18. Oktober 2019, 16:00 Uhr

Fußball

Den Finger in die Wunde gelegt

Es ist eine außergewöhnliche Entscheidung, die Marco Vollhardt getroffen hat. Der 28-Jährige wird Fußball-Kreisoberligist Sportfreunde Burkhardsfelden nach Ende dieser Saison verlassen.
18. Oktober 2019, 16:00 Uhr

Er ist einer der bekanntesten Fußballer der Region, doch nun hat er genug - zumindest vorerst! Marco Vollhardt, seit acht Jahren bei den Sportfreunden Burkhardsfelden aktiv, hat erklärt, die Dautenberger mit Ende der Saison 2019/2020 zu verlassen. Aber es hat nichts mit einem neuen Angebot oder dem Verein zu tun. Fußballern, Trainern und Vereinsverantwortlichen dürfte Marco Vollhardt mit seinem Entschluss aus der Seele sprechen. Der 28-Jährige, der vor 13 Jahren den Sprung von der Jugend der TSG Wieseck zum FC Bayern München schaffte, holte 2007 mit den B-Junioren des FCB den DM-Titel. Als 17-Jähriger kehrte er nach Hessen zurück und lief dann für die A-Jugend von Eintracht Frankfurt auf. Nach diesen Stationen war er noch bei Eintracht Wetzlar (Hessenliga) und dem VfB 1900 Gießen (Verbandsliga) aktiv.

Sie haben sich zu einem sehr frühen Zeitpunkt entschieden, nach Ende dieser Saison die Sportfreunde zu verlassen. Wie kam es zu Ihrem Entschluss?

Marco Vollhardt: Ich habe mir diese Entscheidung lange und sehr gut überlegt, es war keine Entscheidung aus der Emotion oder der Situation heraus, sondern eher vieler verschiedener Punkte und Entwicklungen, die mich zu diesem Schritt bewegt haben. Um etwas genauer ins Detail zu gehen, sind es Werte wie Zuverlässigkeit, Disziplin, Einstellung, Stellenwert vom Fußball (Priorisierung), Urlaube und oder der Teamgedanke, die ich allesamt als sehr wichtig empfinde und nach denen ich meine letzten 15 Jahre im Fußball gelebt habe. Ich habe in den letzten Jahren immer Phasen gehabt, wo ich gemerkt habe, dass sich einige Spieler nicht mehr so genau an gewisse Grundtugenden bzw. Werte halten wollen, können oder möchten. Die endgültige Entscheidung habe ich für mich Anfang September getroffen. Diese Entscheidung hat keineswegs was mit Verein, dem neuen Trainer und oder der Tabellensituation zu tun. Ich hätte diese Entscheidung auch getroffen, hätten wir zu diesem Zeitpunkt ungeschlagen auf Platz eins gestanden!

Viele kleinere Vereine haben das Problem, dass vor allem die jüngeren Spieler dem Fußball nicht mehr den Stellenwert einräumen, wie es ältere Akteure tun. Sie sprechen von »Zuverlässigkeit, Teamgedanke, Priorisierungen, Selbstreflexion zum Nachdenken«. Was meinen Sie damit?

Vollhardt: Ich sehe da die letzten Jahre eine klare Entwicklung in diesen Punkten. Vor Jahren waren noch einige Charaktere mehr in den Mannschaften, auf die man sich jederzeit verlassen konnte. Heutzutage nehme ich immer mehr wahr, dass der Fußball bei einigen nicht mehr die Wichtigkeit und den Stellenwert hat, wie es noch vor einiger Zeit der Fall war. Heute muss man als Trainer/Mannschaftskamerad jederzeit damit rechnen, dass Spieler zwei, drei Wochen in der Runde im Urlaub sind, das Familienfeiern oder private Dinge vorgezogen werden und dass man sich auf einige leider viel zu wenig verlassen kann, da sie andere Dinge wichtiger sehen als ihr Hobby. Viele sollten mal darüber nachdenken, wie groß ihr Zeitfenster ist, um auf einem anständigen Niveau im Seniorenfußball spielen zu können. Das sind zwölf bis 15 Jahre. Vielen ist das sicherlich gar nicht bewusst, wie viel Zeit sie nach ihrer Laufbahn noch für Dinge haben, denen sie sich jetzt schon widmen und die Mannschaft/Verein dafür öfter im Regen stehen lassen. Dazu kommt noch, dass einige Spieler immer größere Probleme damit haben, sich selbst ein- bzw. unterzuordnen. Bei manchen Spielern ist der eigene Anspruch zur Realität sehr weit entfernt!

