Lokalsport

Fußball in Hessen: Eine Saison auf wackligen Füßen

Trainingseinschränkungen, Wettkampfverbote und etliche englische Wochen - die Fußball-Saison 2020/21 könnte coronabedingt auch im Kreis Gießen zum Abenteuer werden. Wir sagen warum.
12. September 2020, 10:00 Uhr
Sven Nordmann
Der offizielle Spielball der Bundesliga Derbystar liegt mit Mundschutz auf einem Fußballplatz. Königsdorf, 02.09.2020 **
Der offizielle Spielball der Bundesliga Derbystar liegt mit Mundschutz auf einem Fußballplatz. Königsdorf, 02.09.2020 *** The official match ball of the Bundesliga Derbystar is lying on a football field with a face mask Königsdorf, 02 09 2020 Foto:xC.xHardtx/xFuturexImage

Zwei Testspiele, eines wegen Corona-Verdacht, eines wegen eines positiven Corona-Falls jeweils beim Gegner, musste der FSV Fernwald in der Saisonvorbereitung kurzfristig streichen - die ersten beiden Pflichtspiele in der Fußball-Hessenliga wurden coronabedingt dann zunächst ebenfalls verschoben - heute nun (15 Uhr) darf der heimische Fünftligist gegen den 1. FC Hanau nun doch verspätet in die Saison einsteigen.

Der Mittwoch wird angesichts der aufgeblähten Hessenliga für die Fußballer in den nächsten Wochen zum festen Abendspieltermin: »Wenn wir«, sagt Fernwalds Sportlicher Leiter Marko Semlitsch, »beispielsweise die ersten beiden Runden im Hessenpokal gewinnen, haben wir ab sofort sieben englische Wochen am Stück.«

Kein Verein im Gießener Fußballkreis hat die potenziellen Auswirkungen von Corona bislang so gespürt wie der FSV Fernwald - vergleichweise ist der Gießener Raum bis dato glimpflich davon gekommen. Hessenweit zeichnete sich zuletzt aber bereits ab, dass die Fußball-Saison 2020/21 ein Abenteuer werden dürfte.

»Wenn sich die Erkrankungen im Spätherbst erhöhen und es in Zukunft konsequent so gehandhabt wird wie zuletzt im Main-Kinzig Kreis, befürchte ich, dass es zu einem erneuten Saisonabbruch kommen könnte«, sagt Gießens Kreisfußballwart Henry Mohr.

Weil sich in Hanau Mitte August im Wochenschnitt 63 von 100 000 Einwohnern mit Covid-19 infiziert hatten, reagierten die Stadt und weitere Kommunen mit Einschränkungen: So kam es zum Wettkampfverbot, zunächst ausgesprochen bis 21. September.

Michael Fink, Spielertrainer bei Hessenligist 1. FC Hanau und Ex-Gießener, erinnert sich: »An dem Montag, als die Einschränkungen beschlossen wurden, waren wir kurz vor der Abreise nach Gießen zum Testspiel beim FC.«

Danach trainierte der Hessenligist zweieinhalb Wochen lang ohne Kontakt, zunächst in Zehnergruppen. »Das essenziell Wichtigste konnten wir nicht ausüben, weil wir die Abstände einhalten mussten«, sagt Fink. »Viel mit Fußball hatte das nicht zu tun, wir haben uns eben läuferisch fit gehalten. Wir hatten drei Wochen lang kein Test- oder Pflichtspiel. Das ist ein klarer Nachteil.«

An diesem Montag wurde die Allgemeinverfügung angesichts von sinkenden Infektionszahlen auch für Hanau vorzeitig aufgehoben, der Verein kann wieder unter normalen Umständen trainieren und tritt heute in Steinbach an der Oppenröder Straße an.

