16. August 2019, 16:00 Uhr

Fußball

Immer weniger junge Fußballer

Auch der Gießener Jugendfußball befindet sich zahlenmäßig seit Jahren auf dem absteigenden Ast. Wir beleuchten vor dem Start in die neue Saison die Situation.
16. August 2019, 16:00 Uhr
Bei den kleineren Kickern sieht es im Gießener Fußballkreis noch verhältnismäßig gut aus - vor allem die Zahlen ab den D-Junioren aber bereiten Sorgen. (Symbolfoto: ras)

Auch der Gießener Jugendfußball bekommt den mittlerweile schon drastischen Rückgang an Mannschaftsmeldungen zu spüren. In den letzten zwei Jahren zogen fast 50 Teams zurück - waren es 2017/18 noch rund 230 Mannschaften, die im Kreis Gießen in allen Altersklassen an den Start gegangen sind, treten zur neuen Saison, die an diesem Wochenende beginnt, nur noch rund 180 an. Das ist ein Rückgang von 25 Prozent.

»Die Entwicklung hat vor fünf, sechs Jahren eingesetzt«, weiß Kreisjugendwart Jürgen Jung. Die Gründe sind vielschichtig, die Zahlen alarmierend, der Optimismus, die Entwicklung einzudämmen, begrenzt. Ob sich der Trend fortsetzt? »Es ist zu befürchten«, sagt Jung, der vor 25 Jahren seinen Posten im Fußballkreis antrat. Damals gab es noch 38 A-Jugend-Mannschaften im Kreis. Heute sind es noch 13.

Bei der JSG Lumdatal haben sich acht (!) Vereine zusammengeschlossen - trotzdem kann keine A-Jugend gestellt werden. Ähnlich verhält es sich bei der JSG Wirberg, die aus sechs Vereinen besteht und in dieser Saison keine B- und C-Jugend vorweisen kann. Die Hoffnung? »Dass die geburtenschwachen Jahrgänge aktuell für eine Delle sorgen und im Gießener Raum künftig wieder mehr Kinder Fußball spielen«, sagt Kreisfußballwart Henry Mohr. »Wir dürfen nicht in Panik verfallen. Die Vereine machen gute Arbeit. Das Wichtigste ist, dass genügend Trainer ausgebildet und qualifiziert werden. Darauf muss der Fokus liegen.«

Wir beleuchten die Probleme anhand zweier Beispiele - an der JSG Wirberg und am Beispiel des TSV Lang-Göns, der als einer der ganz wenigen Vereine im Kreis noch eigenständig funktioniert und es schafft, alle Altersklassen zu besetzen.

Rund 150 Kinder spielten im Vorjahr bei der JSG Wirberg - in dieser Saison sind es nur noch rund 110. Die JSG ist eine von 14 Spielgemeinschaften im Gießener Jugendfußball. Harbach, Ettingshausen, Reiskirchen, Burkhardsfelden, Bersrod und Saasen haben sich zusammengeschlossen, um den Spielbetrieb aufrechtzuerhalten.

In den jüngeren Jahrgängen sieht es noch gut aus, zwei Mannschaften werden in F-, E- und D-Jugend gestellt. »Da ist die Beteiligung der Eltern sehr groß«, weiß Thorsten Becker, Jugendleiter aus Saasen. Die Hoffnung, dass das Kind ein außergewöhnlicher Fußballer werden kann, lebt. »Je älter die Kinder werden und noch immer bei uns spielen, desto eher lässt das Interesse nach.«

Viele klagen über Trainermangel

Das bestätigt Rocco Aiello, Jugendleiter in Langgöns: »Wenn das Kind einigermaßen Fußball spielen kann, reicht den Eltern heutzutage die Kreisliga in der Jugend nicht mehr aus.« Ein kleines Puzzlestück, das dazu beiträgt, dass es viele früh vom Heimatverein wegzieht und es spätestens in der B-Jugend oft dünn wird.

Die »geburtenschwachen Jahrgänge« schlagen überall zu Buche. »In Saasen wird im kommenden Jahr kein einziges Kind konfimiert«, weiß Becker. »Wo sollen dann die Fußball spielenden Kinder herkommen?« Das Verhältnis zum Sport habe sich zudem gewandelt. »Die Eltern sind mobil, tun alles für ihre Sprösslinge, die häufig noch Judo oder andere Sportarten betreiben. Früher gab’s auf dem Dorf quasi nur Fußball, heutzutage tausend Möglichkeiten in der Umgebung.«

Das vermutlich größte Problem plagt fast alle Fußballvereine und heißt Trainer- und Betreuermangel. »Früher haben Väter, die selbst mal gespielt haben, als Betreuer ausgeholfen«, weiß Becker. Das finde man heute kaum noch. »Man muss ja kein Fußballfachmann sein - trotzdem war das Feedback vor der Saison bei den Eltern fast null.« In der G-Jugend müsse man so teilweise Kinder ablehnen, »weil wir nicht 40 Kinder mit zwei Betreuern versorgen können«.

Fast alle Vereine haben mit diesen Problemen zu kämpfen und schließen sich immer häufiger zu Spielgemeinschaften zusammen. Damit werden die Fahrtwege länger. In Laubach gibt es nun eine Jugendspielgemeinschaft mit allen acht Ortsteilen. Altenhain und Münster trennen 20 Minuten Fahrtzeit, trotzdem zählen die Orte grundsätzlich zu einer Spielgemeinschaft.

Vor allem im Alsfelder Fußballkreis sorgt die reduzierte Anzahl an Mannschaften dafür, dass keine eigene Kreisliga mehr gestellt werden kann. Der Zusammenschluss mit anderen Kreisen wie Gießen oder Marburg steht an - und die Fahrtwege werden länger. Für die zweite Mannschaft der JSG Buseck/Rödgen beispielsweise geht es bei den B-Junioren in der Kreisliga Alsfeld/Marburg unter anderem über 50 Kilometer weit zum JFV Stadtallendorf/Ostkreis.

Lange Strecken bleiben Kindern und Eltern beim TSV Lang-Göns zumindest dahingehend erspart, als dass der Verein die Jugendarbeit eigenständig aufrechterhalten kann. Konstrukte wie die FSG Wettenberg, der JFV Mittelhessen oder die JSG Grünberg kommen gut zurecht, dass ein Verein alleine aber alle Altersklassen abdeckt, ist eine Rarität im Gießener Fußballkreis. Wie bei der JSG Wirberg auch, trainieren rund 150 Kinder beim TSV - bloß dass sie von einem und nicht sechs Vereinen stammen. Wie funktioniert das? »Das ist mit sehr viel Arbeit verbunden«, weiß Jugendleiter Aiello. »Und es wird von Jahr zu Jahr schwieriger.«

Talente gebündelt an einer Stelle

In Langgöns wird die Arbeit mit den jungen Fußballern akribisch betrieben. Jedes Jahr wird ein großes Fußballcamp organisiert, der Förderverein unterstützt, wöchentlich ist der Verein im Kindergarten vertreten. »Wir haben jedes Jahr einen jungen Erwachsenen bei uns, der sein Freiwilliges Soziales Jahr arbsolviert«, schildert Aiello. »Wir fördern ihn mit einer zusätzlichen Ausbildung zur Fußball-Trainerlizenz, er geht dann einmal in der Woche in den Kindergarten. Dort wird unter der Aufsicht einer Erzieherin Fußball gespielt. Unser FSJler versucht, die Kinder an den Verein zu binden.«

Mit der Zeit werde es aber immer schwerer, die Jugendlichen in den Folgejahren dann auch zu halten. »Andere Vereine, die etwa regelmäßig in der Gruppenliga spielen und sportlich erfolgreicher sind als wir, bedienen sich bei uns und nehmen uns die Spieler weg.« Wenn die TSG Wieseck sich in manchen Jahrgängen vier Mannschaften leiste, »dann fallen schon einmal ganz schön viele Spieler weg. Die, die Talent haben, sind bei den kleineren Vereinen schnell weg.«

Markus Strauch, Jugendleiter beim VfR Lich, der in der A-Jugend künftig mit Hungen kooperiert, gab schon im Herbst 2018 zu bedenken: »Die zwei, drei Topspieler haben für den Heimatverein eine große Bedeutung, ziehen moralisch und leistungsmäßig zehn Spieler mit.« Und Jens Riedel, Jugendtrainer beim TSV Klein-Linden, meint: »Wie werden sich Kinder fühlen, wenn sie erfahren, dass viele Mitspieler sehr früh und häufig den Verein wechseln? Diese Kinder werden sich fragen: Ist mein Verein nicht gut genug, weil so viele Kinder wechseln? Sind wir als Mitspieler nicht gut genug?«

Immer häufiger geht der Trend dahin, dass jedes Talent früher oder später beim FC Gießen oder der TSG Wieseck landet. Im letzten Jahr waren beide die einzigen Stadtvereine, die eine A-Jugend gestellt haben, in dieser Saison kommt der MTV 1846 Gießen hinzu. Aiello meint: »Den großen Vereinen mit ihren Nachwuchsleistungszentren spielt es in die Karten, wenn die talentierten Fußballer gebündelt an einer Stelle sind. Gehen sie zum FC Gießen oder zur TSG Wieseck, haben sie die allermeisten Talente im Kreis schon gesichtet. Für die kleinen Vereine wird es immer schwerer.« (Fotos: pm/msr)

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