02. April 2020, 12:00 Uhr

Sport in der Corona-Krise

Das Wohnzimmer wird zum Sportstudio

Not macht erfinderisch: Der TSV Allendorf/Lahn hat ein Online-Sportangebot auf die Beine gestellt, mit dem er auch nach der Corona-Krise punkten möchte. Der Slogan ist eindeutig: »Wenn ihr nicht zu uns kommen könnt, kommen wir zu euch.« Die Corona-Krise macht Sportvereine erfinderisch. Zum Beispiel den TSV Allendorf/Lahn, der ein umfangreiches Online-Angebot anbietet und damit auch nach der Corona-Krise punkten möchte.
02. April 2020, 12:00 Uhr

Der TSV Allendorf/Lahn sieht in der Corona-Krise auch eine Chance. Hier ruht der Betrieb im Gegensatz zu vielen anderen Vereinen keineswegs. Ob Zumba, Aerobic, Krafttraining oder eine knackige Einheit High Intensity Training - die Allendorfer haben innerhalb kürzester Zeit ein bemerkenswertes Online-Programm auf die Beine gestellt, mit dem sie viele Sportinteressierte erreichen. Nicht nur TSV-Mitglieder. »Zwei Drittel der Teilnehmer sind keine aktiven Mitglieder bei uns«, sagt Kerstin Lefèvre, die 1. Vorsitzende. Sie war es auch, die die Idee für dieses Angebot hatte.

»Es hat sich leichte Verzweiflung breit gemacht an jenem Freitag, an dem sich die Ereignisse überschlagen haben und viele Sportverbände den Betrieb eingestellt haben«, erinnert sich Lefèvre an den 13. März. »Nach dem letzten Training war das emotional unglaublich schwierig. Ich habe abends die Lichter ausgemacht, die Halle abgeschlossen und traurig zu mir gesagt: ›Der Letzte macht das Licht aus.‹ Ich hatte da ein bisschen dran zu knabbern.« Aber nicht lange.

Ungeahnte Resonanz

Schon am Tag danach wich die Trauer dem Tatendrang. »Das einfach hinnehmen und die Füße stillhalten, das geht auch nicht. Wir müssen ja irgendwie gucken, wie wir unserem Auftrag gerecht werden«, schildert sie ihre damaligen Gedanken. Nach einer schlaflosen Nacht hatte die Vorsitzende die Idee mit den Online-Kursen. »Unsere Fitnesstrainerinnen Johanna Michl und Susanne Sulzmann waren sofort begeistert.« Mit einem Zumba-Kurs fing alles an. Die Premiere war ein Erfolg, das Programm wurde stetig ausgebaut und inzwischen findet an jedem Tag mindestens ein Kurs statt.

Die Trainerinnen Michl und Sulzmann leiten aus ihrer Wohnung die Einheiten, die über die Videokonferenz-Software »Zoom« live übertragen wird. Die technische Hürde für die Teilnehmer ist dabei niedrig. Es muss kein Programm auf Smartphone, Tablet, Computer oder Smart-TV installiert werden. Die Interessierten müssen sich lediglich über das Kontaktformular auf der Internetseite des Vereins (www.tsv-allendorf-lahn.net) mit einer E-Mail-Adresse anmelden. Rechtzeitig vor Kursbeginn bekommen sie einen Link geschickt, klicken darauf und sind einen Augenblick später mit den Trainerinnen und den anderen Teilnehmern verbunden.

Das Schöne an diesem System: Man kann mit einem Wisch sogar die übrigen Sportler, sofern sie die Kamera an ihrem Endgerät aktiviert haben, sehen und zumindest vor und kurz nach dem Training auch hören. Das gibt einem das Gefühl: Man trainiert nicht alleine. Mehr Gemeinschaftsgefühl geht in diesen Krisenzeiten eben nicht. Und wer bei der Liveübertragung keine Zeit hat, kann das Programm später nachholen: Über einen weiteren Link, der kurz nach Abschluss der Einheit per E-Mail verschickt wird, ist eine Aufzeichnung abrufbar.

