14. November 2018, 07:00 Uhr

Jugendfußball

Gießener Jugendfußball ohne Moral

Im Jugendfußball Gießen werden Neunjährige auf einen Vereinswechsel angesprochen. Der Zweikampf zwischen FC Gießen und TSG Wieseck verschärft die Situation für die kleinen Clubs.
14. November 2018, 07:00 Uhr
Die E-Jugendlichen werden schon im Alter von neun Jahren von der TSG Wieseck angesprochen. (Foto: ras)

Immer seltener steht im heimischen Jugendfußball das Kind im Vordergrund: Eltern streben die große Karriere an, Vereine sind auf ihren eigenen Vorteil aus – Verschleiß gehört zum Geschäft. Fast schon folgerichtig werden so auch im Gießener Raum immer mehr Jugendliche egoistischer. Ein Überblick im Herbst 2018.

Wie der Jahrgang 2008 in Gießen symbolisch für ein abgedrehtes Geschäft im Jugendfußball steht

Dieser Fall zeigt, dass auch die Eltern einen großen Anteil an der verrückten Entwicklung im Jugendfußball haben. Elf heimische E-Jugendliche können aktuell keine Ligaspiele bestreiten – sie müssen ihre dreimonatige Sperre absitzen. Weil ihre Eltern einen Wechsel während der Saison, außerhalb der Wechselfrist, forciert haben. Im Winter 2016 zieht der 2008er-Jahrgang des VfB 1900 Gießen mit elf Spielern zur TSG Wieseck und spielt dort fortan in der F-Jugend. Im Herbst 2018 nun verlässt ein Großteil dieser Gruppe Wieseck wieder, macht die Kehrtwende – und wechselt geschlossen zurück, nun zum FC Gießen, außerhalb der Wechselfrist wohlgemerkt.

Bild mit Symbolcharakter aus der aktuellen B-Junioren-Saison: Der FC Gießen jagt die TSG Wieseck. (Foto: hf)
Bild mit Symbolcharakter aus der aktuellen B-Junioren-Saison: Der FC Gießen jagt die TSG W...

»Die sportliche Förderung war in Wieseck nicht gegeben, in der E-Jugend haben die abgesprochenen Freundschaftsspiele mit überregionalen Teams nicht stattgefunden«, sagt Mathias Faber, ein Elternteil der Gruppe, deren Kinder nun gewechselt sind – und damit eine Kettenreaktion nach sich gezogen haben. Fabers Sohn wechselte erst vor der Saison von Großen-Linden nach Wieseck, wenige Monate später geht’s schon weiter nach Gießen. Weil die Eltern des E-Jugend-Jahrgangs mit der Situation in Wieseck unzufrieden gewesen seien, »entstand eine Gruppendynamik« innerhalb der Elternschaft.

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Ob der im September noch als Trainer der TSG angestellte Jochen Pfeifer eine Rolle spielt oder nicht, ist letztlich irrelevant – offenbar genauso wie die Meinung der Kinder. Die Situation in Wieseck habe auch beim Kind für Unmut gesorgt, sagt Mathias Faber. Aber: »Die Entscheidung haben die Eltern getroffen. Beim FC Gießen hat man uns gerne aufgenommen.«

Dort wird ebenfalls Kreisliga gespielt, das Hauptargument: Leistungsvergleiche, u.a. mit Eintracht Stadtallendorf) – im Wissen, dass die Kinder nun mehrere Monate gesperrt sind. Wieseck fehlen auf einen Schlag also elf E-Jugendliche. Die Blau-Weißen reagieren und berufen Mitte September ein Sichtungstraining ein.

Wie »kleine« Vereine wie Klein-Linden oder Leihgestern unter den härteren Bedingungen leiden

Sechs E-Jugendliche, u.a. vom TSV Klein-Linden und der TSG Leihgestern, wechseln daraufhin außerhalb der Wechselfrist nach Wieseck. Es ist der Anlass für den Unmut von Kleinlindens Jugendtrainer Jens Riedel, der sich mit einem Beschwerdebrief an den Verband wendet und unter anderem schreibt: »Vereinswechsel sollen grundsätzlich in der Zeit vom 1. bis 30. Juni erfolgen. Wie kann es sein, dass die TSG Wieseck mit einer reichlich unverfrorenen Aktion dieses Gebot zahlreich missachtet und schon kurz nach Saisonbeginn über zehn E-Junioren bei ihren Heimatvereinen mitten aus dem Wettbewerb reißt wie Radieschen aus der Erde?«

Für Wiesecks Jugendleiter Deniz Solmaz ist die Entwicklung völlig normal. "Es gibt Regionen, da geht es noch ganz anders zu." (Foto: Friedrich)
Für Wiesecks Jugendleiter Deniz Solmaz ist die Entwicklung völlig normal. "Es gibt Regione...

