17. November 2019, 20:16 Uhr

Kein Widerspruch: Fair-Play UND Erfolg

Die heimischen Fußballer sensibilisieren sich einmal mehr für einen fairen Umgang miteinander - auf und neben dem Platz. Stammgast bei der Ehrung im Licher Hardtberggarten ist seit Jahren der SV Annerod II.
17. November 2019, 20:16 Uhr
Kreisfußballwart Henry Mohr (l.) und Verbandssportlehrer Dirk Reimöller (r.) mit den Spielführerinnen und Spielführern der fairsten Teams der Saison 2018/19. (Foto: fro)

In den vergangenen Wochen bestimmten bundesweit immer wieder Meldungen über Beleidigungen und Gewalttaten auf den Fußballplätzen in Deutschland das Geschehen. Der Streik der Schiedsrichter, die den Spielbetrieb in der Hauptstadt Berlin für ein Wochenende zum Erliegen brachten, ein Faustschlag eines Spielers gegen einen Unparteiischen in Dieburg, die Geschehnisse nach der Verbandsliga-Partie im mittelhessischen Holzheim und der Rempler von Eintracht-Profi David Abraham gegen den Freiburger Coach Christian Streich sorgten Land auf, Land ab für viel Diskussionsstoff.

Umso erfreulicher, dass der Kreisfußballausschuss in Zusammenarbeit mit der Licher Privatbrauerei seit der Saison 2012/13 eine Veranstaltung etabliert hat, bei der den fairsten Mannschaften aus den regionalen Spielklassen eine besondere Ehrung im Licher Hardtberggarten zuteil wird. »Diese Veranstaltung hat unsere Mannschaft in den letzten Jahren geprägt, denn nur so kannst du sechsmal am Stück teilnehmen. Eine sehr schöne Veranstaltung - und am Ende der Saison schauen wir immer ganz genau auf die Fairness-Tabelle, um unsere Chancen für eine erneute Teilnahme nicht zu gefährden«, sagt Spielführer Christopher Probst vom Seriensieger SV Annerod II.

Brauerei-Geschäftsführer Holger Pfeifer wünschte allen Teilnehmern viel Spaß und einen großen Genuss für das, was sie im vergangenen Jahr geleistet haben. »Fair-Play ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit und drückt ein Verhalten und eine Haltung auf und neben dem Platz aus. Dies ist ein spannendes, vielleicht überhitztes, aber auch aktuelles Thema, sodass wir dieses Thema heute in einem Sporttalk vertiefen möchten«, leitete Pfeifer ein. Kreisfußballwart Henry Mohr wies daraufhin, dass bei mehr als 22 000 Spielen bundesweit an einem Wochenende die Anzahl der Vorkommnisse verschwindend gering sei. »Die sozialen Medien und der schnellere Umgang mit den Vorfällen bringt sie häufiger als früher in die Öffentlichkeit«, so Mohr.

Die Parallele zum Berufsleben

Verbandssportlehrer Dirk Reimöller, der als U17-Auswahltrainer bereits Julian Draxler und Mario Götze unter seinen Fittichen gehabt hat, führte aus, dass man auch als Trainer und Spieler in der Vollkontaktsportart Fußball Fair-Play vorleben könne. »Jeder kann in seinem Bereich etwas dafür tun, dass Respekt und Toleranz nicht verloren gehen«, sagte Reimöller und brachte hierfür ein treffendes Beispiel. »Als ich in einer meiner Auswahlmannschaften einen Spieler von Schalke 04 und Borussia Dortmund auf ein Zimmer legte, sagte einer der Jungs »Herr Reimöller, das geht doch nicht!« Meine Antwort lautete: »Das geht - und das ist das erste, was du heute von mir lernst!« Und schon war das Thema erledigt.

Pfeifer spannte den Bogen zum Berufsleben, in dem das Fair-Play eine wichtigere Rolle denn je einnehme. »Ich habe einen Mönch von der Benediktiner-Brauerei als Arbeitskollegen. Von ihm habe ich Respekt, Ehrlichkeit und Demut gelernt.« Bezogen auf den Sport führte Pfeifer aus, dass »die Integration in einen Verein eine gute Basis für das Leben ist«. Pfeifer untermauerte dies mit seiner These, »dass Teamsportler in aller Regel fairere Menschen sind«.

Bezogen auf die aktuelle Fair-Play-Wertung, bei der der FSV Fernwald als Meister der Verbandsliga (1,81 Punkte), die FSG Wettenberg als Aufsteiger in die Gruppenliga (1,18), der A-Ligist MTV 1846 Gießen II (1,46), die beiden B-Ligisten SV Annerod II (0,79) und Spfr. Burkhardsfelden II (0,71), sowie die Frauenmannschaften des TSV Hungen und der Spvgg. Blau-Weiß Gießen (je 0,05) ausgezeichnet wurden, sagte Kreisfußballwart Mohr, dass man nicht nur die Gelben und Roten Karten, sondern auch das Umfeld im Blick haben müsse. »Beim Verhalten gegenüber den Schiedsrichtern sind alle gefordert. Vereine, Spieler, Trainer und Unparteiische sind eine Einheit. Dessen müssen wir uns bewusst sein, wenn wir unseren Sport weiterhin ausüben wollen«, mahnte Mohr.

Marco Vollhardt von den SF Burkhardsfelden wies daraufhin, dass »Spieler und Trainer trotz aller Emotionen, von denen der Fußball lebt, eine Vorbildfunktion haben. Dabei stehen Erfolg und Fair-Play in keinem Widerspruch. Der gegenseitige Respekt ist vielmehr die Basis für eine gute Zusammenarbeit innerhalb der eigenen Mannschaft, aber auch im Umgang mit dem Gegner.«

Zur aktuellen Diskussion um die Attacke von David Abraham gegen Christian Streich brach Holger Pfeifer zunächst eine Lanze für den Eintracht-Profi. »Man muss immer den Menschen hinter der Sache sehen. Er ist ein feiner Kerl, der sich sicher am meisten über seine Tat geärgert hat. Mit der ausgesprochenen Strafe muss es dann aber auch erledigt sein. Fair-Play ist auch, wenn man zu seinen Fehlern steht. Solche Dinge gab es früher auch schon - heute werden sie gleich zum Thema gemacht«, sagte Pfeifer, der es begrüßte, dass die Frankfurter Abraham weiterhin als Spielführer im Amt lassen.

Dirk Reimöller, der Streich als Vizepräsident des Bundes deutscher Fußballlehrer persönlich kennt, riet dazu, Fehler und Emotionen zuzulassen und zu erlauben. »Christian ist ein guter Entwickler von jungen Spielern. Er ist authentisch und nicht nachtragend. Grundsätzlich müssen wir aber bereits im Vorfeld die Kommunikation wieder mehr in den Vordergrund stellen, die bei der Führung eine große Rolle in der Deeskalation spielt. Die jüngsten Ereignisse zeigen schon, dass die Hemmschwelle niedriger geworden ist«, ließ Reimöller wissen. »Dies ist kein neues Thema, es passiert schneller und häufiger. Die Dimensionen sind größer, und das Gefühl der Bedrohung nimmt zu. Mit der Verrohung der Sprache verroht auch die Wirklichkeit. Das ist ein Problem unserer Gesellschaft und nicht des Fußballs.«

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