Ist dies ein rein spezifisches Problem im Fußballbereich - oder ist dies eine gesellschaftliche Angelegenheit?

Vollhardt: Ich denke nicht, dass es nur ein Problem im Fußball ist, diese Probleme gibt es auch mehr als genügend in allen anderen Sportarten. Und ich würde sogar so weit gehen, dass es nicht nur ein sportspezifisches Problem, sondern auch ein gesellschaftliches Problem ist.

Gibt es Ihrer Meinung nach für Vereine Lösungsansätze?

Vollhardt: Für Vereine, die das nötige Kleingeld in der Kasse haben, für die sind solche Probleme natürlich schneller behoben als für Vereine wie wir es in Burkhardsfelden sind, die in den letzten Jahren ohne Geld sportlich unterwegs waren. Für die kleineren Vereine kann der Ansatz nur die »Freundschaften innerhalb der Mannschaft« sein und die »Verbundenheit zum Verein«, um diese Probleme so gering wie möglich zu halten bzw. sie gar nicht erst aufkommen zu lassen. Aber ich sehe einen ganz klaren Trend - leider in die falsche Richtung!

Sie haben als 25-Jähriger die Sportfreunde nach dem ersten Abstieg aus der Kreisoberliga übernommen, nun spielt Burkhardsfelden nach zwei Jahren A-Liga wieder in der Kreisoberliga Süd. Wie fällt Ihr Fazit nach insgesamt knapp acht Jahren am Dautenberg aus?

Vollhardt: Mein Fazit fällt sehr positiv aus. Wir, der Verein, die Mannschaft sollten nie vergessen: Wir haben vor sieben Jahren in der B-Klasse angefangen. Es war von Anfang an meine Intention, etwas aufzubauen - und mir war auch bewusst, das es einige Jahre dauern würde, bis wir da sind, wo ich die Mannschaft und den Verein sehe, als etablierten, angesehenen Kreisoberligisten. Als ich vor über sieben Jahren nach Burkhardsfelden kam, war es ein wenig beachteter Dorfverein, der die Jahre davor als Fahrstuhlmannschaft zwischen B- und A-Klasse galt. Wir haben einiges umstrukturiert, dazu auch wieder mehr auf jüngere, talentiertere Spieler mit einer Verbundenheit zum Verein gesetzt. Innerhalb von drei Jahren waren wir in unserem ersten Kreisoberliga-Jahr angekommen, mir war klar, dass der Klassenerhalt fast nicht zu realisieren ist. Die Strukturen innerhalb der Mannschaft sind aber trotz Abstiegs weiter gewachsen. Physiotherapeut Kai Gerhard, der rund um die Uhr für die Jungs da ist, und meiner für die nächsten drei Spielzeiten ausgewählte Co-Trainer, Andreas Blees (Für mich persönlich die wichtigste Entscheidung), kamen für das Ziel zurück. Der Verein mit Matthias Döring und Frank Mohr war jederzeit bereit und für alle neuen Vorschläge offen - beispielsweise einheitliche Trainingsklamotten, Trainingslager im Westerwald, um zwei Punkte zu nennen. Es war eine überragende Zeit und ich bin stolz, dass ich diesen Weg gegangen bin und mit dazu beitragen konnte, dass wir unsere Ziele bis dato erreichen konnten und sich noch einige sehr enge und wahre Freundschaften entwickelt haben. Ich bin dem Verein sehr dankbar für die Möglichkeiten, das Vertrauen, und hoffe, dass wir die Runde positiv abschließen können und das die sportliche Entwicklung der letzten Jahre was Nachhaltiges hat!

Wird man Marco Vollhardt in der nächsten Spielzeit als Spielertrainer bzw. Trainer wieder bei einem Verein sehen?

Vollhardt: Ich habe mir noch überhaupt keine Gedanken gemacht. Ich bin offen, werde alles auf mich zukommen lassen und schauen, was zu mir passt! (Foto: hf)

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