23. Juli 2020, 12:00 Uhr

Rad

Hoch und runter, der Schiffenberg als Monsterhügel

Kein normaler Tag am Schiffenberg. Er beginnt um 4 Uhr morgens und endet nachts kurz nach 1 Uhr. Dazwischen: Quälerei, Aufmunterung, Schmerzen, Atemnot, Applaus. Ein Erlebnisbericht.
23. Juli 2020, 12:00 Uhr
Not macht erfinderisch: Geli Valentin (l.) kühlt meinen erhitzten Körper mit der Wasserspritze runter. FOTOS: CYCLINGPICS.DE/HTR

Mitten in der Nacht erreicht mich ein WhatsApp-Foto: Wolfgang Rinn und Chris Wolter stehen Arm in Arm auf dem Buswendeplatz auf dem Schiffenberg, ein Hauch von angebrochenem Tag lugt über die Baumwipfel im Hintergrund - und los geht es. Hoch und runter, immer wieder. Lange geplant, sogar als sogenanntes Charity-Event zugunsten der »Tour der Hoffnung«, muss diese radsportliche Ausdauerleistung wegen der Corona-Pandemie nur mit dem notwendigsten personellen Aufwand auskommen. Geli Valentin und Dagi Rinn kümmern sich dabei um Verpflegung, frische Kleidung und leisten natürlich auch moralischen Support. Auf den wird es noch ankommen.

Mit (leider immer noch) 93 Kilogramm Lebendgewicht bei einer Körpergröße von 1,74 m liegt es auf der Hand: Ich bin alles andere, aber kein versierter Bergfahrer. Da hänge ich bei hügeligen Gruppenausfahrten meist im Gruppetto fest. Also nicht so mein Ding, ständig den Schiffenberg hoch- und runterzufahren. Aber unterstützen möchte ich die Vereinskameraden von der RV 1904/27 Gießen-Kleinlinden schon, und so mache ich mich kurz nach 8.30 Uhr per Rennrad auf den Weg zum Gießener Hausberg. Da begegnet mir bei meiner ersten Auffahrt Daniel Mauser, der »Everesting-Spezialist« schlechthin, der kürzlich auf dem Wettenberger Falkenberg das steilste 10 000-Höhenmeter-Everesting Deutschlands abgeliefert hat. Auch er ist gekommen, um Rinn und Wolter zu unterstützen, ehe sich der Assistenzarzt zum 24-Stunden-Dienst ins »EV« verabschiedet.

Die Sonne steht noch nicht hoch genug am Himmel, und so nehme ich von den Bäumen beziehungsweise deren Schatten geschützt die ersten Auf- und Abfahrten in Angriff. So 1000 Höhenmeter schweben mir vor, ein »Wasserkupping« also, und ich komme dabei gut voran. So nach 11 Uhr zeigt mein Garmin-Aufzeichnungsgerät 1000 Höhenmeter an, Zeit für eine Pause - Auftrag erledigt. Die Temperatur steigt, mein zweiter »Erzfeind« neben hohen Neigungsprozenten bei Anstiegen. »Komm, fahr noch ein bisschen weiter«, muntert mich Valentin auf, und so nehme ich mir noch den Großen Feldberg im Schwarzwald (1277 m) und Großen Arber im Bayerischen Wald (1455,5 m) vor, um die höchsten Erhebungen der Mittelgebirge unter die Räder zu nehmen. Ich habe ja heute sonst nichts vor, und als die 1500er-Marke geknackt ist, überlege ich während einer kleinen Pause: Was jetzt? Nach kurzer Überlegung kommt der »Geistesblitz«, das Nebelhorn meiner »zweiten Heimat« Oberstdorf. Also weiter, bis auf 2224 m hinauf.

Der Zeiger wandert weiter auf die 15-Uhr-Marke, die Sonne brennt nun erbarmungslos an diesem Tag, so langsam macht sich der Kräfteverschleiß bemerkbar, die Oberschenkel brennen, die Luft geht mehr und mehr aus. Dennoch: Nach dem »Nebelhorning« will ich es wissen und nehme zum Abschluss noch die höchste Erhebung Deutschlands ins Visier, die Zugspitze mit ihren 2962 Metern. Allerdings werden die Intervalle, in denen ich von den Mitstreitern überholt werde, immer kürzer. Und so langsam schwirren auch Gedanken durch den Kopf wie: »Spinnst du eigentlich, was soll das hier?« Aus zwei, drei Stunden Unterstützung sind inzwischen acht Stunden geworden. Das größte Problem ist die drückende Hitze, die Schwüle. Valentin steht inzwischen bei fast jeder Auffahrt bereit und kühlt mich mit der Wasserspritze ein wenig ab. Inzwischen ist auch Peter Schaum am Schiffenberg eingetroffen und spult die Auf- und Abfahrten bei frischen Kräften in einem für mich atemberaubend hohen Tempo ab. Und Ehefrau Christina, sie begleitet und unterstützt mich in der Endphase dieses denkwürdigen Tages.

Wolter hat inzwischen sein »Matterhorning« (4478 m) beendet, um später noch einmal in die Strecke einzusteigen. Und Rinn hat das Everest-Basecamp längst hinter sich gelassen und ist auf dem virtuellen Weg durch den Khumbu-Gletscher auf 6000 m Höhe.

Zwischendurch kommen immer wieder einmal Vereinsmitglieder, Bekannte und Freunde vorbei und schauen uns bei unserem Tun zu. So auch Prof. Andreas Böning, der sich als Herzspezialist allerdings keine Sorgen um unsere Befindlichkeit machen muss. Und auch Dr. Iris Schleicher kann beruhigter Dinge wieder nach Hause fahren, niemand ist zu Fall gekommen und muss am Knie, Fuß oder Bein operiert werden.

18.15 Uhr: 3015 Höhenmeter zeigt der Garmin an. Es reicht. Stolz, aber auch ganz schön kaputt nach weit über 50 Auffahrten, 115,04 km Gesamtstrecke und 8:18:13 Stunden Bewegungszeit. Doch der Tag ist längst noch nicht vorbei. Ein seit Tagen verabredetes Essen wird nicht abgesagt, das gehört sich nicht, und gegen 23 Uhr stellt sich dann die Frage: Was machen wir jetzt? Na klar, zurück auf den Schiffenberg.

Bei der Auffahrt fallen mir sofort die von Valentin und Dagi Rinn in den Kurven verteilten Blinklichter auf, und plötzlich kommt mir Wolfgang Rinn entgegen. Er fährt also noch, und Wolter hat sich inzwischen auch wieder aufgemacht, um nun die Marke von 6000 Höhenmetern zu knacken. Zum festen Kern der Unterstützer hat sich inzwischen auch Roger Preibisch eingefunden, der glücklicherweise seine »Alpha« dabei hat, die mit 7200 Lumen leistungsstärkste Lampe, die Lupine jemals gebaut hat. Denn der Akku von Wolfgang Rinns Lampe quittiert nach Mitternacht seinen Dienst. Und plötzlich klingelt das Handy, auch das noch, Reifenschaden in der vorletzten Kurve vor dem Pkw-Stellplatz auf dem Schiffenberg. Die Ersatzschläuche passen nicht, zusammen mit Dagi Rinn schnell heim, ein Ersatzlaufrad in den Kofferraum gepackt und zurück auf den Schiffenberg. Inzwischen sind mehrere Minicars eingetroffen und laden Studenten aus, die per Nachtwanderung wieder zurück nach Gießen aufbrechen wollen. »Was ist denn hier los?«, zeigen sie Interesse an unserem kleinen beleuchteten Hotspot am Buswendeplatz, und nach einer kleinen Einweisung in die Thematik und kurzen Irritationen (»Ich wusste gar nicht, dass man mit dem Fahrrad auf den Everest fahren kann«) legen sie mehrfach eine beeindruckende La Ola hin, manche von ihnen nehmen sogar per pedes noch die Verfolgung auf. Die Stimmung - wie hinauf zur L’Alpe d’Huez - könnte am Schiffenberg nicht besser sein. Und als Rinn kurz nach 1 Uhr in der Nacht die magische Zahl von 8848 Höhenmeter erreicht hat, stemmt er voller Stolz sein Bike in die Höhe.

Es ist geschafft. Wolfgang Rinn hat nach 311 km stattliche 8890 Höhenmeter im Sack, Chris Wolter weist über 6000 hm auf, Pit Schaum 2850 hm und ich 3015 hm. Inzwischen hat es in der Trainingsperiodisierung zu weiteren »Wasserkuppings« gereicht, was nicht die letzten bleiben sollen. Denn das Fernziel ist klar für mich definiert: das Höchste, was unser Planet hergibt.

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