15. Juni 2020, 07:00 Uhr

Rad EVERESTING-DATEN

Hoch und runter - »Everesting« am Falkenberg

Wer auf die höchste Spitze unseres Erdballs will, der macht sich kurz nach Mitternacht von Camp IV aus auf den Weg. Daniel Mauser startete kurz nach 4 Uhr im Morgengrauen - mit dem Rad.
15. Juni 2020, 07:00 Uhr
Mt. Everest steht auf der Straße als Motivaton für Daniel Mauser - und nach 11:06 Stunden war der höchste Berg der Erde via Falkenberg mit 186 Auf- und Abfahrten bewältigt. FOTOS: HERTEUX

Das ist doch verrückt? Nicht selten wird der Assistenzarzt (Orthopädie und Unfallchirurgie) am evangelischen Krankenhaus mit solchen Fragen konfrontiert. Aber was ist schon verrückt? Ver-rückt sind Dinge oder Handlungsweisen, die stark von der Norm abweichen. Und in diesen Bereichen fühlt sich der 34-jährige Gießener pudelwohl, schließlich hatte er erst im März eine 500 Kilometer lange Nonstop-Fahrt auf dem Rennrad von Gießen an die Küste zurückgelegt.

Nun galt es, das »Everesting« aus dem Vorjahr in der Nähe des Aartalsees mit einer durchschnittlichen Steigung von fünf Prozent, 22:59 Stunden Fahrtzeit und 425 Kilometern Gesamtstrecke zu toppen - aber deutlich. Und dazu hatte sich Mauser eine brutal schwierige Strecke ausgesucht - den Falkenberg in Wettenberg. Ein Anstieg, der keinerlei Regeneration zulässt.

»Nach dem Umzug in die Gießener Weststadt erkundete ich erstmals am 28. Februar 2016 den Falkenberg mit seiner schnurgeraden 300 Meter langen Straße, die bei Neigungsprozenten von bis zu 15 Prozent 50 Höhenmeter aufweist«, von nun an war der Assistenzarzt Feuer und Flamme für diesen Steilabschnitt, den er inzwischen weit über 3500-mal mit dem Rad hoch- und runtergefahren ist - alles dokumentiert auf der Internetplattform Strava.

Und so nahm Mauser Ende 2019 die Planungen auf und forcierte das Training, »meist habe ich nach 24-Stunden-Diensten den Falkenberg unter die Räder genommen«, einmal sogar mit 52 Auffahrten.

Natürlich hat sich der fahrradbegeisterte Mediziner auch technischen Support geholt und sein Rennrad der Marke Cannondale CAAD 13 mit einer bergtauglichen Übersetzung von 50/30:11/34 ausrüsten lassen und zudem der StVZO entsprechend ausgestattet. »Am Abend zuvor habe ich noch den Wendebereich vom Kies befreit«, um Sturzgefahren zu minimieren. Dann ging es früh ins Bett.

4:24 Uhr, Start frei für das »Everesting«. »Im Osten war schon ein heller Streifen am Horizont zu sehen«, und gegen 5:30 Uhr waren die ersten »Falkenberger« vor Ort zur »La-Ola-Welle«. Das Marschprotokoll sah vor, die ersten 2000 Höhenmeter mit der drittleichtesten Übersetzung (27 Zähne) zu absolvieren, schließlich mussten noch Reserven für spätere Stunden vorgehalten werden.

Bereits am Vortag hatten Radsportkollegen Durchhalteparolen auf den Asphalt des knackigen Anstiegs gemalt, auch war Mauser von den »Besuchen an der Strecke beeindruckt«, selbst die Eltern reisten aus Heilbronn an.

»Um 8 Uhr waren 3000 Höhenmeter erreicht, um 10 Uhr sogar schon die Hälfte geschafft«, nun trieb ihn auch die Gewissheit voran, nicht in oder durch die Nacht wie im Vorjahr fahren zu müssen. Nach 5000 Höhenmetern schaltete Mauser in die leichteste 30:34-Übersetzung, und kurz nach 13 Uhr legte er einen »kleinen Notstopp ein, mir fehlte der Zucker, was ich im Kopf und bei der Konzentration merkte«.

Nach über 7000 Höhenmetern wurde der Radsportler von Ehefrau Eva und Töchterchen Ida nicht nur mittagsessenstechnisch versorgt, auch die Gegenwart seiner Lieben trug zur moralische Unterstützung bei. Schließlich befand sich der Gießener inzwischen in einem Bereich, in dem trotz intensiven Trainings ohne unbedingter Leidensfähigkeit nichts mehr geht.