Die Allendorfer haben mit ihrem Angebot einen Nerv getroffen, die Resonanz ist groß: 20 bis 30 Sportler - und damit oft mehr als in den realen Kursen - sind regelmäßig live dabei. »Wir bekommen unglaublich viel positives Feedback. Viele Leute schreiben uns: ›tolle Idee, vielen Dank‹«, erzählt Lefèvre. Dabei geht es dem TSV-Team gar nicht so sehr darum, die Mitglieder bei der Stange zu halten. »Wir haben uns gedacht: Wenn wir allen Leuten die Aktivität nehmen, ist das fürs Immunsystem nicht gut. Und es ist ja wichtig, dass es gerade jetzt gestärkt wird.«

Herausforderungen für Trainerinnen

Deswegen ist das Angebot nicht auf Mitglieder beschränkt, sondern für alle Sportinteressierten offen. »Es wäre natürlich umso schöner, wenn diese Leute, wenn alles wieder normal läuft, sagen würden: ›Oh, das hat mir jetzt Spaß gemacht, ich komme dann auch in die Gruppen‹«, sagt die Vorsitzende, die sich über eine weitere Steigerung der Mitgliederzahlen freuen würde. Aktuell hat der TSV aus dem rund 2000 Einwohner zählenden Gießener Stadtteil 800 Mitglieder und seine Zahl schon im Jahr 2019 um zehn Prozent gesteigert.

Für die Fitnesstrainerinnen ergeben sich durch die Online-Kurse ganz neue Herausforderungen. »Man muss das Training sehr gut planen«, sagt Johanna Michl. »Es ist komplett anders, wenn man die Leute nicht vor sich hat. Der Kontakt fehlt, ich kann nicht einschätzen, auf welchem Fitness-Level sie sind und ich kann bei den Übungen nicht korrigieren.« Das bedeutet für die Übungsleiterin: Sie muss mehr erklären als üblich oder alternative Übungen anbieten für Teilnehmer, die Einschränkungen haben und zum Beispiel nicht springen können.

Keine Sorgen wegen Privatsphäre

Hinzu kommen technische Besonderheiten, über die sie in der Halle nicht nachdenken muss. »Man muss daran denken, dass das Licht im Wohnzimmer passt, dass man immer im Bild ist und auch gehört wird.« Michl hat ein wenig mit verschiedenen Endgeräten experimentiert und nimmt die Einheiten inzwischen mit dem Smartphone auf. Die Qualität der Übertragung ist gut - die Bilder ruckeln nicht, der Ton ist verständlich.

»Für uns war es ein Sprung ins kalte Wasser. Wir hatten nichts zu verlieren«, sagt sie lachend. Gewonnen hat der TSV viel. »Es ist eine ganz tolle Alternative. Es ist schön, dass so viele externe Leute dabei sind und wir so viel positives Feedback bekommen.«

Ein Problem, dass sie viele Menschen, die sie nicht kennt, in ihre Privatsphäre lässt, hat die Trainerin nicht - nicht mehr. »Am Anfang habe ich schon darüber nachgedacht und überlegt, ob ich im Wohnzimmer Bilder von der Wand abhängen sollte«, sagt Michl. »Aber das ist kein Thema mehr.« Sie selbst ist begeistert von dem Angebot: »Es macht einfach nur Spaß. Für uns ist es eine schöne Möglichkeit, den Leuten zu zeigen, was Vereine leisten können und dass es solche Kurse nicht nur in Sportstudios oder Gesundheitszentren gibt.«

Volles Programm an den Feiertagen

Inzwischen, berichtet Michl, gab es schon Anfragen, das Online-Angebot nach dem Ende der Corona-Krise fortzusetzen, zum Beispiel für Menschen, die es zeitlich nicht in die regulären Kurse schaffen. Darüber nachgedacht haben sie in Allendorf schon. Aber derzeit gilt die volle Konzentration dem Alternativ-Programm, das eventuell sogar noch ausgebaut werden soll. »Wir machen keine Pläne, sondern schauen von Tag zu Tag. Dann entwickeln wir die Ideen«, sagt Lefèvre. Die Online-Kurse werden übrigens auch in den Osterferien und an den Feiertagen fortgesetzt.

