06. Februar 2020, 07:00 Uhr

Aus der WG zur Weltmeisterschaft

Sie stehen im Kreis und schlagen eine gelbe Kugel auf ein Netz. Sie reagieren blitzartig und hechten sich über das Spielfeld. Eine Frage muss erlaubt sein: Was macht ihr da?
06. Februar 2020, 07:00 Uhr

Kevin Schäfer hechtet blitzschnell auf den Hallenboden. Er ist schnell genug und erwischt den kleinen gelben Ball, bevor dieser den Boden berührt. Genauso schnell, wie er am Boden war, ist er wieder oben und bereit für die nächste Aktion. Das ist beim Roundnet elementar.

Seit vier Jahren wird der Trendsport in Gießen gespielt. Was als Zeitvertreib begann, wird mehr und mehr zu einer strukturierten Sportart. »Am Anfang war es eine coole Nebenbeschäftigung, das Niveau steigt aber genauso rasant wie die Community«, sagt Schäfer. Er ist Leiter der jüngsten Abteilung des MTV 1846 Gießen.

Und so treffen sich dienstagabends in der Sporthalle der Sandfeldschule zwei Dutzend Roundnet-Spieler. Die Atmosphäre ist entspannt, aber der Ehrgeiz in den Spielen zu spüren. Eine große Anlaufzeit braucht man beim Roundnet nicht. »Wer ein bisschen Ballgefühl hat, kommt mit dem Spiel schnell zurecht«, sagt Schäfer.

Die Mischung aus Beachvolleyball und Squash wird im Zwei gegen Zwei gespielt und kommt mit spektakulären Ballwechseln und unzähligen taktischen Varianten daher. Das Spielfeld ist dabei nicht begrenzt, lediglich unter dem Hallendach setzen die Wände der Fläche ein Ende. Das Spielgerät ist quasi ein Trampolin mit einem Durchmesser von 90 und einer Höhe von 20 Zentimetern. Beim Aufschlag stehen die Spieler 1,80 Meter und 90 Grad zueinander versetzt um das Netz. Wie beim Tennis hat man zwei Versuche, den Ball ins Spiel zu bringen, wie beim Volleyball maximal drei Berührungen, bevor der Ball aus Gummi abwechselnd so auf das Netz gespielt werden sollte, dass der Gegner diesen nicht retournieren kann. Dabei darf der Gegner aber nicht bewusst in seinem Bewegungsfeld eingeschränkt werden. Dass kein Schiedsrichter notwendig ist, um strittige Situationen zu klären, liegt am Fair-Play-Gedanken.

Danach braucht es flinke Beine, schnelle Reaktionen und eine gute Auffassungsgabe, um erfolgreich zu sein. »Die Schwierigkeit ist es, in der Defensive richtig zu stehen«, sagt Schäfer.

Vom Zeitvertreib zum Leistungssport

Die Anfänge hat Roundnet in Deutschland über die Ultimate-Frisbee-Spieler genommen, erzählt Schäfer. In den USA, wo sich der Sport entwickelte und Spikeball genannt wird, wurde das Spiel mit dem kleinen gelben Ball bei Frisbee-Turnieren zum beliebten Zeitvertreib. Es dauerte nicht lange, bis dieser Trend auch in Europa ankam. Vor vier Jahren erzählte Schäfers damaliger Mitbewohner Lukas Platte in der Gießener WG davon, wenig später hatten sie sich ein Roundnet-Set gekauft.

Schäfer und Platte nahmen das Set fortan bei jeder Gelegenheit mit in den Park. »Da hat sich über unseren Freundeskreis recht schnell eine große Gruppe gefunden. Jeder, der neu dazu kam, war sofort begeistert«, sagt Schäfer. Über eine WhatsApp-Gruppe wurde sich fast täglich am Schwanenteich verabredet.

Allerdings kamen irgendwann auch wieder kältere Tage, trotzdem wollten Schäfer und Co. nicht auf Roundnet verzichten. Eine Hallenzeit war aber nur als Abteilung eines Vereins realistisch. Als Abteilungsleiter der Fechter beim MTV 1846 Gießen war der Weg für Schäfer kurz. »So haben wir eine Zeit am Sonntag bekommen, die ursprünglich für Fechten gedacht war, und konnten auch über den Winter spielen. Weil die Resonanz weiterhin groß war, sind wir im April 2019 dem MTV beigetreten«, sagt Schäfer.

Überhaupt hat Roundnet, das vor allem auf Sand einen hohen Spaßfaktor hat, in Deutschland und Europa eine rasante Entwicklung genommen. Während die Gießener Gruppe 2016 das einzige Turnier in Deutschland noch verpasste, waren sie 2017 bei den ersten Europameisterschaften in Belgien schon dabei. »Im vergangenen Jahr hätten wir an jedem Wochenende auf ein Turnier fahren können«, sagt Schäfer. Anlässlich der Abteilungsgründung richteten die Gießener ihr erstes Turnier aus, die »Schlammbeiser Open«.

Die zweite Auflage steigt am 22. Februar in der Sporthalle am Ried in Wieseck. »Die Nachfrage ist groß. Am ersten Tag der Anmeldephase waren wir ausgebucht«, sagt Schäfer. 24 Mixed-Teams und 21 Herren-Teams werden am Start sein. Eine Woche später geht es in Köln um die deutsche Indoor-Meisterschaft, im September stehen mit der Weltmeisterschaft in Houthalen-Heichteren (Belgien) und den Europameisterschaften in Dublin (Irland) die Saisonhöhepunkte auf dem Plan. Dass Gießener Spieler dabei sein werden, ist recht wahrscheinlich. Alexa Peusch und Christian Endl sind im Mixed bereits für die Titelkämpfe qualifiziert, Alexander Stiller und Schäfer hoffen noch darauf, das Ticket für die Sichtungstage bei den Schlammbeiser-Open zu lösen. Dann ist bei diesem verrückten Spiel wieder alles möglich.

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