19. Juli 2017, 13:03 Uhr

Aus dem Archiv

Carlos Prieto: "Ich bin immer positiv"

Er hat dreimal die Champions League gewonnen und drei Spielzeiten bei der HSG Wetzlar verbracht. Doch für Carlos Prieto ist noch nicht Schluss: Er heuert in der Landesliga an.
19. Juli 2017, 13:03 Uhr
Einer der sich durchsetzen kann: Carlos Prieto (HSG Wetzlar). Handball, Bundesliga, 10. Spieltag, HSG Wetzlar - ThSV Eisenach, Saison 2013/14,18.10.2013, Rittal-Arena, Wetzlar, HSG Wetzlar - ThSV Eisenach am 18.10.2013 Nutzungshinweis: Sportfoto Oliver Vogler - Info: 0172 6043751 (Foto: Oliver Vogler)

Carlos Prieto geht zu Handball-Landesligist HSG Lollar/Ruttershausen. Das ist die Transfernachricht für den heimischen Handball. Wir haben das zum Anlass genommen in unser Archiv zu schauen. Anlässlich seines Abschieds bei Bundesligist HSG Wetzlar hatten wir ihn im Sommer vergangenen Jahres zum Interview getroffen.

Er hat dreimal die Champions League gewonnen, zweimal den europäischen Pokal der Pokalsieger; er holte bei den Olympischen Spielen 2008 mit der spanischen Handball-Nationalmannschaft die Bronze-Medaille, war viermal spanischer Meister und zweimal Pokalsieger. Am 5. Juni wird er das letzte Spiel für die HSG Wetzlar bestreiten und die Grün-Weißen mit noch unbekanntem Ziel verlassen.

 
Fotostrecke: Carlos Prieto - Seine Wetzlarer Zeit in Bildern

Drei Jahre hat Carlos Prieto dann das Trikot mit der Nummer 3 getragen. Im letzten Heimspiel gegen Lemgo erzielte der Kreisläufer zwei umjubelte Treffer. Seltene Momente bei der HSG, bei der er vorzugsweise in der Abwehr zum Einsatz kam.

Herr Prieto, Ihre Karriere begann 1997 beim FC Barcelona. Wie kam es, dass Sie als junger Spieler gleich bei diesem großen Klub landeten?

 

Prieto: Ich komme aus Mérida, aus einem kleinen Verein. Barcelona scoutet im ganzen Land, macht im Sommer ein-, zweiwöchige Trainingslager. Da war ich immer dabei, habe mit zwölf Jahren damit angefangen. Vier Jahre in Folge war ich jeden Sommer im Training und habe eine gute Entwicklung gemacht. Ich habe sehr gut trainiert und nach dem letzten Trainingslager hatte ich von sieben, acht Vereinen Angebote. Ich habe mich für Barcelona entschieden, habe im ersten Jahr bei den Junioren gespielt und durfte schon einige Male mit den Senioren trainieren. Ich hatte, bis ich 16 Jahre alt war, einmal Training in der Woche. Bei Barcelona hatte ich fünfmal Training die Woche - das war ein Traum. Im zweiten Jahr hat sich der Kreisläufer der ersten Mannschaft verletzt. Ich kam mit 17 Jahren in der Liga und in der Champions League zum Einsatz. Ich hatte keine Erfahrung, so hat das alles angefangen. Ich bin dann zu BM Gáldar gewechselt, wo ich mehr Möglichkeiten hatte, zu spielen. Es war in Barcelona zu schwer, sich durchzusetzen. Für mich ist dann Christian Schwarzer zu Barca gekommen.

Mit Wetzlar hatte ich eine gute Kommunikation

Carlos Prieto
Wie sind Sie beim Handball gelandet?

Prieto: Am Anfang wollte ich eigentlich Basketball spielen. Doch die Halle war etwas weiter weg und meine Familie konnte mich nicht dreimal in der Woche zum Training fahren. Dann habe ich mit Schwimmen und Handball angefangen. Ich wollte mich dann eigentlich nur auf das Schwimmen konzentrieren, habe es aber nicht gemacht. Denn in meiner Schule war der Hauptsport Handball.

Sie sind 2009 aus Spanien zu den Rhein-Neckar Löwen gekommen. War die deutsche Bundesliga ein Traum?