Sechs Wechsel nach Wieseck wurden seit September beim Verband registriert, weitere folgen zeitnah. »Bei sechs Spielern regt man sich auf?«, fragt Wiesecks Jugendleiter Deniz Solmaz. »Das ist völlig normal. Es ist klar, dass der Markt härter wird. In anderen Regionen geht es noch ganz anders zu. Wir bekommen auch Spieler abgenommen. Ich habe eben einen Anruf bekommen, dass ein Verein einfach mal alle unsere U15-Spieler ansprechen wird.«

Während Wieseck den Verlust mit dem Lockruf an die Spieler kleinerer Vereine ausgleicht und den Kader so auffüllt, klagen die Vereine an der Basis. »Inzwischen werden nicht nur Top-Talente abgeworben, sondern auch lediglich gute Durchschnittsspieler«, sagt Riedel von Klein-Linden. »Damit schadet man den Breitensportvereinen. Von klein auf gewachsene, gut funktionierende Junioren-Mannschaften werden so regelrecht zerfleddert.«

Markus Strauch, Jugendleiter beim VfR Lich, klagt: »Die zwei, drei Topspieler haben für den Heimatverein eine große Bedeutung, ziehen moralisch und leistungsmäßig zehn Spieler mit. Wenn ihnen dann Versprechungen gemacht werden und sie letztlich bei Wieseck III oder IV spielen, ist das nicht okay.«

Wie der Zweikampf zwischen FC Gießen und TSG Wieseck die Dynamik verschärft

Dass nicht nur die besten Spieler von anderen Vereinen losgeeist werden, beweist auch der Zweikampf zwischen FC Gießen und TSG Wieseck. Kontinuierlich versuchen beide, während der Saison die Spieler des anderen Vereins zum Wechsel zu animieren. »Man beäugt ständig die Kader der anderen«, sagt Marcel Cholibois, beim FC Gießen für A- und B-Jugend zuständig. Dieser Zeitung liegen Beweise für Abwerbeversuche der Jugendtrainer während der Saison vor, gerichtet direkt an die Spieler.

Ein Coach des FC Gießen sagt: »Ich schreibe die Jungs nur an, wenn die Wiesecker vorher meine Spieler anschreiben. Die Jungs zeigen mir das ja immer sofort. Und dann schreibe ich die Wiesecker Spieler an und frage sie, warum ihr Trainer meine Jungs haben möchte.« Solmaz sagt: »Es ist zu romantisch gedacht, dass ein Verein vorher den Trainer informiert, wenn er Spieler haben möchte. Da wirst du nur direkt vom Trainer am Telefon beschimpft.« So versuchen beide Vereine andauernd Unruhe beim Gegenüber zu stiften – ohne miteinander zu sprechen. »Es gibt kein Verhältnis, wir haben nichts miteinander zu tun«, sagt Solmaz.

Marcel Cholibois ist seit dieser Saison für die A- und B-Jugend des FC Gießen verantwortlich. (Foto: sno)
Marcel Cholibois ist seit dieser Saison für die A- und B-Jugend des FC Gießen verantwortli...