Inzwischen wurde das Angebot für die Wettkampfturner des TSV ausgeweitet, die zwar ihre Trainingspläne haben, die nun aber zusätzlich in einer geschlossenen Gruppe virtuell gemeinsam arbeiten, um den Zusammenhalt zu stärken. Zudem bietet der TSV auf seiner Homepage kurze Videoclips mit Bewegungsideen für Kinder und Ältere an.

»Das Sportangebot nach der Krise wird anders sein. Es wird sich verändern«, ist sich Lefèvre sicher. Ihrem TSV Allendorf/Lahn muss vor der Zukunft aber sicher nicht bange sein.

Der TSV Allendorf/Lahn sieht in der Corona-Krise auch eine Chance. Hier ruht der Betrieb im Gegensatz zu vielen anderen Sportvereinen keineswegs. Ob Zumba, Aerobic, Krafttraining oder eine knackige Einheit High Intensiv Training - die Allendorfer haben innerhalb kürzester Zeit ein umfangreiches Online-Programm auf die Beine gestellt, mit dem sie viele Sportinteressierte erreichen. Nicht nur TSV-Mitglieder. »Zwei Drittel der Teilnehmer sind keine aktiven Mitglieder bei uns«, sagt Kerstin Lefevre, die 1. Vorsitzende. Sie war es auch, die die Idee für dieses neuartiges Angebot hatte.

»Es hat sich leichte Verzweiflung breit gemacht an jenem Freitag, an dem sich die Ereignisse überschlagen haben und viele Sportverbände den Betrieb eingestellt haben«, erinnert sich Lefevre an den 13. März. »Nach dem letzten Training war das emotional unglaublich schwierig. Ich habe abends die Lichter ausgemacht, die Halle abgeschlossen und traurig zu mir gesagt: Der Letzte macht das Licht aus. Ich hatte da ein bisschen dran zu knabbern.« Aber nicht lange. Schon am Tag danach wich die Trauer dem Tatendrang. »Das einfach hinnehmen, die Füße stillhalten, das geht auch nicht. Wir müssen ja irgendwie gucken, wie wir unserem Auftrag gerecht werden«, schildert sie ihre damaligen Gedanken. Nach einer schlaflosen Nacht hatte die Vorsitzende die Idee mit den Online-Kursen. »Unsere Fitnesstrainerinnen Johanna Michl und Susanne Sulzmann waren sofort begeistert.« Mit einem Zumba-Kurs fing alles an. Die Premiere war ein Erfolg, das Programm wurde stetig ausgebaut und inzwischen findet an jedem Tag mindestens ein Kurs statt.

Die Übungsleiterinnen Michl und Sulzmann leiten aus ihrer Wohnung das Training, das über die Videokonferenz-Software »Zoom« live übertragen wird. Die technische Hürde für die Teilnehmer ist dabei niedrig. Es muss kein Programm auf Smartphone, Tablet, Computer oder Smart-TV installiert werden. Die Interessierten müssen sich lediglich über das Kontaktformular auf der Internetseite des Vereins (www.tsv-allendorf-lahn.net) mit einer E-Mail-Adresse anmelden. Rechtzeitig vor Kursbeginn bekommen sie einen Link geschickt, klicken darauf und sind einen Augenblick später mit den Trainerinnen und den anderen Teilnehmern verbunden.

Das Schöne an diesem System: Man kann mit einem Wisch sogar die übrigen Sportler, sofern sie die Kamera an ihrem Endgerät aktiviert haben, sehen und hören - zumindest vor und kurz nach dem Training. Das gibt einem das Gefühl: Man trainiert nicht alleine. Mehr Gemeinschaftsgefühl geht in diesen Krisenzeiten eben nicht. Und wer bei der Liveübertragung keine Zeit hat, kann das Programm später nachholen: Über einen weiteren Link, der kurz nach Abschluss der Einheit per E-Mail verschickt wird, ist eine Aufzeichnung abrufbar.