Prieto: In Spanien hatten wir eine unglaublich starke Liga. Doch dann ist sie nach und nach schwächer geworden. Nach den Olympischen Spielen 2008 kam das Angebot von den Rhein-Neckar Löwen. Ein Freund von mir hat mir von der Bundesliga erzählt, von der Stimmung und den Mannschaften wie Kiel oder Flensburg. Das war alles in meinem Kopf. Da dachte ich, jetzt ist die richtige Zeit gekommen, um nach Deutschland zu fahren und mir das anzuschauen.

Sie waren nur ein Jahr bei den Löwen. Warum?

Prieto: Eigentlich sollte damals Zvonimir Serdarusic als Trainer kommen. Er wollte mich als Spieler haben und ich habe deshalb dort im Januar den Vertrag unterschrieben. Doch er kam nicht als Trainer. Der neue Trainer wollte nur einen Kreisläufer und wir waren drei. Er wollte mich nicht und ich habe nur wenig gespielt. Damit war ich nicht zufrieden und bin wieder gegangen.

Dann ging es nach Celje.

Prieto: Ja, mit dieser Mannschaft hatten wir damals die Möglichkeit, in der Champions League zu spielen. Das war ein großes Projekt, aber leider nach fünf Monaten wieder kaputt. Wir haben nicht so gut gespielt, es gab finanzielle Probleme.

Danach haben Sie einen Abstecher zum Bergischen HC gemacht. Nach einem Jahr bei den Kadetten Schaffhausen sind Sie dann in Wetzlar gelandet. Wie kam der Kontakt mit der HSG zustande?

Prieto: Ich habe viele Kontakte und durch einen Freund erfahren, dass Wetzlar jemanden sucht. Ich war ein paar Tage hier, war im Training, das war ganz einfach.
 

Wir haben keine Ahnung, was morgen kommt, das ist einfach so. Deshalb dürfen wir keine Sekunde verlieren

Carlos Prieto
Also ist die Entscheidung sehr schnell gefallen?

Prieto: Ja. Ich hätte noch ein Jahr bei den Kadetten bleiben können. Aber wir hatten die Vereinbarung, wenn ich etwas anderes finde, kann ich gehen. Mit Wetzlar hatte ich eine gute Kommunikation.

Hat es Ihnen nichts ausgemacht, überwiegend in der Abwehr zu spielen?

Prieto: Nein, das ist okay. Es geht nicht um mich, das ist egal. Ich genieße das einfach, egal, ob nur Angriff oder Abwehr oder beides. *schmunzelt* Das mache ich gerne.

Sie haben als Lebensmotto ausgegeben: Genieße das Leben.

Prieto: Ja, auf jeden Fall. Wir haben keine Ahnung, was morgen kommt, das ist einfach so. Deshalb dürfen wir keine Sekunde verlieren. Ich bin immer positiv. Auch in den schlechten Momenten gibt es gute Sachen. Ich habe an alle Vereine immer gute Erinnerungen, selbst wenn es schlecht gelaufen ist. Das sind Erfahrungen für unsere Zukunft. Wir können nicht immer alles bekommen.

Ist Ihre Frau immer mit dabei gewesen?

Prieto: Immer. Wir sind im Sommer elf Jahre zusammen und seit 2007 hat sie mich immer begleitet. Alle Entscheidungen in meinem Leben treffe ich zusammen mit meiner Frau. Ich gehe nicht nach Kiel oder Kopenhagen, wenn meine Frau das nicht will.

Wie sind Ihre Erinnerungen an die Olympischen Spiele?

Prieto: Die beste Zeit in meiner Karriere. Wie viele Sportler können bei diesem Event alle vier Jahre bei sein? Die Welt ist so groß, so wenig Sportler, noch weniger Handballer. Und dann bist du dabei und gewinnst die Bronzemedaille. Was soll ich sagen? Das war der beste Moment, unglaublich. Das kannst du nicht vergleichen, auch nicht mit der Champions League.

Wo haben Sie die Medaille?

Prieto: Die ist immer dabei. Manchmal hole ich die Box hervor und schaue sie mir an. Später, wenn ich ein Haus in meiner Heimat habe, werde ich einen besonderen Platz für sie finden.

Kommen wir auf die Zukunft zu sprechen. Im Sommer ist in Wetzlar Schluss. Wie geht es für Sie weiter?

Prieto: Ich habe noch keine Entscheidung getroffen. Ich will auf jeden Fall noch ein paar Jahre Handball spielen und würde gerne in der Bundesliga bleiben. Das ist auf meiner Position nicht so einfach. Ich warte noch ein bisschen. Ich wünsche mir schon, dass meine Tochter die Sprache lernt. Aber vielleicht kommt auch eine gute Sache aus Frankreich oder Dänemark.