Die TSG Wieseck ist die Nummer eins im mittelhessischen Jugendfußball – noch. Der finanzstarke FC Gießen möchte das ändern. »Wenn wir daran kratzen, haben wir schon gute Arbeit gemacht«, sagt Cholibois. Und Wiesecks Solmaz gibt zu: »Wir haben uns in den letzten Jahren zu sehr ausgeruht. Gießen motiviert uns. Es ist unfassbar, was hier in dem letzten Jahr für eine Dynamik entstanden ist. Wir fliegen bald mit 28 von 35 Trainern nach Barcelona, der Zusammenhalt ist top. Wir haben neue Sponsoren, die sich uns aus Solidarität angeschlossen haben, auf der Anlage tut sich was.«

Klingt schön, ganz nach dem Motto: Konkurrenz belebt das Geschäft. Wenn es aber dafür sorgt, dass immer mehr Spieler der kleinen Vereine abgegriffen werden, um Jugendliche zur Sicherheit in D3 oder D4 zu parken, damit der Konkurrent sie nicht bekommt, schadet das dem Fußball. »Die Frage ist, wie pädagogisch da mit ihnen umgegangen wird«, fragt Lichs Jugendleiter Strauch. »Wenn sie wieder abgeschoben werden, versuchen sie es nochmal woanders und hören dann häufig auf. Zum Heimatverein kehren sie selten zurück. Der Fußball verliert so viele Sportler.«

Die Basisarbeit, die diesen Sport groß gemacht hat und am Leben hält, wird immer häufiger vergessen. Immer mehr Menschen sehen nur noch den Bahnhof Bundesliga, den die Züge der Profivereine mit ihren Nachwuchsleistungszentren ansteuern. Im Gießener Raum gesellt sich zum Wiesecker Zug mit dem FC nun ein zweiter hinzu – zwei Züge nehmen Tempo auf, befinden sich im direkten Vergleich. Die Jugendspieler werden aufgenommen, springen im Eiltempo auf und ab und werden von den Vereinen im Zweifel mitgeschliffen oder wieder abgeworfen. »Wenn du ein gutes Produkt bekommen kannst, nimmst du es«, sagt Solmaz. Kinder werden zu Produkten. Je mehr Passagiere im Zug, desto mehr Einnahmen in Form von Mitgliedsbeiträgen (in Wieseck 250 Euro im Jahr).

Welche Auswirkungen die Entwicklung auf die Jugendlichen hat

Das vorherrschende System produziert Jugendliche, für die es völlig normal ist, ständig über einen Vereinswechsel nachzudenken. Es spricht auch für gesellschaftliche Fehlentwicklungen, wenn Spieler laut Solmaz immer häufiger in WhatsApp schreiben: »Hier Coach, ich wechsel den Verein.« In Frankfurt, gebe es Vereine, die zu Saisonbeginn 40 Spieler im Jugendkader hätten, »weil sie wissen, dass es im Winter nur noch 20 sind«.

Beispiele wie die eines C-Jugendlichen des FC Gießen, der zu Saisonbeginn auf der Bank saß, deshalb direkt zur TSG Wieseck wechselte, aber nun für sechs Monate gesperrt ist, sind keine Rarität. »Das kommt mir bekannt vor«, sagt Cholibois, der fragt: »Wie sollen Persönlichkeiten entstehen, wenn man nicht auch mal mit Widerständen umgeht und Situationen meistert, die nicht so angenehm sind?« Wurden nicht genau bei der WM 2018 in der Nationalmannschaft fehlende Mentalitätsspieler beklagt?

Duell der B-Junioren aus Wieseck und Gießen. (Foto: Friedrich)
Duell der B-Junioren aus Wieseck und Gießen. (Foto: Friedrich)

Durch die ständige Umgarnung der Vereine wird den jungen Fußballern eine Bedeutung vorgegaukelt, die kurz darauf beim Zwangsabgang in B- oder A-Jugend viele Spieler vom Fußball vertreibt. Mathias Faber, Elternteil, sagt: »Mein Kind war keine neun Jahre alt, da wurde es von einem gegnerischen Jugendtrainer auf einen Wechsel angesprochen.«

Darauf sagt Jens Riedel von Klein-Linden: »Wie werden sich Kinder fühlen, wenn sie erfahren, dass viele Mitspieler sehr früh und häufig den Verein wechseln? Diese Kinder werden sich fragen: Ist mein Verein nicht gut genug, weil so viele Kinder wechseln? Sind wir als Mitspieler nicht gut genug?« Vereinstreue werde immer häufiger mit Füßen getreten, was auch die Ehrenamtlichen der kleinen Vereine zunehmend frustriere.

Warum es kaum Verbesserungsvorschläge gibt

Die Dynamik im Jugendfußball wird sich fortsetzen, ein reiner Appell an die Vernunft wird verpuffen. »Ich denke nicht, dass jemand bremst«, sagt Solmaz, der weiß, dass alle »ungeduldig sind. Die Vereine, weil keiner einen Spieler verpassen will«, die Eltern, weil sie von der großen Karriere träumen. Und Cholibois ergänzt: »Wir als FC Gießen können es uns nicht leisten, da nicht mitzumachen.« Typisch: Jeder betont, mitmachen zu müssen, um mithalten zu können.

E-Jugendliche müssen beim Wechsel außerhalb der regulären Frist drei Monate pausieren, ab der D-Jugend gibt’s bei Nicht-Freigabe des abgebenden Vereins sechs Monate Sperre. Verbandsjugendwart Carsten Well sagt: »Eine Ausdehnung der Wartefrist als Abschreckung für wechselwillige Spieler sehen wir als nicht zu verantwortende Härte an.« Lichs Jugendleiter Strauch schlägt für den Gießener Raum einen »Arbeitskreis mit zehn, 15 Vereinen« vor, in dem über Ansätze gesprochen werden müsse. Denn klar sei: »Du tust dem ganzen System Fußball keinen Gefallen damit, wenn die Spieler bei Wieseck III verschlissen werden und dann nicht mehr zum Fußball zurückkehren.«

Wiesecks Solmaz, der von vielen Jugendleitern als Buhmann angesehen wird, erklärt sich bereit für einen solchen Austausch: »Gerne. Aber wir haben das System nicht erschaffen und beschweren uns auch nicht über die zig Berater, die sich andauernd auf unserer Anlage tummeln.«

Kreisjugendwart Jürgen Jung meint nur: »Wir beteiligen uns nicht am Streit der Vereine, auch wenn wir es bedauern. Uns sind die Hände gebunden.« Weil die Vereine mit ihren Praktiken »unter der Hand« gegen keine Regularien verstoßen – und Eltern mehrmonatige Sperren ihrer Kinder für Wechsel innerhalb der Saison inkauf nehmen.

Kommentar

Eltern tragen die Verantwortung

Unser Umgang mit der Umwelt und das Verhalten im Jugendfußball sind ziemlich identisch. Wir wollen luxuriöse Lebensstandards, mehrere Flüge im Jahr und kostengünstige Supermärkte mit simplen Verpackungen – der Planet wird’s schon mitmachen. Den Plastikmüll im Ozean sieht ja keiner.
Genauso ist es im Jugendfußball: Das System wird ausgereizt, am liebsten finden TSG Wieseck und FC Gießen den künftigen Bundesliga-Star schon mit zehn Jahren in Grünberg. Kinder werden als Produkte bezeichnet. Die Ausschussware in Form von Spielern, die dem Fußball den Rücken kehren, wenn sie sich eingestehen müssen, dass der Traum vom Profifußball aus ist, interessiert keinen. Das Stadionerlebnis am Wochenende legitimiert offenbar alle Mittel.
Wenn Kinder mit neun Jahren nach Klasse selektiert und aus ihrem Umfeld gerissen werden, steht die individuelle Karriere früh an erster Stelle. Kinder sind nicht dumm und bekommen die Verschiebung der Prioritäten – weg von Vereinstreue und Kameradschaft hin zu Leistungsoptimierung und Egoismus – mit. Wie sollen da noch Teamplayer entstehen?
Dabei lernt man die Grundelemente des Fußballs auch in den kleinen Vereinen – man kann auch ein guter Fußballer werden, wenn man bis zum zwölften Lebensjahr beim Heimatverein spielt.
Nun hat der Profifußball mit seinen Verlockungen und Vereinen als Wirtschaftsunternehmen eine Geschwindigkeit aufgenommen, die sich auch auf Wieseck und Gießen auswirkt und die mit rein moralischen Appellen nicht aufgehalten wird. Zumindest für die Gießener Region oder das eigene Kind aber, haben die Eltern Einfluss und Verantwortung. Sie sind es, die Wechsel in frühen Jahren und außerhalb der Fristen absegnen. Und sie sind es, die zuerst Wertevermittlung und die persönliche Entwicklung des Kindes sehen sollten – und nicht die potenzielle Sportkarriere.

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