17.08 Uhr, geschafft - Mausers Garmin-Aufzeichnungsgeräte zeigten 8864 Höhenmeter an. »Jetzt war es Zeit für eine ausgedehntere Pause«, allerdings noch lange nicht Schluss, die 10 000 galt es noch vollzumachen. Inzwischen hatte auch der Pohlheimer Wolfgang Rinn (siehe Bericht unten) den Falkenberg in Angriff genommen, mit einem Mountainbike. 4487 Höhenmeter waren zu erklimmen, was der Höhe des Matterhorns entspricht. Mausers erweitertes Everesting sollte dann noch bis 19.55 Uhr andauern, wobei er in dieser Phase auch eine moralische Unterstützung für Rinn bedeutete.

12:52 Stunden saß Mauser schließlich auf dem Rennrad und verbrachte 15:31 Stunden am Falkenberg. Damit lieferte Mauser das steilste 10 000-HM-Everesting in Deutschland und sechststeilste weltweit ab und hat sich damit weitere Einträge bei everesting.cc gesichert. Keine Frage, diese Energieleistung war nur dank eines unbändigen Willens und bemerkenswerter Zähigkeit möglich. Und natürlich, Mauser plant schon wieder neue Hoch-und-runter-Projekte. Wer ihn auf Strava verfolgt, hat schon eine erste Ahnung.

Rinn hoch auf das Matterhorn

»Hätte ich im Vorhinein gewusst, auf was ich mich da eingelassen habe, ich hätte es vermutlich bleiben lassen.« Deutliche Worte von Wolfgang Rinn, dem Vorsitzenden der Radfahrervereinigung 1904/27 Gießen-Kleinlinden, der schon am frühen Morgen Daniel Mauser bei seinem »Everesting« (siehe Bericht oben) einen Besuch abstattete, anschließend seinen beruflichen Verpflichtungen nachkam und gegen Mittag auf das Mountainbike stieg. Mindestens 4478 Höhenmeter sollten es werden, also von null auf das Matterhorn beziehungsweise den halben Everest hoch.

Ursprünglich war das »Everesting« oder »Matterhorning« als Charity-Event geplant, allerdings machte die Corona-Pandemie diesem Vorhaben einen Strich durch die Rechnung. Denn entsprechend »groß angelegt« konnte das Hoch- und Runterfahren am Falkenberg nicht durchgeführt werden, dennoch freute sich Rinn zusammen mit Mauser, dass einige Unterstützer den Weg nach Wettenberg gefunden haben und - mit entsprechendem Abstand - die beiden anfeuerten.

Rinn, der für dieses Jahr diverse Teilnahmen bei Radsportevents im In- und Ausland geplant hatte und wegen der Corona-Krise sein Programm komplett über den Haufen werfen musste, war am Falkenberg angetreten, 95-mal hoch- und runterzufahren. »Das war schon grenzwertig. Umso mehr zolle ich Daniel Mauser Respekt für seine grandiose Leistung.« Und wenn der Mediziner bei der Auffahrt Rinn passierte, war es dem Pohlheimer »nicht möglich, das Hinterrad zu halten. Der Rollwiderstand, das gesamte Paket MTB ist mit einem Rennrad wohl nicht zu vergleichen.«

Nach 2000 Höhenmeter hatte der 51-Jährige »einen ersten Hänger«, aber dann »platzte der Knoten - einfach Kopf ausschalten und stumpf diesen Berg hoch- und runterfahren.«

Obwohl die Voraussetzungen mit Arbeit und Unkenntnis der Strecke nicht die besten waren, hat es »Spaß gemacht, Mauer begleiten zu dürfen«. Wie der Mediziner auch, hat sich Rinn in der Hall of Fame bei everesting.cc registrieren lassen. Die Strecke gehört im Vergleich zur Gesamtkilometerleistung zu den anspruchsvollsten überhaupt. Und bestimmt wird das »Matterhorning« nicht der letzte Eintrag für Rinn bei everesting.cc gewesen sein.

Everesting: 8864 Höhenmeter, 186 Auf- und Abfahrten, Gesamt 130,3 km, Bewegungszeit 11:06 Stunden, Gesamtzeit 12:44 Stunden.

»10 000er« Everesting: 10 186 Höhenmeter, 214 Wiederholungen, Gesamt 150,28 km, Bewegungszeit 12:52 Stunden, Gesamtzeit 15:31 Stunden.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Assistenzärzte
  • Ethik und Moral
  • Evangelische Kirche
  • Mountainbike
  • Sport-Mix
  • Wolfgang Rinn
  • Übersetzung
  • Ronny Herteux
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos