Lokalsport

Ernst Wodli läuft und läuft und läuft...

Der Heuchelheimer Ernst Wodli feiert seinen 75. Geburtstag. Der Langläufer und ehemalige Sportfunktionär verrät im Interview, was er mit dem TV Lützellinden erlebt hat und gibt wertvolle Tipps.
25. April 2018, 12:00 Uhr
Wolfgang Gärtner
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Der Heuchelheimer Ernst Wodli feiert heute seinen 75. Geburtstag: Der Jubilar hat aus seiner aktiven Zeit als Langstreckenläufer und Funktionär viel zu erzählen. (Foto: gae)

Groß wird nicht gefeiert. Mit seiner Gattin Gertrud geht es auf einen Tages-Tripp. Feierlichkeiten hatte Wodli zur Genüge. In seiner aktiven Zeit zählte er zur Weltspitze über 100 Kilometer. 13 Mal nahm er diese Herausforderung in Biel an. 1980 bestritt er den Lauf seines Lebens. Unter 3755 Startern durchlief er die Ziellinie nach 7:18 Stunden als Dritter – einfach grandios. Er lief alles – von 3000 m bis Marathon. Und 17160 Meter in einer Stunde.

Uneigennütziger Funktionär

Wodli hat seine Urkunden, Medaillen, Zeitungsausschnitte, kurz gesagt, seine zahlreichen Erfolge archiviert und in Akten und Boxen verstaut. Doch der ehemalige Versandleiter dieser Zeitung war nicht nur selbst aktiv, sondern kümmerte sich auch um andere uneigennützig – trotz der enormen beruflichen Belastung. Als engagierter Sportfunktionär setzte er sich im Verein und in der Kommune für die Wertstellung der Sportler ein. 1987 folgte er dem Ruf von Handball-Erfolgstrainer Dr. Jürgen Gerlach. Erst brachte er als Ausdauertrainer die Frauen des späteren Handball-Europapokalsiegers und mehrmaligen deutschen Meisters und Pokalsiegers TV Lützellinden auf Trab. Anfang der 90er-Jahre übernahm er dann beim TVL zudem Betreuer- und Organisationsaufgaben – bis hin zum Präsidiumsmitglied. Als er im DHB-Liga-Ausschuss tätig war, agierte er bei der Frauen-Handball-WM 1997 als OK-Mitglied Spieltechnik. Auf den geradlinigen Ernst Wodli war immer Verlass, sein eigenes Ego stellte er hinten an. Gesundheitliche Probleme zwangen ihn, von heute auf morgen alles zu canceln. Seinem Laufen ist er weiterhin treu gebleiben. Er hält sich noch heute vielfältig fit.

Was war für Sie das Herausragendste in all den Jahren des Laufens?

Ernst Wodli: Ich kann mich bis heute hin noch immer gut selbst motivieren. Darauf bin ich stolz.

Was hat Sie angetrieben, diese enormen Strapazen des Extremlaufens auf sich zu nehmen?

Wodli: Das Außergewöhnliche, das Durchhaltevermögen, die Leistungsbereitschaft und - fähigkeit. Man muss einen Willen haben, sich durchbeißen können und viel trainieren.

Können Sie einen kurzen Einblick geben, welches Trainingspensum Sie damals vor einem 100-Kilometer-Lauf absolviert haben.

Wodli: Bei der Zeitung hatte ich als Versandleiter Nachtschicht, davor habe ich trainiert, danach und mittags, wenn ich ausgeschlafen habe. In der Vorbereitungszeit auf Biel spulte ich im Monat bis zu 1000 Trainingskilometer ab. Ich habe jeden Kilometer aufgeschrieben, das mache ich auch heute noch so. Ich bin jeden Tag mindestens zwei Stunden unterwegs.

Wahnsinn!

Wodli: Wenn ich zwei Stunden im Wald unterwegs bin, habe ich zwölf Kilometer auf dem Buckel. Wenn ich ins Studio gehe, habe ich meinen Parcours, der verändert wird. Ich lege sehr viel Wert auf Kraftausdauer und Stretching. Ich fühle mich wohl, meine medizinischen Werte sind alle okay. Und das bestätigt mich in meiner Lebensphilosophie: Leben ist Bewegung, Bewegung ist Leben. Wenn ältere Menschen anfangen, sich bewegen zu wollen, fällt es ihnen schwer. Da stehen die persönlichen Dinge alle im Vordergrund. Es heißt zwar, ich muss abnehmen. Das ist im Kopf drin, aber die Umsetzung ist nur noch bedingt gegeben.

Welche weiteren Tipps können Sie geben?

Wodli: Ich kann nur jedem raten, sich frühzeitig zu bewegen. Fängt man mit einer Viertelstunde an und betreibt das kontinuierlich, wird man sehr schnell merken, es geht immer besser und länger. Man muss sich auch mal über Schmerzen hinwegsetzen und seinen Körper kennenlernen. Wenn ich was von meinem Körper haben will, muss ich ihm auch etwas geben. Ich kann nicht nur nehmen.

Sie fungierten in den Hochzeiten des TV Lützellinden an der Seite von Erfolgstrainer Dr. Jürgen Gerlach als Konditionstrainer, Bundesliga-Obmann, erledigten administrative Dinge. Sie waren sozusagen das »Mädchen für alles«. Was ist für Sie außer den zahlreichen Erfolgen noch bestens in Erinnerung?

Wodli: Als wir damals im Europapokal ins ukrainische Saporoshje mussten, sind wir nach Kiew geflogen. Mit dem Bus konnten wir nicht weiterfahren, da es ungefähr 1000 Kilometer bis dorthin sind. Über eine Kontaktperson, die wir vorher nie gesehen haben, charterten wir für das gesamte Team (dabei unter anderem Miroslava Ritskiavitchius und Csilla Elekes) eine Propellermaschine und bezahlten dafür 1200 Dollar. Aber die Sitze in der Maschine, das waren einfach nur Hängegurte. Und ich war im Cockpit bei den russischen Piloten. Das war alles so verrückt, dass dieses Ding überhaupt noch fliegen konnte.

Gab es noch etwas Kurioses, was Sie mit dem TVL erlebt haben?

Wodli: Das war 1989 in Podgorica mit den Spielerinnen Ulrike Valentin, Renate Wolf, Petra Boueke, Dragica Djuric und Co. Wir wussten, dass wir dort immer mit Schweinereien zu rechnen hatten: Entweder war der Bus kaputt oder das Essen versalzen. Deswegen habe ich immer das komplette Essen für die gesamte Delegation in Kisten mitgenommen. Wir haben immer gesagt, vor dem Bankett verpflegen wir uns selbst. Nach dem Flug streikte natürlich der Bus, so kamen wir verspätet zum Training. Das konnten wir nicht absolvieren, weil sie uns Erbsen auf das Spielfeld gestreut hatten. Dennoch sorgten wir dann im Spiel für eine Sensation – wir gewannen.

Haben Sie noch Kontakt zu den ehemaligen Handballspielerinnen vom TVL?

Wodli: Ab und zu sehe ich mal eine, Csilla Elekes oder Anja Unger. Ich habe bis heute hin zu allen noch ein gutes Verhältnis – auch zum Doc (Trainer Jürgen Gerlach).

Wie fällt Ihr Handball-Fazit nach den vielen Jahren aus?

Wodli: Diese Zeit war eine interessante, spannende Geschichte gewesen. Ich durfte viele Erfolge miterleben, viele Menschen und andere Kulturen kennenlernen.

Was steht für Sie nun im Mittelpunkt des Lebens?

Wodli: Nach den turbulenten Zeiten und überstandener Krankheit bin ich in die Berge gegangen. Über die Alpen von Oberstdorf nach Meran in einer Woche, bin sieben Tage durch das Verwall, 14 Tage Hohe Tatra und auch mit den Langlaufskiern ganz oben in Finnland unterwegs gewesen. Aktuell habe ich mich auf die Weitwanderungen eingeschossen. Im letzten Jahr habe ich im Rheingau eine 36-Stunden-Tour absolviert – nachts mit einer Stirnlampe auf dem Kopf. Das war ein affengeiles Bild, als 36 Leute in der Nacht mit Licht durch die Weinberge und Wälder geschlichen sind.

Das Ganze hat Sie doch nie losgelassen?

Wodli: Ja. Aber es ist nicht mehr so zeitintensiv und leistungsbezogen. Wie gesagt: Es geht mir um die Bewegung, um die körperliche Fitness.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/sport/lokalsport-gaz/Lokalsport-Ernst-Wodli-laeuft-und-laeuft-und-laeuft;art1434,422000

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