Die Allendorfer haben mit ihrem Angebot einen Nerv getroffen, die Resonanz ist groß - 20 bis 30 Sportler - und damit oft mehr als in den realen Kursen - sind regelmäßig live dabei. »Wir bekommen unglaublich viel positives Feedback. Viele Leute schreiben uns: tolle Idee, vielen Dank«, erzählt Lefevre. Dabei geht es dem TSV-Team gar nicht so sehr darum, die Mitglieder bei der Stange zu halten. »Wir haben uns gedacht: Wenn wir allen Leuten die Aktivität nehmen, ist das fürs Immunsystem nicht gut. Und es ist ja wichtig, dass es gerade jetzt gestärkt wird.« Deswegen ist das Angebot nicht auf Mitglieder beschränkt, sondern für alle Sportinteressierten offen. »Es wäre natürlich umso schön, wenn diese Leute, wenn alles wieder normal ist, sagen würden: Oh, das hat mir jetzt Spaß gemacht, ich komme dann auch in die Gruppen«, sagt die Vorsitzende, die sich über eine weitere Steigerung der Mitgliederzahlen freuen würde. Aktuell hat der TSV aus dem rund 2000 Einwohner zählendenden Gießener Stadtteil 800 Mitglieder und seine Zahl schon im Jahr 2019 um zehn Prozent gesteigert.

Für die Fitnesstrainerinnen ergeben sich durch die Online-Kurse ganz neue Herausforderungen. »Man muss das Training sehr gut planen«, sagt Johanna Michl. »Es ist komplett anders, wenn man die Leute nicht vor sich hat. Der Kontakt fehlt, ich kann nicht einschätzen, auf welchem Fitnesslevel sie sind und ich kann bei den Übungen nicht korrigieren.« Das bedeutet für die Übungsleiterin: Sie muss mehr erklären als üblich oder alternative Übungen anbieten für Teilnehmer, die Einschränkungen haben und zum Beispiel nicht springen können.

Hinzu kommen technische Besonderheiten, über die sie in der Halle nicht nachdenken muss. »Man muss daran denken, dass das Licht im Wohnzimmer passt, dass man immer im Bild ist und auch gehört wird.« Michl hat ein wenig mit verschiedenen Endgeräten experimentiert und nimmt die Einheiten inzwischen mit dem Smartphone auf. Die Qualität der Übertragung ist gut - die Bilder ruckeln nicht, der Ton ist verständlich.

»Für uns war es ein Sprung ins kalte Wasser. Wir hatten nichts zu verlieren«, sagt sie lachend. Gewonnen hat der TSV viel. »Es ist eine ganz tolle Alternative. Es ist schön, dass so viele externe Leute dabei sind und wir so viel positives Feedback bekommen.« Ein Problem, dass sie viele Menschen, die sie nicht kennt, in ihre Privatsphäre lässt, hat die Trainerin nicht - nicht mehr. »Am Anfang habe ich schon darüber nachgedacht und überlegt, ob ich im Wohnzimmer Bilder an der Wand abhängen sollte«, sagt Michl. »Aber das ist kein Thema mehr.« Sie selbst ist begeistert von dem Angebot: »Es macht einfach nur Spaß. Für uns ist es eine schöne Möglichkeit, den Leuten zu zeigen, was Vereine leisten können und dass es solche Kurse nicht nur in Sportstudios oder Gesundheitszentren gibt.«

Inzwischen, berichtet Michl, gab es schon Anfragen, das Online-Angebot nach dem Ende der Corona-Krise fortzusetzen, zum Beispiel für Menschen, die es zeitlich nicht in die regulären Kurse schaffen.

Darüber nachgedacht haben sie in Allendorf schon. Aber derzeit gilt die volle Konzentration dem Alternativ-Programm. »Wir machen keine Pläne, sondern schauen von Tag zu Tag. Dann entwickeln wir die Ideen«, sagt die 1. Vorsitzende Lefevre. Die Onlinekurse werden auch in den Osterferien und an den Feiertagen fortgesetzt.

Inzwischen wurde das Angebot für die Wettkampfturner des TSV ausgeweitet, die zwar ihre Trainingspläne haben, die nun aber zusätzlich in einer geschlossenen Gruppe virtuell gemeinsam arbeiten, um den Zusammenhalt zu stärken. Zudem bietet der TSV auf seiner Homepage kurze Videoclips mit Bewegungsideen für Kinder und ältere Menschen an. »Das Sportangebot nach der Krise wird anders sein. Es wird sich verändern«, ist sich Lefevre sicher. Ihrem TSV Allendorf/Lahn muss vor der Zukunft aber sicher nicht bange sein.

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