22. September 2017, 21:23 Uhr

Frischluft in Gießens Sport

Calisthenics, Fit-Mom oder Training im Freien: In den letzten Monaten hat sich ein Trend entwickelt, der den Sport in Gießen zunehmend ins Grüne trägt. Während das kostenlose Streetworkout fast von alleine wächst, versuchen junge Unternehmen Fuß zu fassen.
22. September 2017, 21:23 Uhr

60 junge Menschen, die samstagmittags zu lauter Musik in der Wieseckaue trainieren, Mütter, die sich mit Kind im Arm an der frischen Luft nach der Schwangerschaft wieder in Form bringen und ein Dutzend Sportler, die sich im Licher Bürgerpark beim »Training im Freien« verausgaben – das Bedürfnis nach mehr Fitnesssport im Grünen wächst. In den letzten Monaten ist in Gießen ein Trend entstanden, der für alle interessant ist: Für potenzielle Sportler, für die Gesichter der Bewegung, aber auch für die klassischen Vereine. Denn mit dem Trend zu mehr Sport im Grünen wächst eine neue Bedrohung heran – Unternehmen gründen sich und wollen das Bedürfnis auffangen.

Die Idee des Fitnessstudios wurde erweitert und nach draußen verlagert. »Dein Fitnessstudio im Grünen« nennt sich »Greenletics«, das aktuell zwar erst über einen Stamm von rund 30 Mitgliedern verfügt, aber auch erst im Juni gegründet wurde. »Man merkt, dass die Leute wieder raus wollen«, sagt Personaltrainerin Annika Jung. »Sie sitzen den ganzen Tag im Büro und wollen dann spätestens beim Sport auch mal wieder in die Natur.« Weiter als »Greenletics« ist die Organisation »Training im Freien«, die gerade dreijähriges Jubiläum feierte und konstant wächst: In diesem Jahr wurden fünf neue Standorte erschlossen und elf neue Trainer eingestellt. Der Höhepunkt aus Gießener Sicht aber ist aktuell das Streetworkout in der Wieseckaue, wo zig junge Menschen einen Körperkult entwickeln.

Zwei Zahnmediziner, ein Ingenieur, ein Vertriebler und ein Umweltmanagement-Student, alle zwischen 25 und 30 Jahren, leiten das Training, das vor zwei Jahren mit sieben Teilnehmern begann und mittlerweile am Samstag verlässlich 50 bis 60 Leute versammelt. »Unser Ansatz ist immer ein Ganzkörpertraining«, sagt Jan Gellert, 25. Mobilität ist das erstrebenswerte Lieblingswort der fünf Sportler und soll bedeuten: »Wie weit komme ich mit meinem Gelenk, wenn ich es gleichzeitig belaste?« Alle fünf haben keine sportlich qualifizierte Ausbildung – ihre Bibel war das Buch »Werde ein geschmeidiger Leopard«, später bildeten sie sich durch Fachzeitschriften, Videos und Seminare fort – und testen die Übungen selbst aus.

Hier landet man direkt beim Hauptkritikpunkt: »Die pumpen nur und ignorieren die Trainingsprinzipien«, ist ein bekanntes Vorurteil. »Die Verletzungsgefahr ist hier nicht höher«, sagt Niklas Wagner, 26. Mit der Zeit habe man gelernt, mehr auf Beweglichkeit und Nachhaltigkeit zu achten. »Bei der Ausführung passt immer jemand auf und ein Warm up ist verpflichtend. Und das Gute ist: Niemand wird komisch angeguckt, wenn er etwas nicht leisten kann.«

Im Gegensatz zu den Unternehmen ist Streetworkout kostenlos – ein Vorteil gegenüber Fitnessstudios, ein weiterer liege im Training mit dem eigenen Körpergewicht: »Die Maschinen geben mir den Bewegungsradius vor – an den Ringen werde ich ständig gefordert, auszugleichen. Bei uns wird man beweglicher«, sagt Wagner. Calisthenics nennt sich dieser Sport, der bald auch zum MTV 1846 Gießen zählt: Im Winter treten die Sportler ein und bieten dann Training in der Halle an. Die Sportart kommt allmählich in der Gesellschaft an – beim Weltkindertag am 17. September wurden zwei Workshops angeboten. Vertreten war dort auch »Greenletics«. Das »Fitnessstudio im Grünen« hat sein Zentrum ebenfalls in der Wieseckaue und bietet Kurse wie das klassische Workout, run and train oder Fit-Mom an. »Bei uns sind die richtig, die draußen sein und das Personal-Training-Gefühl haben wollen«, sagt Annika Jung.

