22. November 2017, 10:58 Uhr

Anstoß

Boris »Bobbele« oder Herr Becker?

Boris Becker feiert 50. Geburtstag. Unser Boris, der nur noch Herr Becker sein will. Unvergessen sind seine Tennis-Schlachten, nicht vergessen aber auch seine Eskapaden.
22. November 2017, 10:58 Uhr
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Von Ronny Herteux
Als jüngster Spieler und erster Deutscher überhaupt gewann der ungesetzte Boris Becker am 7. Juli 1985 spektakulär in vier Sätzen das Wimbledon-Finale. (Foto: dpa)

Weißt du eigentlich, was heute für ein Tag ist? Es soll Menschen geben, die den Hochzeitstag vergessen und sich richtig Ärger mit dem Partner einhandeln. Peinlich wird es auch, den Geburtstag nicht auf dem Schirm zu haben. Oder ohne Geschenk am 24. Dezember dazustehen, als wüsste man nicht schon Monate vorher, dass Weihnachten immer wieder an jenem Tag im dritten Drittel des letzten Monats des Jahres wiederkehren würde. Die Ausreden klingen nicht selten banal und peinlich, allerdings wollen wir an dieser Stelle nicht erörtern, warum der eine oder die andere gedanklich in anderen Zeitsphären unterwegs sind.

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Vielmehr wollen wir uns daran erinnern, dass hinter scheinbar nackten Daten auch immer wieder interessante, euphorisierende, aufwühlende und/oder niederschmetternde Ereignisse stehen können. Verdrängte Bilder drängen urplötzlich wieder ans Tageslicht des Bewusstseins. Bestes Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit: der 11. September 2001.

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Oder man nehme den 4. Juli 1954, als die deutschen Fußballer um Fritz Walter und Helmut Rahn im Berner Wankdorfstadion die scheinbar übermächtigen Ungarn mit 3:2 besiegten und einen Freudensturm in der Heimat auslösten. Noch heute ruft der Kommentar von Herbert Zimmermannn Gänsehaut hervor. Wie auch jene Worte von Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher, der am 30. September 1989 vom Balkon in der Prager Botschaft den gestrandeten DDR-Bürgern die Kunde von der bevorstehenden Ausreise ins gelobte Land übermittelte. Die Jüngeren unter uns werden mit dem 13. Juli 2014 mehr anfangen können. Mit jenem Tag, als die DFB-Kicker, angeführt von Bastian Schweinsteiger, im Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro durch ein 1:0 gegen Argentinien den vierten WM-Titel gewannen.

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Wir wechseln zum 7. Juli 1985. Eine Idee? Na klar, werden zumindest die heute 50-Jährigen und aufwärts sofort einwerfen. Wimbledon, Finale. Nie zuvor hat Tennis die Deutschen so gefesselt wie in diesen Tagen. Ein 17-jähriger Leimener namens Boris Becker, im Jahr zuvor noch verletzungsbedingt beim wichtigsten Turnier der Welt gestoppt, kämpft sich Runde um Runde in den Fokus der Öffentlichkeit. Im Schnellverfahren mussten die Tennisregeln unters Volk gebracht werden, in praktisch jedem Dorf rückten die Bagger an und stampften Tennisplätze aus dem Boden. Allzu ehrgeizige Eltern geißelten ihr Kids und wollten aus ihnen Boris Beckers oder später auch Steffi Grafs machen. Viel geblieben ist davon nicht, außer ein paar verstörte Kinderseelen und verwaiste Tennisplätze. »Bobbele« war zu dieser Zeit überall, selbst meine damalige Freundin ließ sich dazu hinreißen, ein Boris-Poster an die Wand zu hängen. Von einer Person, die ohne B.B. zu sein, wahrscheinlich nicht mal in einer dunklen Seitenstraße aufgefallen wäre.

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Boris Becker hat uns ein Leben lang auf irgendeine Art und Weise begleitet. Er hat viele Tennisfans bis spät in die Nacht vor dem Bildschirm gefesselt, er hat uns auf eine Achterbahn der Gefühle mitgenommen, und er hat sie alle besiegt – die Lendls, Edbergs, McEnroes, Sampras’, Connors’ und Changs, den Daviscup mehrfach nach Deutschland geholt – er hat Sportgeschichte wie kaum ein anderer zuvor und danach geschrieben.

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Boris Becker ist aber nicht nur ein Teil der Sportgeschichte, der einstige Sportheld geisterte in späteren Jahren bis zur Jetztzeit durch den Boulevard. Verstörend seine Eskapaden und bizarren TV-Auftritte. Seine von ihm selbst breitgetretene Samenraubstory in der Besenkammer, seine wirren Autobiografien, Scheidungsschlammschlachten, Insolvenzen und Steuerhinterziehungen.

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Neuerdings will Boris nicht mehr Boris sein, sondern Herr Becker. Er fühle sich nicht mehr als Deutscher und möchte in Wimbledon begraben werden. Hier im Sportteil huldigen wir dem Sporthelden. Was den Privatmenschen betrifft, so sollte Herr Becker nie vergessen, dass er es selbst war, der nach seiner Karriere immer wieder den Weg in die Öffentlichkeit gesucht und dafür auch kassiert hat: Bestes Beispiel seine TV-Hochzeit mit Sharlely Kerssenberg. Dass es auch anders geht, beweist hinreichend eine Sportlerin, die nahezu zeitgleich mit Boris Becker den Tennis-Olymp bestieg: Steffi Graf. Jetzt Stefanie Graf.



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