23. Mai 2020, 12:00 Uhr

Jörg Jakob

Jörg Jakob: »Der kicker muss einzigartig bleiben«

Seit nun einem Jahrhundert bewertet der kicker das Fußballgeschehen - seit weit mehr als einem Jahrzehnt trägt ein Krofdorfer entscheidend dazu bei. Jörg Jakob im ausführlichen Interview.
23. Mai 2020, 12:00 Uhr

An der Spitze des Magazins, das Fußball-Deutschland nicht nur in den turbulenten letzten Monaten, sondern seit nunmehr 100 Jahren begleitet, steht ein Wettenberger: Der 56-jährige Jörg Jakob ist Chefredakteur des kicker und kennt sich mit Kanonen aus. Die kicker-Torjägerkanone für den besten Torschützen der Bundesliga übergibt er jährlich, im Frühjahr 2020 besucht er mit seiner Tochter Johanna die Burg Gleiberg, auf der noch immer zwei Kanonen stehen.

»Der kicker ist für mich eine Art TÜV, Stiftung Warentest«, lobt Matthias Brügelmann, Chefredakteur der konkurrierenden Bild-Sportredaktion. »Ich lese den kicker seit 47 Jahren und verbinde mit ihm eine großartige Zeit«, sagt Kulttrainer Jürgen Klopp. In diesem Jahr feiert das Fachblatt sein 100-jähriges Bestehen - anlässlich dessen spricht Chefredakteur Jakob über das Credo des kicker, die enorme Relevanz der Digitalisierung und die Herausforderung der Bundesliga, sich zu verändern.

Herr Jakob, ausgerechnet im Jahr des 100-jährigen Jubiläums des kicker hat der Fußball durch die coronabedingte Spielpause etwas nie Dagewesenes erlebt. War das Virus auch für den kicker eine Gefahr?

Wir spüren eine enorme Leser-Blatt-Bindung, die Abonnenten halten uns die Treue. Aber Einzelverkauf und Reichweite leiden selbstredend, wenn die Geschäfte geschlossen sind und die klassischen Spielberichte entfallen. Gleichzeitig war die Nachrichtenlage extrem spannend.

Gefühlt war das ganze Land gespalten über die Wiederaufnahme des Spielbetriebs von 1. und 2. Fußball-Bundesliga am letzten Wochenende.

Der Fußball beschäftigt Millionen Menschen emotional und zig Tausende als Angestellte - weit mehr als nur die Akteure auf dem Platz. In seiner Popularität sind Populismus und Polemik eingepreist. Dass sich manche Kritiker in Tagen wie diesen undifferenziert an ihm abarbeiten, muss er aushalten können.

Welche Chancen und welche Risiken sehen Sie für den deutschen Profifußball mit der Wiederaufnahme des Spielbetriebs?

Angesichts des Wesens dieser Pandemie ist ein Restrisiko nicht auszuschließen, das gilt für alle gesellschaftlichen Bereiche. Wenn es gutgeht, ist die Bundesliga das Vorbild für andere Ligen, ein Vorreiter für verantwortungsvolle Lockerungen auch außerhalb des Sports. Durch die Krise ist der Profifußball von seinen Fehlentwicklungen eingeholt worden. Wenn die Liga dank ihres Notbetriebs überlebt, hat sie die Chance zur Erneuerung.

Viele Reformansätze werden diskutiert, von einer Umverteilung der TV-Gelder über eine Gehaltsobergrenze bis zur Deckelung von Beraterhonoraren. Sind tatsächliche Veränderungen in den nächsten Jahren realistisch?

Für einige Veränderungen braucht es politische Maßnahmen, siehe den Salary Cap und das Arbeitsrecht in der EU. Klar ist für mich: Der Profifußball wird es sich nicht leisten können, einfach so weiterzumachen. Er steht mehr denn je und völlig zu Recht unter extremer Beobachtung.

Der kicker hat den Fußball in den letzten 100 Jahren begleitet und beobachtet - nie war der mediale Markt so groß wie heute. Vor allem im Internet sind in den letzten Jahren Portale aus dem Boden gesprossen. Ist die Tradition der Verlässlichkeit und Seriosität das größte Pfund, mit dem der kicker in diesen hektischen Zeiten wuchern kann?

Absolut. Nachwievor ist nicht die schnellste, sondern die schnellste zutreffende Nachricht die beste. Gerade im Fußball redet digital heute jeder mit - da braucht es eine verlässliche, glaubwürdige und meinungsstarke Instanz wie den kicker. Wo kicker draufsteht, muss kicker drinstecken - ob im klassischen Text, im Live-Ticker, im Video oder im Podcast.

Existiert in den heutigen Zeiten die Verlockung, die inhaltliche Ausrichtung hin zu boulevardeskeren Themen, also mehr Privatgeschichten, zu erweitern?

Selbst wenn sich ein Bundesliga-Torhüter drei Eier ins Netz legt, darf bei uns nicht vom Torwarttrottel die Rede sein. Diese Leitlinie haben wir übernommen: Alles, was für den Sport relevant ist, gehört in den kicker. Ansonsten ist das Privatleben tabu. Das kann dann der Boulevard bedienen. Ich wollte nie wissen, mit wem Oliver Kahn die Nacht in der Disco verbracht hat.

Wie gewährleistet man Qualität in Form von Nähe und Fachkompetenz?

Ein guter Journalist muss möglichst alles wissen, aber nicht immer alles schreiben. Der kicker hat über Jahrzehnte ein Vertrauensverhältnis aufgebaut, ohne seine kritische Stimme zu verlieren. Das ist in Zeiten, in denen sich die Vereine bestmöglich abschotten, wichtig. Früher hat Hennes Weisweiler mit den Reportern am Freitagabend noch Skat gekloppt und die kannten die Aufstellung teilweise vor der Mannschaft. Das wäre heute undenkbar. Ganz wichtig ist: Wir sind Journalisten und keine Fans.