Die 36-Jährige leitet die Fit-Mom-Gruppe und schlendert an einem sonnigen Morgen Ende August mit Frauen und Babys durch den Park. Immer wieder hält sie an, motiviert die Mütter wieder etwas »für sich zu tun«. und erklärt, wie der Bogenschütze oder die Ente auszuführen sind. »Da denken die anderen: Die sind doch verrückt«, sagt eine Teilnehmerin – dabei weiß die nächste zufällig ausgewählte Passantin, Dr. Susanne Rüdinger aus Fernwald, sofort, was sie sieht: »Ein Fitnesskurs für Mütter. Super, hätte ich auch sofort draußen gemacht, wenn es das damals gegeben hätte. Wir waren früher in einer stickigen Gymnastikhalle.« Es sei schön für das Stadtbild, dass sich die jungen Mütter zeigen.

Annika Jung ist selbst Mutter, hat beruflich die Branche gewechselt und in den letzten Jahren viele Scheine gemacht: A-Lizenz Personaltrainer, Ernährungs- oder Entspannungscoach, Prä und Postnataltrainerin – die Möglichkeiten sind vielfältig und Jung möchte vom sportlichen Trend im Freien profitieren:

»Greenletics« setzt vor allem auf die Natur: »Wir machen das Training bewusst ohne Musik, weil wir wollen, dass die Dauerbeschallung aufhört. Die Leute sollen wahrnehmen, was um sie herum passiert, im Zweifel auch mal einen Vogel hören und sich unterhalten. Back to basic also.« Trainiert wird zu jeder Jahreszeit draußen, auch bei Regen. »Man wird weniger pienzig«, sagt Lisa Georgotas.

Die 24-jährige ausgebildete Physiotherapeutin leitet zwei Kurse von »Training im Freien« im Licher Bürgerpark. Insgesamt ist das Unternehmen mit Sitz in Friedberg in 14 (Klein-) Städten vertreten, auch in Gießen. Die Kurse sind unterteilt in fünf Leistungslevel. Gründerin und Inhaberin Rica Wittich, 26, sagt: »Wir unterscheiden uns von anderen Anbietern, weil wir sowohl für den Übergewichtigen als auch für den Triathleten etwas haben.«

Beim Zirkeltraining an einem Sommerabend Ende August lässt Trainerin Georgotas ihre Teilnehmer Burpees und Hampelmänner machen – spätestens nach dem Slingtrainer pusten alle kräftig durch. »Du bist freiwillig hier, denk dran«, sagt Georgotas zu einem Sportler. Sie meint: »Ich kann die Leute motivieren, an ihre Grenzen zu gehen. Das klappt in der Gruppe gut.« Teilnehmer Christian Röhrig, 26, bestätigt: »Es ist interessant, wie du dich mit deinem eigenen Körper platt machen kannst.«

Noch befinden sich die Unternehmen, die Fitnesstraining im Freien anbieten, in den Anfängen. Der sportliche Trend im Grünen aber wird sich fortsetzen, davon sind die Gesichter der Bewegung überzeugt: »Mobilität im Alltag hat noch lange nicht den Stellenwert, den es verdient«, sagt Jan Gellert. Und Annika Jung ist sich sicher: »Das funktionelle Training ist das, was du im Alltag brauchst. Langsam versteht der Mensch, dass im Körper alles miteinander zusammenhängt. Ich glaube, dass sich dieser Trend in den nächsten Jahren noch verstärken wird.«

Schlagworte in diesem Artikel

  • Fitness-Studios
  • Fitnesskurse
  • MTV
  • MTV 1846 Gießen
  • Sven Nordmann
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos