Lokalsport

Ein Kapitel ist zu Ende

Gießener SV, TV Großen-Linden, NSC Watzenborn-Steinberg. Die Damentischtennis-Geschichte im Kreis Gießen ist eine ruhm- und erfolgreiche. Doch die Gegenwart ist eine andere.
21. Juli 2020, 07:00 Uhr
Ralf Waldschmidt
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Abschiedstournee: In der Saison 2014/15 verabschiedeten sich Angelina Gürz (l.) und der NSC Watzenborn-Steinberg aus der Damentischtennis-Bundesliga. ARCHIVFOTO: FRIEDRICH

Es ist ein Kapitel, das traurig stimmt. Weil es beendet ist. Endgültig. Der Tischtenniskreis Gießen zählte über fünf Jahrzehnte im Bereich der weiblichen Jugend und der Damen bundesweit zur Spitze.

In den 70er Jahren mischte der Gießener SV u. a. mit Gerlinde Glatzer, der irischen EM-Teilnehmerin Karen Senior, Gertrud Potocnik und Angelika Schreiber die Bundesliga auf.

In den 80er Jahren sorgten die bereits im Nachwuchsbereich hochdekorierten Anja Spengler (heute Serafin) und Heidi Bender u. a. zusammen mit Petra Krause und Gudrun Radke mit dem TV Großen-Linden nach drei Zweitliga-Meisterschaften und zwei vergeblichen Anläufen im Damen-Oberhaus für Furore. Die erfolgreichen und damit unvergesslichen Aufstiegsspiele 1985 in Esslingen am Neckar sind fest in der Klubhistorie verankert.

Von 2000 (Zweitliga-Premiere mit Karina Giese, Lin Yu, Melanie Knechtel und Branka Batinic) bis 2015 gehörte der NSC Watzenborn-Steinberg mit einem besonderen »Weiterbildungskonzept« ununterbrochen der 2. und 1. Bundesliga an. Eine einzigartige Erfolgsgeschichte - gerade einmal fünf Jahre ist das her.

Und jetzt - 2020? Der NSC Watzenborn-Steinberg, 2008 noch mit dem Grünen Band für vorbildliche Talentförderung ausgezeichnet, stellt zur Saison 2020/21 weder ein Damen- noch ein weibliches Nachwuchsteam. Doch damit steht der Klub nicht alleine da. Der Niedergang im Damen- und Mädchentischtennis ist auf Kreis-, Bezirks-, Landes- und Bundesebene gleich und beispiellos.

Markus Reiter, der langjährige Watzenborner Cheftrainer, stellt klar, dass von »ehemals fast einer Million Mitglieder im Deutschen Tischtennis-Bund aktuell nur noch etwas mehr als 500 000 übrig geblieben sind und der Anteil im Bereich der Schülerinnen und weiblichen Jugend nur noch kaum wahrnehmbare 1 Prozent« (!?) betrage.

Im Kreis Gießen ist der Gesamtmitgliederstand in den vergangenen zehn Jahren um nahezu 20 Prozent gesunken. Auf Kreis- und Bezirksebene gibt es in der neuen Saison 2020/21 im gesamten weiblichen Nachwuchsbereich - der ohnehin schon lange keine unterteilten Jahrgangsstufen von C- bis A-Schülerinnen und weibliche Jugend B und A mehr besitzt, sondern nur noch Altersklassen 15 und 18 kennt - kein einziges gemeldetes Mädchenteam. Allein der TTC Wißmar und die TSF Heuchelheim sind bei den Mädchen 18 in der Hessenliga vertreten - und selbst die höchste Spielklasse auf Landesebene kommt bei sechs Teams nicht einmal mehr auf die Sollstärke 10.

Keizl: Belastungsschwelle zu hoch

Für Martin Keizl, seit nunmehr zehn Jahren Geschäftsführer Sport beim NSC, kommt der Abwärtstrend von einst fünf Frauenteams auf nunmehr null keineswegs überraschend. »Schule, Beruf, Familie und Freizeitangebote haben zu einem anderen Lebensverhalten geführt«, sagt Keizl, »zumal der Kern unserer Teams nicht aus dem eigenen Ort gekommen ist und somit die vielen Abgänge der vergangenen Jahre nicht intern kompensiert werden konnten.«

Im vergangenen Frühjahr musste nach einem erheblichen personellen Aderlass das Regionalliga-Engagement aufgegeben werden, im letzten Herbst folgte aus dem gleichen Grund schon die Abmeldung der »Zweiten« aus der Verbandsliga. »Das hat sich nicht erst mit dem Erstliga-Rückzug 2015, sondern schon seit Jahren abgezeichnet«, erklärt Keizl, »für Mädchen ist im Wettkampfbetrieb die Belastungschwelle zu hoch geworden. Da der Breitensport kaum noch eine Rolle spielt, stellt sich ja nur die Frage: Leistungssport oder nicht? Die Antwort kennen wir.«

Für Keizl war es rückblickend allein schon herausragend, nach dem Bundesliga-Ausstieg noch einmal von der Ober- in die Regionalliga aufgestiegen zu sein. »Mit Jacqueline Schreiner oder Julia Metz sind nur noch wenige Spielerinnen verblieben, die aktuell froh sind, bei den Herren untergekommen zu sein.«

Reiter: Goldene Zeit

Markus Reiter, A-Lizenz-Inhaber seit 25 Jahren, verbindet mit dem NSC W.-Steinberg eine 17-jährige Trainertätigkeit und ist heute neben vielen weiteren Projekten ebenso erfolgreich und prämiert bei der SG Sossenheim engagiert. Für den 55-Jährigen ist das Kapitel NSC leider komplett vor dem Ende, »von fünf auf null Teams ist bitter, das war strukturell und organisatorisch aber zu erwarten«. Für Reiter war der Watzenborner Weg »überregional beispielhaft, wir haben mit kleinen Mitteln Großes geleistet«. Von der Oberliga habe man es über viele Jahre in der 2. Liga bis in die 1. Liga geschafft, den Nachwuchs als Team und individuell auf DM-Niveau gebracht. »Wir hatten drei Säulen: Frauen, Männer und Jugend. Alle waren top. Das war einmalig.«

Reiter bezeichnet die Epoche von 2000 bis 2015 als »goldene Zeit, es war als Trainer fantastisch, diese mitgemacht zu haben«. Spielerinnen wie Desiree Cjakowski oder Melanie Knechtel (heute Morsch) haben das lange begleitet. Vor allem Melanie Knechtel vom TTC Rödgen über den NSC bis in die 1. Liga geführt zu haben, ist für den Coach noch immer »der Hammer«.

Alle Spielerinnen hatten über Jahre eine enge Bindung zum NSC, wobei die drei Erstliga-Spielzeiten natürlich die Krönung gewesen sind. Aus Trainersicht war die Entwicklung vieler junger, talentierter und beim NSC weitergebildeter Spielerinnen spektakulär. Auch hinter den Kulissen mit der Bundesliga-Heimspielstätte Garbenteich sei von 2012 bis 2015 total engagiert gearbeitet worden. »Aber auch diese Energie ist jetzt verbraucht und es kommt nichts Neues. Der Klub muss sich an diesem Punkt neu definieren.« Am Punkt null.

Reiter schlägt bezüglich dieses Negativtrends aber auch kritische Töne an. »Das ist so, wenn in Vereinen, Verbänden und Institutionen männlich geprägte Vorstände keine Antwort auf die Probleme im weiblichen Bereich haben oder haben wollen«, formuliert er scharf, »deshalb setzte ich mich seit über 20 Jahren für den Mädchensport ein. An vielen Stellen fehlt es aber an Kompetenz und Willen. Viele Entscheider wollen sich dieser Aufgabe gar nicht stellen. Der Damensport löst sich immer mehr auf. Nicht nur im Tischtennis.«

Wehmütig blickt der A-Lizenz-Inhaber auf seine Zeit in Pohlheim zurück, auch wenn sie mittlerweile schon etwas zurückliegt. »Das Grüne Band hat uns mal ausgezeichnet, doch binnen weniger Jahre ist das alles weg. Was hatten wir für Talente! Lea Grohmann, Angelina Gürz, Desiree Cjakowski, Dominik Scheja, Fabian Moritz - die hatten enorme Qualität. Wir haben aber niemanden groß gemacht, talentiert waren alle bereits, als sie nach Watzenborn kamen. Aber wir haben sie enorm weiterentwickelt. Darauf kann man stolz sein.« Nunmehr fehlten jene Impulse, so Reiter, die über Jahre in Mittelhessen er und Norbert Englisch dem Mädchen- und Frauentischtennis gegeben hätten. Das Ergebnis ist deutlich erkennbar.

15 tolle Jahre

Als die fünf Spielerinnen Sonja Bott, Angelina Gürz, Christine Engel, Désirée Menzel und Inka Dömges im Januar 2015 verkündeten, geschlossen nach der Saison einen Schlussstrich unter ihre erfolgreiche Bundesliga-Zeit und unter ihre Karriere im Leistungssport zu ziehen, endete eine 15-jährige Erst- und Zweitligaepoche beim NSC W.-Steinberg, das als kleines gallische Dorf im Konzert der Großen mit 600 000-Euro-Budgets mitgespielt hatte.

Nach elf Zweitliga-Spielzeiten hatten im September 2012 Angelina Gürz, Inka Dömges, Christine Apel und Désirée Czajkowski mit ihrem Trainer Markus Reiter als Zweitliga-Vizemeister das Erstliga-Abenteuer in Angriff genommen - in drei Spielzeiten aber mit stets null Punkten ohne Erfolgserlebnis beendet.

Von 2000 bis 2012 waren die NSC-Damen im Unterhaus vertreten, schafften lange Zeit aber nicht den Sprung an die Tabellenspitze, ehe 2012 als Vizemeister hinter DJK Kolbermoor der Sprung glückte. Der NSC-Kader war zielgerichtet verjüngt und Schritt für Schritt von Rang neun über Rang fünf auf Platz zwei nach oben geführt worden.

Dahinter formierte der Klub zweite, dritte und vierte Mannschaften über verdiente Spielerinnen wie Melanie Knechtel, Anja Serafin (Spengler), Kerstin Christ und Christine Peschke, die über Jahre hinweg das Niveau in Regional-, Hessen- und Oberliga hielten, von denen der größte Teil der Spielerinnen aber halt aus dem Umkreis und nicht direkt aus Watzenborn-Steinberg selbst kam. Als schließlich mit dem Bundesliga-Team die Vorzeigemanschaft ausstieg, beschleunigten sich auch die Abwanderungsprozesse in den darunterliegenden Mannschaften.

Packende Bundesliga-Punktepartien gegen den TTC Langweid, ATSV Saarbrücken oder TTC Berlin gehören ebenso der Vergangenheit an wie Verbandsligaspiele gegen TTC Lauterbach oder TTC Florstadt. Teilnahmen der Schülerinnen an einer DM-Endrunde wie zuletzt noch 2019 mit dem Team um Lorena Morsch sind gleichfalls Geschichte. Der Vorhang ist gefallen, das Kapitel (vorerst?) beendet.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/sport/lokalsport-gaz/Lokalsport-Ein-Kapitel-ist-zu-Ende;art1434,692584

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