Fink ist froh darüber, dass durch die Aufhebung nicht mehr Spiele verlegt werden müssen, sagt aber: »Wir waren in einer Wartephase, konnten nicht spielen und haben nun fünf Partien in 14 Tagen.«

Nicht nur die Vereine sind abhängig vom lokalen Infektionsgeschehen - auch für die jeweiligen Spielleiter ist die Situation eine Herausforderung: »Die Einschränkungen in Hanau und Offenbach haben uns hart getroffen«, räumt Jürgen Radeck, Vorsitzender des Verbandsauschusses für Spielbetrieb in Hessen, ein. So sei beispielsweise die Hälfte der Gruppenliga Frankfurt Ost von den Wettkampfverboten betroffen gewesen - »das war das Tollhaus«.

Wochenweise absetzen und nicht zu früh zu viele Partien verlegen, ist eine Devise - eine andere: »Schauen, dass alle einigermaßen im Gleichschritt bleiben«, erklärt Radeck, denn: »Falls wir wieder in einen Saisonabbruch reinrutschen und eine Quotientenregel anwenden müssen, sollten alle Teams annähernd gleich viele Partien absolviert haben.« Jedes Spiel könnte angesichts dessen schon jetzt eine erhöhte Bedeutung haben.

Am ersten Spieltag im Kreis Gießen lief der Spielbetrieb reibungslos - Kreisfußballwart Henry Mohr weiß aber: »Wenn sich auf einer Hochzeit im Gießener Kreis nächste Woche 50 Leute infizieren, gibt’s einen Stop und alles steht still. Wir sind schon abhängig von den Infektionszahlen im Kreis.«

Der Eskalationsplan des Landes Hessen sieht derzeit fünf Stufen vor. Unter 20 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohnern in den letzten sieben Tagen läuft der Routinebetrieb. Ab 20 Neuinfektionen herrscht »erhöhte Aufmerksamkeit, angepasste Maßnahmen« werden ergriffen. Ab 35 Infektionen finden sich Planungsstäbe zusammen, »erweiterte Maßnahmen« folgen. Übersteigt die Zahl der Neuinfektionen die 50, ist die Stufe rot erreicht: »Konsequentes Beschränkungskonzept.« Stecken sich sogar mehr als 75 Menschen pro 100 000 Einwohnern an, wird das Innenministerium eingeschaltet.

So kommt es zu unterschiedlichen Handhabungen in jedem Kreis und dazu, dass in Wiesbaden derzeit nur 50 Zuschauer für ein Fußballspiel erlaubt sind. In Gießen dürfen 250 Besucher kommen, ehe eine Sondergenehmigung, wie sie der FC Gießen erhalten hat, beantragt werden muss.

Matthias Bausch, stellvertretender Verbandsfußballwart, erklärt: »Zuschauer ist, wer Eintritt bezahlt. Die Kontakte müssen nachverfolgbar sein - wer eine Aufgabe für Heim- oder Gastmannschaft besitzt, zählt nicht als Zuschauer.«

Kommt es zu einem positiven Corona-Test innerhalb der Mannschaft, wie Anfang August bei A-Ligist FSG Lollar/Staufenberg, muss das gesamte Team in Quarantäne, wenn es Kontakt mit dem Infizierten hatte. Mohr: »Ein Verdachtsfall mit Krankheitssymptomen reicht nicht aus.« Die Quarantäne-Pflicht gilt auch für den Gegner, sollte dieser mit dem infizierten Spieler Kontakt gehabt haben. »Die Quarantäne-Pflicht kann vorzeitig nur durch einen negativen Test aufgehoben werden«, sagt Mohr, der sich nach dem Auftakt vergangene Woche Berichte von jedem Sportplatz schicken ließ. Ergebnis: »Eine verdreckte Schiedsrichterkabine und ein schlechter Platz, sonst alles top.«

Die Hoffnung, dass der Spielbetrieb nun lange ohne Unterbrechung fortgeführt werden kann, ist groß. Matthias Bausch: »Wir sind froh, dass der Ball wieder rollt. Es wird zu Spielabsagen kommen. Wir hoffen alle, dass es im Rahmen bleibt.« SYMBOLBILD: IMAGO

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/sport/lokalsport-gaz/Lokalsport-Fussball-in-Hessen-Eine-Saison-auf-wackligen-Fuessen;art1434,701756

© Giessener Allgemeine Zeitung 2016. Alle Rechte vorbehalten. Wiederverwertung nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung