09. Januar 2020, 12:00 Uhr

DER WERBEBLOCK

Fair, fordernd, Ultimate Frisbee

Sie werfen eine Scheibe durch die Halle und der »Spirit of the Game« ist die wichtigste Regel. Eine Frage muss erlaubt sein: Was macht ihr da?
09. Januar 2020, 12:00 Uhr

Nur wenige Zentimeter trennen die beiden Gesichter voneinander. Der Verteidiger reizt das Mögliche maximal aus und steht unmittelbar vor seinem Gegenspieler, um ihm die Sicht und die Bewegungsfreiheit zu nehmen. In manchen Sportarten würden an dieser Stelle die Alarmglocken schrillen. Aber nicht hier. Willkommen beim Ultimate Frisbee - »der fairsten Sportart der Welt«, wie es auf der Homepage von Frisbee Fieber Gießen heißt.

Vor elf Jahren begann die Geschichte dieses anspruchsvollen Sports in Gießen. »Wir haben auf den Lahnwiesen oder am Schwanenteich gespielt. Das hatte aber mit Ultimate Frisbee noch nicht viel zu tun«, erzählt Axel Rosenski. Der 44-Jährige ist seit der ersten Stunde dabei. Eine E-Mail an den MTV 1846 Gießen, ob man sich dort vorstellen könne, Ultimate Frisbee in Gießen eine Heimat zu geben, brachte schließlich alles ins Rollen.

Das Spiel ist einfach zu verstehen. Ziel ist es, dass die 175 Gramm leichte Scheibe von einem Mitspieler in der Endzone des Gegners gefangen wird - ähnlich wie beim Football. Auf dem Großfeld wird sieben gegen sieben gespielt, unter dem Hallendach »fünf gegen fünf«. Allerdings ist, wie eingangs erwähnt, kein Körperkontakt erlaubt, der Spieler in Scheibenbesitz darf zudem keine Schritte zurücklegen. »Nur wenn er die Scheibe fängt, darf er so viele Schritte machen, wie er zum Stehenbleiben braucht«, erklärt Christian Senft. Er ist stellvertretender Abteilungsleiter beim MTV 1846 und seit sieben Jahren dabei. Ein Kumpel überredete ihn zu Beginn seines Lehramtsstudiums im Wintersemester 2012, zu den Schnupperwochen des Hochschulsports mitzugehen. So kam der 29-Jährige zum Ultimate Frisbee, überhaupt rekrutiert sich die Mannschaft dank der engen Verzahnung mit dem Hochschulsport hauptsächlich aus Studenten.

»Ultimate Frisbee ist eine Kombination aus vielen taktischen Elementen, aber man muss auch physisch fit sein - laufen, werfen, springen«, erklärt Senft die Faszination der Sportart. Geregelt wird alles ohne Schiedsrichter, das ist gleichzeitig die wichtigste Regel: der »Spirit of the Game«. Dort heißt es: »Alle Spieler sind dafür verantwortlich, die Regeln zu befolgen. Es wird davon ausgegangen, dass kein Spieler absichtlich die Regeln bricht.«

Das funktioniert, wie die Praxis vor ziemlich genau einem Jahr zeigte. Eine komplizierte Situation, die über nicht weniger entschied als den größten Erfolg in der Gießener Vereinsgeschichte. Beim Aufstiegsturnier zur ersten Indoor-Bundesliga der Männer stand es gegen Würzburg kurz vor Schluss 12:12. Gießen nahm eine Auszeit, hatte aber schon die erlaubten zwei Besprechungspausen pro Halbzeit genutzt. »Keiner war sich in diesem Moment hundertprozentig sicher, wer nun im Anschluss die Scheibe bekommt, also haben wir gemeinsam nach einer Lösung im offiziellen Regelwerk des Verbandes nachgeschaut«, sagte Senft im Februar 2019. Das Smartphone spuckte aus: Scheibenbesitz Würzburg. In der Verlängerung erzielte Gießen den ersten Punkt und stieg in die höchste deutsche Spielklasse auf.

Dort wird vor allem konditionell einiges abverlangt. Ultimate Frisbee geht an die Subs-tanz. Viele kurze Antritte, um sich in der Offensive vom Gegenspieler zu lösen, wechseln sich mit längeren Sprints ab, wenn es in die andere Richtung geht. Die »alten Hasen« lösen dafür viele Situationen mit Köpfchen. »Je erfahrener man ist, desto mehr hilft eine gute Wurftechnik und das Auge, um Spielsituationen zu erkennen«, sagt Rosenski. Vor allem Indoor habe ein guter Werfer Vorteile, während Outdoor Athletik und Taktik das Spiel präge, ergänzt Senft. Zudem kommt unter freiem Himmel der Faktor Wind hinzu. »Im September haben wir in Rostock gespielt, da sind in 45 Minuten nur vier Punkte erzielt worden«, sagt Senft. Üblich sind zweistellige Punktestände. Auf dem Großfeld gehen die Gießener im Sommer mit dem Mixed-Team in ihre zweite Zweitliga-Saison.

Wie es auf dem höchsten Niveau zur Sache geht, weiß Senft aus eigener Erfahrung. 2018 qualifizierten sich seine Freundin Julia Lutz, Abteilungsleiterin beim MTV 1846, und er mit dem Großfeld-Team des VfL Marburg für die Club-Weltmeisterschaften in Cincinnati/USA und erreichten dort einen respektablen siebten Platz. »Das war eine riesige Erfahrung, zumal in den USA allein an einem College mehrere Hundert Ultimate Frisbee spielen. Das war ein unglaublich hohes Niveau«, erzählt Senft. Hier versteckt sich eine weitere Besonderheit des Ultimate Frisbee. Im Ligabetrieb darf jeder Spieler mit einem beliebigem Team starten, ohne dem Verein anzugehören - eine Mitgliedschaft im Verband reicht vollkommen.

Am 15. und 16. Februar startet Frisbee Fieber in Gemmrigheim bei Heilbronn in die Erstliga-Saison. Dann wird in der Gießener Historie der »fairsten Sportart der Welt« ein neues Kapitel aufgeschlagen.

Ultimate Frisbee ist der geilste Sport, weil »wir neben den sportlichen Herausforderungen im athletischen und taktischen Bereich auch eine einzigartige und weltweite Community haben, in der man offenherzig aufgenommen wird und tolle Menschen kennenlernt«, sagen die Spieler von Frisbee Fieber Gießen.

Trainingszeiten sind dienstags und freitags von 20 bis 22 Uhr in der Herderschule (Halle B) und mittwochs (20.50 bis 22 Uhr) auf dem Kunstrasen »An der Volkshalle«, Grünberger Straße 145 in Gießen.

Die Kosten pro Jahr liegen bei 144 Euro Mitgliedsbeitrag (12 Euro pro Monat). Dazukommt je nach Bedarf Sportkleidung. (esa)

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