27. März 2020, 12:00 Uhr

Vereine in der Corona-Krise

Die sozialen Kontakte fallen weg

Naturgemäß elementare Auswirkungen auch auf das soziale Leben in den Gemeinden Mittelhessens hat der Ausbruch des Coronavirus und die daraus resultierenden Maßnahmen.
27. März 2020, 12:00 Uhr
Auch die Anlage der TSF Heuchelheim in der Schwimmbadstraße darf derzeit nicht genutzt werden. FOTO: SE

Davon betroffen sind Vereine, auch die Sportvereine, die in wesentlichen Zügen das soziale Leben der heimischen Ortschaften mitprägen.

Bei einer Umfrage unter Vertretern von Sportvereinen in Heuchelheim soll beispielhaft dargelegt, wie das Leben weiter Teile der Bevölkerung durch diese Krise unbeachtlich wirtschaftlicher Folgen beeinträchtigt werden. »Es geht nicht nur um den Sport, sondern um das soziale Gefüge«, sagt Wolfgang Schleer, der Vorsitzende der TSF Heuchelheim, der einräumt, dass »das alles sehr schnell gekommen« sei. Dabei spricht er einerseits die Ausbreitung des Virus, andererseits auch die Entscheidungen von Bund, Ländern und Gemeinden sowie von Sportverbänden an, durch die die Übertragung des Virus verlangsamt werden soll. So stellt Florian Steinmüller, Vorsitzender der DLRG-Ortsgruppe Heuchelheim, wie andere auch fest. »Die sozialen Kontakte fallen weg.«

»Eine total neue Situation«, sagt Michael Schulze, Vorsitzender der SG Kinzenbach, die ihren gesamten Sportbetrieb ebenfalls ausgesetzt hat. Damengymnastik, Tischtennis und Basketball sind vorübergehend auf Eis gelegt und natürlich auch der Spielbetrieb der Fußballer. Hier folgte die SG Kinzenbach den Empfehlungen des Landessportbundes und des Hessischen Fußball-Verbandes und sperrte die Spielstätte, ehe die Gemeinde den gleichen Schritt vollzog und Bund/Länder strenge Kontaktbeschränkungen anordneten.

Im sozialen Leben des Ortsteils Kinzenbach spielt die Sportgemeinschaft von 1955 eine zentrale Rolle. »Wir wissen nicht, wie es weiter geht«, sagt der Vorsitzende der SG, »jeder soll zu Hause bleiben. Auch die Spielplätze sind gesperrt.« Michael Schulze wird mit dem SG-Vorstand eine neue Bewertung vornehmen müssen, denn die aktuellen Probleme der SG sind ebenfalls zu bewältigen. Außerdem muss für die Zeit »danach« geplant werden. So ist man sich mit Oliver Dönges, dem Trainer der ersten Mannschaft, einig. Es müsse aber auch mit den Spielern gesprochen werden. Spätestens im März folgt die Weichenstellung für die nächste Saison. Doch das ist in diesem Jahr alles andere als einfach. Niemand weiß aber, was in den kommenden Wochen und Monaten auf uns zukommt und ob es überhaupt eine »nächste Saison« in der uns bislang bekannten Form geben wird. Denn angesichts der bestehenden Probleme rückt der Sport in den Hintergrund.

»Wir können doch nicht den Kindern die Benutzung der Spielplätze verbieten, wenn da ein paar Ältere mit ihren Kugeln rumspielen«, erklärt Herbert Martin, Vorsitzender des neu gegründeten Vereins Lahnboule Heuchelheim. Bereits vor Schließung der Sportanlagen in Heuchelheim durch die Gemeinde hatten die Bouler den Trainingsbetrieb auf dem Drei-Bahnen-Trainingsplatz im Keller der Sporthalle eingestellt und auch die Außenanlage am Heimatmuseum nicht mehr genutzt. »Der Trainingsbetrieb fällt auf absehbare Zeit flach. Ob der Spielbetrieb in der Hessenliga wie geplant am 2. Mai aufgenommen werden kann, kann man nicht sagen, zumal vorher noch Qualifikationswettkämpfe ausgetragen werden müssten.« Finanzielle Aspekte spielen für den neu gegründeten Verein keine Rolle, obwohl zum Beispiel bei den am 17. Mai geplanten Vereinsmeisterschaften durch Bier- und Würstchen-Verkauf doch der eine oder andere Euro eingenommen wäre. Nun ist fraglich, ob diese Meisterschaften überhaupt ausgetragen werden können. Mit Genugtuung registriert Herbert Martin, dass das Trainingsverbot bzw. die seit dem Wochenende geltenden Einschränkungen eingehalten werden. Die Sperrung der Bouleplätze wird jedenfalls akzeptiert.

