewesen, wenn man das Amt nicht gerne ausübt. Ich konnte Probleme lösen und den Verein gut aufstellen, sei es durch den Platzbau oder Verhandlungen mit der Bahn. Zuletzt habe ich eine neue Bewässerungsanlage angestoßen, die sich derzeit im Bau befindet. Das alles hat Spaß gemacht. Bloß als ich vor fünf, sechs Jahren mit dem aktiven Tennisspielen wegen Knieproblemen aufhören musste, kam der Abstand. Ich habe mich aus dem Geschehen ein Stück weit entfernt und gemerkt: Jemand anderes muss mit neuen Ideen an meine Stelle treten.

Was zeichnet Peter Schneider aus?

Gabi Stephan: Zuverlässigkeit. Er war immer einsatzbereit und sich auch nicht zu schade, den stehen gebliebenen Müll vom Grillen wegzuräumen. Es sind viele Kleinigkeiten, die sich summieren. Das kann man einzeln gar nicht alles aufzählen. Der erste Vorsitzende ist halt der Erste, der wird immer gefragt: Wie soll’s werden? Peter hat das immer besonnen und überlegt entschieden. Es sind große Fußstapfen, in die ich trete.

Warum haben Sie das Amt übernommen?

Stephan: Ich bin auch schon lange dabei, mein Herz hängt am Verein. Und wenn’s keiner macht, sieht’s schlecht aus. Mir hat das gesamte Team Unterstützung zugesagt, sonst hätte ich es nicht gemacht.

Ist die Wertschätzung für diesen Posten angemessen vorhanden?

Schneider: Wertschätzung darf man nicht erwarten. Was man oft erfährt, ist die Kritik. Die erntet man so oder so, jeder hat so seine Meinung. Mit der Entscheidung steht man am Ende immer alleine.

Weil keiner weiß, welchen Aufwand das Amt erfordert?

Schneider: Die Wertschätzung wird nur von dem kommen, der dieses Amt in einem anderen Verein schon einmal ausgeübt hat, der weiß, was daran hängt. Ein normales Mitglied, das nur zum Tennisspielen kommt, weiß das kaum. Manche Mitglieder haben mit dem Beitrag alles gebucht.

Stephan: Wenn es gar kein positives Feedback geben würde, könnte man es aber auch nicht machen. Wenn Mitglieder sagen, dass sie sich wohl fühlen, ist das schon schön. Trotzdem sind die meisten dann auch schnell wieder weg. Nach dem Motto: Mitgefühl habe ich schon, aber leider keine Zeit zu helfen. Das ist denke ich in den allermeisten Vereinen so. Wir sind mit unseren Mitgliedern sehr zufrieden, spüren die gesamtgesellschaftliche Entwicklung aber auch.

Wie sieht es bei Arbeitseinsätzen aus?

Stephan: Es finden sich immer einige, egal wie alt sie sind, die eine Schippe in die Hand nehmen.

Schneider: Vom Trend her sind das eher immer die gleichen. Aber warum sind es immer die gleichen? Man vergibt Aufgaben an diejenigen, die sie auch erledigen. Da engt sich der Kreis ein. Aber es ist gut und wichtig, dass dieser Stamm existiert.

Stephan: Man muss auch immer wieder neue Leute einführen, damit sie von den Alten lernen können. Gerade in der heutigen Ich-bezogenen Zeit finde ich es wichtig, dass junge Menschen da herangeführt werden. Das geht ja schon beim Linien abziehen und dem Nochmal-nass-machen los.

Gemeinschaft kennenlernen, Verantwortung übernehmen, Werte vermittelt bekommen - für all das steht ja ein Verein. Sind wir uns dem Potenzial und der Bedeutung der Vereine bewusst?

Schneider: Für mich ist der Verein ein wichtiges Bindeglied in unserer Gesellschaft. Hier kann man im Kleinen lernen, wie man sich in einer Gruppe arrangiert: Teil einer Gesellschaft werden. Kinder und Jugendliche können im Vereinsleben von einander lernen und profitieren. Das setzt voraus, dass man miteinander kommuniziert, Meinungen austauscht und sich in die Lage des anderen versetzt. Das ist die Aufgabe und die Möglichkeit eines Vereins. Es ist viel mehr als zu lernen, wie man Vor- und Rückhand spielt.

Wovon lebt ein Verein?

Schneider: Von der Gemeinschaft, die sich dem Tennis verschrieben hat und gemeinsam dabei Spaß haben möchte. In jedem Verein gibt es einen inneren Kreis, der die Äußeren mitzieht.

Stephan: Wir haben eine Gruppe von rund 20 ehemaligen Handballern aus Grünberg, die immer am Donnerstag zum Spielen kommen - auf einem Platz. Vier spielen, die anderen sitzen draußen und kommentieren. Ich finde diesen langjährigen vorbildlichen Zusammenhalt dieser Gruppe sehr lobenswert. Wir sind ein Familienverein, bei dem die Gemeinschaft und nicht die Leistung an erster Stelle steht. Aber auch das Herzstück unseres Vereines, der Mannschaftssport, kommt nicht zu kurz und so spielen mehreren Mannschaften in der Verbandsrunde. Wir fahren seit einigen Jahren zusammen auf Weihnachtsmärkte und waren zuletzt bei Grünberg auf der Rolle auch mit einem Stand vertreten. Das war Arbeit, aber wir hatten so einen Spaß zusammen, dass wir es nächstes Jahr gleich wieder machen.

Trotz des Trends zum (zeit-) unabhängigen Sport hat der Verein im Jahr 2019 eine enorme Bedeutung.

Stephan: Er hat nicht nur seine Daseinsberechtigung, sondern ist meiner Ansicht nach im Smartphone-Zeitalter wichtiger denn je. Sich direkt begegnen, soziale Kontakte in Echtzeit pflegen.

Junge Menschen pflegen Kontakte eben häufiger über das Smartphone.

Schneider: Es fällt ja alleine schon viel schwieriger, von Angesicht zu Angesicht abzusagen. Mit WhatsApp ist das schnell erledigt, ohne den direkten Kontakt. Im direkten Kontakt bekommt man sofort die Reaktion des Beteiligten mit.

Stephan: Nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht. Wir haben auch junge Menschen, die sich engagieren. Aber man muss immer in kleinen Portionen denken. Kleine Häppchen an Arbeitsverteilung, wohl dosiert, da findet man jemanden.

Abschließend: Wie können kleinere Tennisvereine auf dem Land in Zukunft überleben?

Schneider: Zwei Schritte sind unerlässlich: Wir müssen auf den Breitensport setzen, jeder kann bei uns Tennis spielen, ob mit viel oder weniger Talent, es muss nur Spaß machen. Und: Wir müssen uns präsentieren, möglichst viele Leute erreichen und idealerweise die gesamte Familie für den Sport in unserem Tennisverein begeistern.

Stephan: Wir möchten mehr Menschen dazu ermuntern auch mal etwas zu tun, ohne zu hinterfragen: Was bringt mir das? Es ist schön was für die Gemeinschaft zu tun und sich im Verein im Ehrenamt einzubringen.

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