23. September 2020, 19:01 Uhr

Basketball

Gießen 46ers in der Blase

Ausnahmezustand Alltag: Beim Pressetraining der Gießen 46ers bekam man am Dienstagabend in der Osthalle einen Eindruck über den Profisport in Zeiten der Pandemie.
23. September 2020, 19:01 Uhr
Aufwärmen und Dehnen mit dem Basketball - Tim Uhlemann (v. r. nach l.), Tim Köpple und Johannes Richter machen es beim Pressetraining der Gießen 46ers vor. FOTO: GIESSEN 46ERS

Gießen 46ers


Nein, einen Corona-Test musste man nicht ablegen, um die Halle betreten zu dürfen. Schutzmaßnahmen aber galt es einzuhalten. Mit Mund-Nasen-Bedeckung werden die Hände desinfiziert, danach wird Fieber gemessen. Das Gerät piept: 36,0 Grad. Durch den VIP-Eingang führt uns 46ers-Pressesprecher Daniel Rohm schließlich in die Osthalle.

Über sechs Monate sind seit dem letzten Spiel vergangen. Hinter den Glasfassaden der Loge kann man Rackelo-Cheftrainer Rolf Scholz mit dem Fieberthermometer an der Stirn eines Spielers hantieren sehen. Für den Kader, Betreuer- und Trainerstab ist das längst Alltag. Für die Medienvertreter ist es eine Rückkehr nach über einem halben Jahr.

Viel verändert hat sich nicht: einerseits. Auf der Anzeigetafel leuchtet das Motto des Clubs: Tradition ist 1846. Verlässt man den VIP-Eingang, empfängt einen ein großes Werbeschild. Es weist auf das Heimspiel gegen Bamberg am 30. März hin, das nie stattgefunden hat. Auf dem Parkett quietschen die Sohlen. Athletiktrainer Lukas Lai lässt das Team an schweren Geräten kräftig schwitzen.

Alle nehmen die Hygienemaßnahmen sehr ernst. »Sehr sogar«, unterstreicht Coach Ingo Freyer, der sich für jeden Pressevertreter einzeln vor der Halle Zeit für Fragen nimmt: »Wir wissen alle, was Corona bewirkt und geben alles, das auch zu befolgen.« Neben dem Parkett wird Bjarne Kraushaar auf einer Liege behandelt - der junge Guard hatte sich eine Bänderdehnung zugezogen. Er und sein Betreuer tragen Masken, genauso wie Jonathan Stark (Oberschenkelverletzung) und Brandon Thomas (Rippenprellung). Letzterer pausiert bei den Athletikeinheiten, wird bei der Taktikübung am Ende aber als Leader auftreten und seine neuen Mitstreiter in Systeme einführen. »It’s crazy in Florida«, ruft er mir zuvor aus dem unteren Teil des F-Blocks zu. Seit vierzehn Jahren verbrachte er einen Teil des Sommers stets in der Heimat. Dieses Jahr ist der 36-jährige Forward froh, darauf verzichtet zu haben. Es seien keine einfachen Zeiten, aber in Deutschland fühle er sich derzeit sicherer.

Wir Externen nehmen im benachbarten E-Block Platz. Abstand ist das Gebot der Stunde - und Bestandteil des Vokabelexkurses von Alen Pjanic. Wie Kumpel Bjarne laboriert auch er an einer Verletzung (Rückenentzündung) und nimmt auf der Tribüne Platz. »Abstand«, »Maske«, »Wie geht es dir?« spricht er US-Neuzugang Stark vor. Dieser wiederholt erfolgreich. Pjanic erhöht die Schwierigkeit: »Haferflocken«, »Erdnussbutter«, »Wattestäbchen«. Beide sind sichtlich vergnügt. Erst als auf dem Feld Freyer das Training übernimmt und die Systeme durchspielen lässt, schauen er und Kraushaar konzentriert aus der Ferne zu.

40 prozentige Auslastung als Mittelwert

Die Umsetzung der Maßnahmen wird bei den 46ers großgeschrieben. Sie sind Ausdruck des Versuchs, innerhalb des Infektionsgeschehens im Winter Zuschauer in die Halle und Einnahmen in die Kassen zu bekommen. »Wenn wir ehrlich sind, müssen wir mit 40 Prozent über die komplette Saison rechnen«, erklärt Geschäftsführer Michael Koch mit Blick auf den Etat und die kalkulierte Auslastung. So lauten zugleich die Vorgaben der BBL: die Rechnungsgrundlage des Etats. Diese 40 Prozent sind dabei als Mittelwert zu verstehen. »Wir können vielleicht mit 20 oder 30 Prozent anfangen, irgendwann dann 80 Prozent - und dann vielleicht auch nur zehn, wenn der Pandemielevel wieder steigt«, rechnet Koch vor.

Eine weitere offene Flanke ist die nicht zur Verfügung stehende Rivers-Sporthalle in der Licher Straße. »Es ist toll, dass uns Krofdorf da zur Seite gesprungen ist«, ist Freyer dankbar für die zusätzliche Halle in der Gießener Peripherie. Eine optimale Dauerlösung aber sieht anders aus.

Rivers-Halle wird stark vermisst

In der Trainingsstätte des MTV ist gegenwärtig das Corona-Testzentrum beheimatet: »Als Leiter der Basketball-Bundesliga-Mannschaft muss ich sagen, dass es wehtut, die Halle nicht nutzen zu können.« Es gälte dort auch den Spielern entgegenzukommen: »Manche wollen Freitagabends vorm Match um 21 Uhr noch alleine für sich werfen, um ins Gefühl zu kommen«, erklärt Freyer, wie sich die Situation auf den Trainingsalltag auswirkt. »Wenn wir das nicht anbieten können, ist das schon ein Eingriff in unser professionelles Leben.« Mit der Auswahl seiner Mannschaft ist er bislang hochzufrieden. Dass die Chemie stimmt, bemerkt man auf- und abseits des Parketts auch so. Die Motivation ist mit Händen greifbar.

Die Einheit endet mit einem Huddle im Mittelkreis. Bevor die Spieler für Interviews zur Verfügung stehen, holen sie sich - natürlich - ihre Masken. Kurze Zeit später endet das »Pressetraining«. Ein Wiedersehen in der Osthalle gibt es - so der Plan - zum Saisonstart am 7. November. Zuvor steht das Pokal-Turnier in Vechta auf dem Programm.

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