Björn Hirschhäuser, Vorsitzender des Tennis-Clubs Blau-Gold, legt besonderen Wert darauf, dass die Mitglieder des Vereins über zu treffende Maßnahmen informiert werden. Allerdings sieht er sich auch in der Pflicht, Anordnungen der Gemeinde und übergeordneter Institutionen umzusetzen. »Die Nutzung des Vereinsheims für Feierlichkeiten ist untersagt«, berichtet er. Da aber niemand weiß, wann und ob in der bevorstehenden Saison 2020 Tennis gespielt wird, hatte man in der vergangenen Woche noch geplant, die Plätze auf der Anlage an der Rodheimer Straße für den Spielbetrieb vorzubereiten. Dieser Arbeitseinsatz wurde abgesagt. Wichtiger Bestandteil des Vereinslebens war auch ein monatlicher Stammtisch, an dem, wie Hirschhäuser berichtete, bis zur 40 Vereinsmitglieder teilnehmen. Das ist vorerst passé,, heißt aber nicht, dass die Kontakte abgerissen sind. »Es gibt WhatsApp-Gruppen«, berichtet der TC-Vorsitzende. Da sich viele Freundschaften entwickelt hätten, gehe es bei der Kommunikation eben nicht nur um Tennis. Dieser WhatsApp-Gruppen gewinnen nicht nur bei den Heuchelheimer Tennisfreunden an Bedeutung.

Immerhin fällt es Björn Hirschhäuser leichter, die Mitglieder - 95 an der Zahl - zu erreichen als Wolfgang Schleer, dem Vorsitzenden der TSF Heuchelheim mit ihren über 2300 Mitgliedern.

»Für uns ist das alles sehr schnell gekommen«, berichtet der TSF-Vorsitzende, der den Mitgliedern im Vorstand und auch den Abteilungsleitern eine große Bereitschaft zu verantwortungsvollem Handeln attestiert und erfreut feststellt, dass alle Entscheidungen gemeinsam getroffen wurden. Der Trainings- und Übungsbetrieb in allen Abteilungen war eingestellt worden, bevor in Bund und Land die Begrenzung der Kontakte beschlossen wurde. Schleer hat sich aber besonders darüber geärgert, dass Jugendliche trotz Sperrung der Plätze einfach über den Zaun geklettert sind und Fußball gespielt haben. Damit haben sie die notwendigen Entscheidungen konterkariert.

Dass gerade Kinder einen Bewegungsdrang verspüren und diesem nachgehen sollen und wollen, ist unbestritten. Dennoch sieht Schleer keine Möglichkeit, dass die TSF das umfangreiche Sportangebot in dieser Zeit aufrechterhalten können, um diese Aufgabe zu erfüllen. »Es geht aber nicht nur um den Sport, sondern auch um das soziale Gefüge«, sagt der TSF-Vorsitzende angesichts der Größe des Vereins mit seinen unterschiedlichen Abteilungen. Schleer sieht jetzt die Erwachsenen, gerade in einem Verein wie den TSF, in der Pflicht, Vorbild zu sein. Als richtig bewertet Schleer die Maßnahmen der Fachverbände (z. B. Fußball, Handball, Tischtennis), den Wettbewerb zunächst einmal auszusetzen bzw. die Saison zu beenden, bevor die Politik ihre Entscheidungen getroffen hat.

Betroffen sind auch der Kegel-Sport-Club und der Schützenverein. So haben die Kegler den Spielbetrieb - vorläufig - bis zum 31. März eingestellt. Auch die Schützen haben alle Wettkampftermine abgesagt. Gleiches gilt auch für die Trainingsabende, wie Steffen Bechthold, der Vorsitzende des Schützenvereins, berichtet. Mittwochs und freitags wird normalerweise trainiert. Und diese Trainingsabende nutzen viele Schützenbrüder zu einem geselligen Beisammensein. »Das Vereinsheim ist geschlossen«, sagt Bechthold, die Zusammenkünfte hinfällig.

Etwas Besonderes im Reigen der Vereine stellt die DLRG dar, deren Ortsverein Heuchelheim normalerweise das Hallenbad in Biebertal nutzt. Das ist derzeit nicht möglich. »Der Übungsbetrieb ist derzeit ausgesetzt«, erklärt der OG-Vorsitzende Florian Steinmüller. »Es gibt keine Schwimmausbildung, auch die Übungsstunden der Tauchgruppe können nicht stattfinden.« Die Taucher der DLRG Heuchelheim sind Teil der Schnelleinsatzgruppe Wasserrettung im Landkreis Gießen und dienen gemeinsam mit der DLRG Kreis Gießen und der Wasserwacht der allgemeinen Gefahrenabwehr sowie der Absicherung von Veranstaltungen. Die Aufgabe zur Gefahrenabwehr wird weiterhin wahrgenommen, nur das weitere Training ist derzeit nicht möglich. »Die Tauchgruppe bleibt aber einsatzfähig«, versichert Steinmüller, der wie die anderen Vereinsvorsitzenden darüber hinaus feststellen muss: »Die sozialen Kontakte fallen weg.« Die Sportvereine können derzeit diese Aufgabe im gesellschaftlichen Leben Heuchelheims nicht oder nur unzureichend erfüllen. In anderen Kommunen dürfte es ähnlich aussehen.

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