Im Steckbrief bei der HSG haben Sie bei Hobbys unter anderem Lesen angegeben. Was liest ein Carlos Prieto gern?

Prieto: Im Moment nicht so viele Bücher. Ich beende jetzt mein Studium, deshalb heißt es nur lernen. Bald ist die Prüfung. Sonst lese ich gern alles, was mit Sport zu tun hat.
 

30 Prozent unserer Leistung kriegen wir von den Fans

Carlos Prieto
Möchten Sie mal als Trainer arbeiten?

Prieto: Vielleicht im Athletikbereich. Aber doch eher im Management oder Marketing. Ich habe viele Kontakte. Mit meiner Erfahrung in vielen Ländern, mehreren Sprachen und meinem Charakter wird das sicher einfacher für mich. Aber ich bin offen für alles. Etwas mit Sport auf jeden Fall.

Sportler können nur schwer loslassen, bleiben dem Sport irgendwie verbunden.

Prieto: Ja. Das ist meine 19. Saison als Profi, ich weiß vieles vom Sport. Ich habe mit den besten Spielern, Vereinen, Managern zu tun gehabt und viel gelernt. Diese Erfahrungen musst du einfach nutzen. Ich habe viele Farben und Kontraste in meiner Laufbahn kennengelernt.

Kommen wir zurück zur HSG. Gibt es ein Negativ-Erlebnis hier in Wetzlar?

Prieto: *schüttelt den Kopf* Es war doch toll. *muss lange überlegen* Alles war in Ordnung. Die Leistung der Mannschaft war gut, wir haben immer einen guten Platz in der Tabelle erreicht. Klar, hätte man mehr spielen wollen, aber das ist Handball, das ist das Leben. Ich akzeptiere das. In der ersten Saison habe ich viel gespielt, in der zweiten haben mich Verletzungen zurückgeworfen. In den letzten Monaten spiele ich wieder mehr. Wenn wir gewinnen, bin ich zufrieden. Ich habe seit meinen ersten Tagen hier viele gute Erinnerungen.

Gibt es ein Highlight?

Prieto: Auf sportlicher Ebene schwierig zu sagen. Diese Saison war von jedem überragend, aber einzelne Momente gibt es eigentlich nicht. *lacht* Keine Ahnung, da muss ich vielleicht mehr drüber nachdenken. Mein Highlight ist, dass meine Tochter in dieser Zeit geboren wurde. *lächelt*

Ein Wort an die Fans?

Prieto: Die unterstützen uns - immer. Die sind immer dabei, helfen uns in jedem Spiel. Sie haben einfach aus unserer Halle ein Schloss gemacht. Jede Mannschaft, die hier herkommt, weiß, dass es schwierig ist, hier zu gewinnen. 30 Prozent unserer Leistung kriegen wir von den Fans. Ich denke, was die Fans hier in unserer Halle machen, gehört zu den Top fünf der Liga.

Wie schwer fällt dann so ein Abschied?

Prieto: Das tut nicht weh, aber das ist auch nicht schön. Ich war hier zufrieden, hatte eine gute Zeit und würde gerne bleiben. Aber es kommt so wie immer, ein neues Projekt, neue Spieler und so akzeptiere ich das. Traurig ist vielleicht nicht das richtige Wort. Die Zeit hier war sehr gut. Ich hoffe, ich weine nicht im letzten Spiel.

Info

Steckbrief: Carlos Prieto
  • Position: Kreisläufer.
  • Geburtstag: 2. Februar 1980.
  • Geburtsort: Merida/ESP.
  • Nationalität: Spanier.
  • Größe: 203 cm.
  • Gewicht: 107 kg.
  • Familienstand: verheiratet/eine Tochter.
  • Hobbies: Musik, Lesen, Filme, Reisen.
  • Lieblingsessen: Lentejas (Linsengerichte).
  • Spielerstationen: FC Barcelona, BM Gáldar, BM Ciudad Real, BM Valladolid, Rhein-Neckar Löwen, RK Celje, Bergischer HC, Kadetten Schaffhausen.
  • Länderspiele: 96.
  • Sportliche Erfolge: Champions-League-Sieger 1998, 1999, 2006; Bronze bei den Olympischen Spielen 2008; Spanischer Meister 1998, 1999, 2004, 2007; Spanischer Pokalsieger 1998, 2003; Europäischer Pokalsieger der Pokalsieger 2003, 2009.

 

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