Was ist das höchste Gut des kicker?

Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit. Vielleicht ist das nicht sexy, aber genau mit dieser ruhigen, kompetenten Art müssen wir auch die nächsten 100 Jahre angehen, auf allen Kanälen und bei allen Sportarten, sonst wird es sehr schwer. Wir müssen auf unsere Art und Weise einzigartig bleiben.

Der kicker ist früh offensiv mit den Herausforderungen des Internets umgegangen. Wie wichtig war der frühe Weg zur Digitalisierung um die Jahrtausendwende?

Als viele in der Branche noch gehofft haben, dass das Internet vielleicht wieder verschwindet, hat der Olympia-Verlag viel Mut und Geld investiert, ohne zunächst Erlöse zu sehen. Das war goldrichtig. Das sehen Sie unter anderem daran, dass wir vor der Corona-Krise in Sachen Seitenaufrufe von Medienhäusern hinter der Bild auf Platz zwei in Deutschland lagen, vor dem Spiegel. Vor zwei Jahren hat die Marke kicker digital erstmals mehr erlöst als durch die Printausgaben. Das ist nur möglich, weil die Chance Internet früh erkannt wurde. Wir haben mittlerweile kicker.tv, Audioangebote, bedienen Alexa, veranstalten eSport-Turniere. Der kicker bespielt die ganze Bandbreite. Das machen wir als mittelständisches, inhabergeführtes Unternehmen mit etwas mehr als 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Seit einigen Jahren liest man auf der Online-Plattform des kicker während der Saison täglich mindestens einen neuen Bericht über jeden Erst- und ausgewählte Zweitligisten.

Nach der WM 2014 haben wir die Print- und Digitalredaktion verzahnt und zwei Welten verbunden. Das hat die Abläufe erheblich verändert. Die Herausforderung ist, sich zu jeder Nachrichtenlage umgehend verhalten zu können. Du bist quasi ständig online.

Der kicker verfügt über mehr als 20 festangestellte Mitarbeiter für die Online-Redaktion, wies vor der Krise monatliche Seitenaufrufe in Höhe von rund 2,2 Milliarden auf. Ist absehbar, inwieweit sich die Arbeit künftig noch mehr auf das Internet fokussiert?

Ich bin davon überzeugt, dass Printprodukte auch in Zukunft ihren Platz haben werden - um Themen einzuordnen, zu kommentieren und in der Tiefe zu analysieren. Die Zukunft liegt aber im crossmedialen Arbeiten. Wir haben junge Leute aus all unseren Abteilungen zusammengeführt, um die Zukunftsthemen zu erkennen. Wie sich die Arbeitswelt verändern wird, checken wir in Workshops aus eigener Kraft.

Zu ihren Wurzeln: Sie stammen aus Rodenbach bei Haiger, haben in Marburg und Gießen gewohnt, ihre Familie lebt in Krofdorf-Gleiberg. Welchem Regionalligisten sind Sie mehr verbunden, dem TSV Steinbach Haiger oder dem FC Gießen?

Mein Herz schlägt etwas mehr für den TSV Steinbach Haiger - ich hätte mich aber riesig gefreut, wenn es gelungen wäre, etwas Stabiles in Gießen aufzubauen.

Wie haben Sie den FC Gießen bis dato verfolgt?

Ich habe das Projekt von Anfang an mit Freude und Hoffnung verbunden. Ich weiß aus der Vergangenheit, welcher schlafende Riese in Gießen steckt. Die Fusion war eine große Leistung. Ich bin davon ausgegangen, dass man, den Klassenerhalt in der Regionalliga Südwest vorausgesetzt, etwas Langfristiges auf die Beine stellen kann. Dass es finanziell nun nicht hinhaut, das ist bitter.

Die Beobachtung, dass sich Viert- oder Drittligisten übernehmen, ist nicht neu. Setzt die Vernunft von Geschäftsleuten im Fußball teilweise aus?

Absolut, aber das ist nicht neu. Ich habe viele ambitionierte Vereine kommen sehen, Eintracht Haiger, SSV Dillenburg, FC 80 Herborn, VfB 1900 Gießen, die haben tolle Zeiten gehabt - und sind dann wieder abgetaucht. Es bedarf eines hohen Aufwands. Es ist eine Heuchelei zu glauben, dass es nur um das größte Schnitzel im Sportheim geht. Das war noch nie so. Wenn irgendeiner glaubt, nur mit Vereinsliedern und selbstgebackenem Kuchen steigt man auf, dann ist das eine schöne Illusion.

Das Coronavirus gefährdet alle Sportvereine, vor allem abseits des Profifußballs, auch Dritt- und Viertligisten im Fußball, die auf Zuschauereinnahmen in hohem Maße angewiesen sind.

Diese Krise ist existenzgefährdend für eine Vielzahl von Dritt- und Viertligisten. Im besten Fall ist es ein reinigendes Gewitter. Ich wünsche mir dahingehend ohnehin, dass es eine klarere Trennung gibt zwischen dem Profi- und dem Amateurfußball. Man muss akzeptieren, dass die Topclubs wie Real Madrid, Manchester United oder Bayern München ein anderes Spiel spielen. Es ist quasi ein anderer Sport, vor allem finanziell bedingt. Der Cut muss glaubwürdiger gemacht werden - viele Vereine müssen sich klar machen, dass die vierte Liga für sie das Höchste der Gefühle ist. Der Traum, mit den großen Hunden das Bein heben zu können, muss von vielen abgehakt werden.

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