25. Februar 2020, 12:00 Uhr

Fußball: Keine Kahns und Effenbergs mehr ZUR PERSON

»Alle Spieler werden rund geschliffen«

Auf der Suche nach mehr jungen Spielern mit Ecken und Kanten macht Fußball-Deutschland viel falsch - sagt Deniz Solmaz, Jugendleiter der TSG Wieseck im Interview.
25. Februar 2020, 12:00 Uhr

Alle schreien nach den Effenbergs und Kahns«, sagt Deniz Solmaz, Jugendleiter der TSG Wieseck. »Aber mit dem jetzigen System in den Nachwuchsleistungszentren tun wir alles dafür, nur glatt geschliffene Spieler zu bekommen.« Der 35-jährige Fußballtrainer kritisiert die Jugendarbeit der deutschen Profivereine, in denen Talente »überbehütet werden. Statt Helikopter-Eltern haben wir im deutschen Jugendfußball Helikopter-Trainer.«

Solmaz korrespondiert ständig mit den Jugendtrainern der NLZs dieses Landes. Erst Anfang Januar waren beim Hallenturnier in Wieseck u.a. Borussia Dortmund, RB Leipzig, VfL Wolfsburg, TSG Hoffenheim und Eintracht Frankfurt zu Gast. »Viele Trainer stimmen mir zu, sind aber im System gefangen. Ich bin durch meinen Posten als Jugendleiter eines Amateurvereins frei in dem, was ich sage.« Die TSG Wieseck war in der Vergangenheit Sprungbrett mehrerer Profis - prominentestes Beispiel: Nationalspieler Luca Waldschmidt.

Deniz Solmaz wählt im Interview mit dieser Zeitung deutliche Worte, erklärt, weshalb die derzeitige Ausbildung in den Nachwuchsleistungszentren ein Entwickeln von Persönlichkeiten verhindert und weshalb den Stars von morgen mehr Freiheiten eingeräumt werden sollten.

Herr Solmaz, was finden Sie in heutigen Nachwuchsleistungszentren (NLZ) in Fußball-Deutschland vor?

Ich habe erst vor wenigen Wochen das NLZ eines Bundesligisten besucht. Es gibt vieles, was wir überdenken sollten, aber bei diesem Besuch ist mir vor allem eines aufgefallen: Die Verzahnung zwischen dem NLZ und der Partnerschule war enorm - und die Verantwortlichen stolz darauf. Sie waren stolz darauf, dass jeder alles über den einzelnen Jugendspieler wusste. Der Schüler bringt schlechte Noten mit? Der Trainer weiß es. Der Jugendspieler hat sich auf dem Platz einen Aussetzer geleistet? Der Lehrer weiß es. Der Spieler wird gläsern. Dabei braucht jeder Jugendliche Raum für sich. Du musst Fehler begehen dürfen, ohne, dass es direkt einen Rattenschwanz nach sich zieht.

Was löst das Ihrer Meinung nach in den Jugendspielern aus?

Sie gehen weniger Risiko ein, werden vorsichtiger. Unsere Talente lernen, Dienst nach Vorschrift zu machen. Du merkst, dass alle Bereiche von deinem Handeln betroffen sind. Wenn du weißt, dass jede deiner Handlungen verfolgt wird, hemmt dich das. Das kann nicht gut für die Charakterbildung sein. Die Jungs brauchen Freiräume und Vertrauen, das ihnen entgegengebracht wird. Das aktuell vorherrschende System in den NLZs basiert auf Kontrolle.

Inwiefern führt dieses System dazu, dass unsere Fußballtalente selten zu Effenbergs und Kahns werden, wie Sie sagen?

Wenn Spieler heute in einem NLZ ausscheren, sind sie sofort raus. Wenn du als Jugendlicher einen Spieler mal beleidigst, müssen das direkt alle, Schullehrer, Eltern und Trainer wissen? Wir dürfen die Jungen nicht künstlich klein halten, indem wir sie überbehüten. Alle schleifen an den Jungs herum, bis sie rund sind. Dabei suchen wir doch Spieler mit Ecken und Kanten. Das ist der Widerspruch. Wir suchen Persönlichkeiten, aber mit dem System in den Nachwuchsleistungszentren tun wir alles dafür, glatt geschliffene Spieler zu bekommen.

Wo fängt dieses System an?

In der Jugend vieler Bundesligisten wird mehr auf das Ergebnis anstatt auf die Entwicklung geschaut. Alles wird von oben vorgegeben. Die Jugendleiter werden von den Sportlichen Leitern bzw. dem Vereinsvorstand zu häufig danach bewertet, wo die Jugendmannschaften platziert sind. Ist die U15 Zweiter oder schon wieder nur Neunter?

Welche Auswirkungen hat der Fokus auf Ergebnisse?

Durch den Ergebnisdruck haben die Jugendtrainer in den NLZs kaum Freiheiten. Der Trainer bangt um seinen Job - wenn er nur Siebter wird, kommen Fragen von oben. Thomas Tuchel wurde A-Jugend-Meister und interessant für einen Bundesligaverein. Viele Jugendtrainer streben diesen Weg in den Seniorenbereich an - für viele ist der Spieler nur ein Steigbügelhalter auf dem Weg nach oben. Die Spieler sind das schwächste Glied in der Kette. Sie werden zunehmend erdrückt.

Wie äußert sich das im täglichen Umgang mit den Spielern auf dem Platz?

Entweder du lässt als Jugendtrainer immer die Besten spielen und machst dieses Spiel mit - oder du nimmst Rücksicht auf Entwicklungsschritte, legst den Fokus auf die langfristige Ausbildung und riskierst, Spiele zu verlieren. Im jetzigen System können dich Freiheiten aber den Job kosten. Wenn sich ein Spieler beim Dribbling verzettelt, er den Ball verliert und du als Trainer das Spiel verlierst, brauchst du die Rückendeckung von oben - sonst gibst du dem Spieler diese Freiheit nicht. Menschen wie Norbert Elgert von Schalke 04, die aus Idealismus Spieler entwickeln, im gesamten Verein anerkannt sind und in Ruhe arbeiten können, sind im aktuellen System in Deutschland sehr selten. Die meisten sind im System gefangen.

Das hört sich so an, als würden gute Tabellenplatzierungen im Widerspruch zur Entwicklung der Spieler stehen.

Natürlich können sie im Einklang miteinander funktionieren. Aber wenn du den Druck verspürst, Ergebnisse einzufahren, lässt man als Trainer eher den Großen, Jahrgangsälteren spielen, anstatt mal den kleinen, technisch starken. Du vermeidest eine Fehlerkultur, weil man sich Fehler in diesem System nicht erlauben kann. Diese Angst hemmt alle. Jugendfußball muss sich knallhart vom Seniorenfußball unterscheiden. Die Jungs sollen sich auf dem Platz zerreißen, damit sie gewinnen, ja. Aber solange man nicht absteigt, müssen die Spieler auch Freiheiten haben.

Fußball ist letztlich ein Ergebnissport - was auch Jugendliche lernen müssen.

Man kennt diese Argumente. Wenn du die Ausbildung und den Menschen in den Vordergrund stellst, bekommst du Ergebnisse - aber mit Verspätung. Es braucht Zeit, du brauchst Geduld. Aktuell will man das Ergebnis sofort sehen.

Was stört Sie noch am aktuellen Zustand?

Mehr heißt nicht immer besser. Das System droht zum Überbietungswettkampf zu werden. Immer größere Zentren werden gebaut, schon die U11 fliegt nach Dubai. Beim Gespräch mit neuen Spielern wird angepriesen, dass die U13 vier Trainer hat. Aber wer braucht einen hauptamtlichen Co-Trainer für seine Jugendmannschaft? Das Rundum-Sorglos-Paket wird geschnürt - das passt ja zum generellen Trend. Statt Helikopter-Eltern haben wir im deutschen Jugendfußball Helikopter-Trainer. Der hauptamtliche Videoanalyst seziert alles und gibt dann vor: Ihr müsst mehr über links spielen. Eigentlich kämpft er auch nur um seinen Job. Man kann Videoanalyse einstreuen, aber einen hauptamtlichen Videoanalysten für zwei U-Mannschaften, der von morgens bis abends Videos ansieht? Das braucht niemand.

Sie machen in Wieseck also keine Videoanalyse?

Mit jeder Mannschaft vielleicht einmal im Monat. Aber dann zeigen wir einzelne Szenen und versuchen, die Spieler einzubeziehen: Wie würdest du gegen eine Fünferkette spielen? Wenn du dem Spieler mehr Entscheidungsfreiräume gibst, wird der Erwachsene unwichtiger.

Nennen Sie ein Beispiel, bei dem Sie sich als U17-Trainer und Jugendleiter der TSG Wieseck selbst zurücknehmen.

Ich halte vor den Spielen nur sehr selten Ansprachen. Wenn, dann dauern sie eine Minute.

Weshalb?

Ich gebe den Spielern über die Monate viele Werkzeuge an die Hand: So können wir gegen diesen und jeden Gegner spielen. Ich gebe ihnen Inhalte an die Hand: Abwehr-, Angriffspressing. Aber all das muss die Mannschaft im Spiel ohnehin selbst anwenden. Vor Spielen redet man viel zu viel. Je mehr ich gelernt habe, desto weniger rede ich. In der Pause kann man auf Dinge, die die Mannschaft ausprobiert hat, eingehen, sagen: Das klappt gut, versucht es dort mal anders. Die Gruppe probiert etwas, der Trainer begleitet. Irgendwo hört die Freiheit der Spieler natürlich auf. Es ist immer noch ein Mannschaftssport - manche nutzen Freiheiten zu sehr aus und unterdrücken andere. Wenn ein Innenverteidiger aus reiner Lust ständig nach vorne rennt und hinten Lücken reißt, ist das schwierig. Jeder leistet seinen Beitrag. Vor dauerhaften Egoisten muss man die Mannschaft schützen.

Flache Hierarchien sind im Jugendfußball nicht selten. Wie stehen Sie dazu?

Es muss eine klare Hierarchie geben - die gibt es überall, in jedem Berufsfeld, in jeder Gruppe, die nur über eine gewisse Hierarchie funktioniert. Nur im Jugendfußball meint man, flache Hierarchien anwenden zu müssen. Das ergibt keinen Sinn. Wenn wir gegen Profimannschaften spielen, sind die auf dem Platz immer leiser als wir - die Spieler kommen mir häufig emotionslos vor.

Damit wir uns richtig verstehen: Sie zielen mit Ihrer Kritik an der Ausbildung in Fußball-Deutschland vor allem auf die Charakterbildung und weniger auf technisch-taktische Elemente?

Ich kann den technischen Part komplett nachvollziehen: Sauberes Passspiel, Kopfball, Taktik, die Spieler im NLZ sind top ausgebildet. Das verbessert sich alles. Aber: Im Bestreben, alles zu kontrollieren, überdrehen wir in Deutschland. Der Jugendspieler soll sich den Richtlinien entsprechend ernähren - ob er sich wohl damit fühlt, ist völlig egal. Erklär dem Spieler, dass gesunde Ernährung wichtig ist - und lass ihn selbst ausprobieren. Und wenn er ne Cola trinken will, ja, und? Wir müssen den Spielern Vertrauen geben.

Inwiefern wirkt sich das alles im Spiel aus?

Du willst ja auch auf dem Platz Persönlichkeiten sehen, Spieler, die selbstständig Entscheidungen treffen. Aber Entscheidungen treffen, das muss man üben.

Abschließend: Was ist das wichtigste Kriterium, das gute Arbeit im Jugendfußball aus Ihrer Sicht ausmacht?

Dass es dem Spieler gut geht. Die Spieler merken sehr wohl, ob du es ehrlich mit ihnen meinst.

Deniz Solmaz, 35, liebt den Fußball, »weil er so einfach ist und Menschen verbindet«. Geboren wurde er in Dillenburg, seit 2011 führt er die Geschicke der TSG Wieseck und wohnt in Fernwald. Solmaz spielte selbst nur bis zum 16. Lebensjahr, gehörte damals der Hessenauswahl an und beendete seine Laufbahn früh verletzungsbedingt.

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