26. Februar 2020, 07:00 Uhr

Volleyball

600 Prozent Aufschlag

Der heimische Volleyball steht vor einschneidenden Veränderungen. Die Lizenzgebühren werden bis 2022 um das Sechsfache angehoben. Über eine Stimmungslage zwischen Mut und Verzweiflung.
26. Februar 2020, 07:00 Uhr
Annika Grubbe, Spielführerin der Oberliga-Frauen des Gießener SV, beim Aufschlag. Ab der kommenden Saison wird ihre Spielerlizenz deutlich teurer. FOTO: HF

600 Prozent! Die hessischen Volleyballvereine müssen in den kommenden Jahren viel tiefer in die Tasche greifen. Ab der Saison 2020/21 steigen die Gebühren für Mannschafts- und Spielermeldung beim Hessischen Volleyball-Verband (HVV) - und das, betrachtet man die nackten Zahlen, innerhalb von zwei Jahren um das Sechsfache. Kostete in dieser Spielzeit die Lizenz für einen Aktiven vier Euro, werden in der kommenden Saison zwölf Euro fällig, ab 2022 dann sogar 24 Euro. Nicht betroffen sind U20-Spieler. Auch die Mannschaftsmeldung wird ligaabhängig im Schnitt 37 Euro teurer.

Der Grund ist schnell erklärt: Der Deutsche Volleyball-Verband (DVV) hat erkannt, dass sein Leistungskonzept nicht mehr auf dem bisherigen Weg finanziert werden kann. Also wurde auf dem Verbandstag im vergangenen Jahr mehrheitlich beschlossen, ab der kommenden Saison 1,95 Millionen statt 950 000 Euro an Beiträgen von allen Landesverbänden einzusammeln. Bislang standen an dieser Stelle beim HVV rund 70 000 Euro in den Büchern, in zwei Jahren werden es 143 300 Euro sein. Die Lücke soll über die erhöhten Gebühren abgedeckt werden.

Aus 384 Euro werden 2304 Euro

Was nun dadurch in der Volleyball-Familie ausgelöst wird, ist deutlich vielschichtiger als ein paar veränderte Zahlen. Vereine wie der USC Gießen oder der Gießener SV sind von der Regelung stark betroffen. Je vier Herren- und Damen-Teams sind beim USC im Spielbetrieb aktiv, beim GSV sind es fünf Damen- und zwei Herrenmannschaften zwischen Oberliga und Kreisliga. Bei einer angenommenen Zahl von zwölf Spielern pro Team steigen die Gebühren beim USC beispielsweise von 384 Euro zur kommenden Saison auf 1152 Euro. Ab 2022 sind es sogar 2304 Euro - sofern kein Spieler unter die U20-Regelung fällt. Deutlich mehr Ausgaben also, die an anderer Stelle schmerzlich fehlen und die Konkurrenzfähigkeit einschränken könnten.

Wie das aufgefangen werden soll, darüber sind sie sich beim Gießener SV noch nicht einig. »Die Besprechung mit Mitgliedern steht noch aus«, sagt Abteilungsleiterin Katrin Eger. »Denkbar ist eine Art Sonderbeitrag, so kenne ich das zum Beispiel auch aus Basketball- und Turnvereinen«, sagt sie.

So plant man auch beim TSV Hungen, mit der Erhöhung umzugehen. Die noch recht junge Abteilung - 2015 gegründet - mit einer Herrenmannschaft im Spielbetrieb der Bezirksliga, besteht zwar zum großen Teil aus U20-Spielern, doch in zwei Jahren sieht das schon ganz anders aus. »Wir werden wahrscheinlich von den Aktiven einen Sonderbeitrag einsammeln. Den Beitrag flächendeckend zu erhöhen, wäre Jugend- und Hobbyspielern gegenüber unfair«, sagt Abteilungsleiter Kai Wagner.

Dass hat man auch beim HVV erkannt, nachdem man in den vergangenen drei Jahren jeweils ein Defizit am Ende des Bilanzjahres ausweisen musste. »Und das, obwohl wir mehrere Sparmaßnahmen ergriffen haben. Wir haben keine internationalen Veranstaltungen ausgerichtet und die Buchhaltungsstelle auf die Hälfte reduziert«, sagt Dirk Wortmann, als HVV-Vizepräsident für die Finanzen zuständig. Allerdings habe man in eine neue Verwaltungssoftware investiert, »die einen wesentlichen Teil des Defizits ausgemacht hat«, sagt Wortmann.

Durch die Gebührenerhöhung sollen ab 2022 rund 15 000 Euro jährlich zur Investition zur Verfügung stehen. Ein Teil davon soll in weitere Digitalisierungsprojekte gesteckt werden, der Großteil ist aber für die Mitgliedergewinnung gedacht. Das ist auch bitter notwendig. Insbesondere die älteren Altersklassen werden immer stärker repräsentiert, die größte Sorge der Vereine sei aber momentan, dass es kaum qualifizierte Jugendtrainer gebe, um Nachwuchsspieler über lange Sicht bei der Stange zu halten.

Der HVV bekämpft die Probleme mit zwei Projekten. Im November startete der »Volleyball-Grundschul-Cup« in Fulda. Bei der ersten Veranstaltung kamen 13 Mannschaften aus vier Grundschulen zusammen. Nun soll der Cup zur Nachwuchsgewinnung auf ganz Hessen ausgeweitet werden, allerdings braucht es dafür auch Vereine, die bei der Organisation unterstützen. Beim Gießener SV hält man sich dahingehend zurück, da es für Kinder im Grundschulalter kein Angebot im Verein gibt.

Zudem will der HVV »neue und attraktive Spielformate schaffen, um die Freizeitsportler in den Spielbetrieb zu integrieren«, erklärt Wortmann. Denn, sollte der Rückgang weiter fortschreiten, werden irgendwann auch die Mittel vom Deutschen Olympischen Sport-Bund weniger, und auch Städte und Kommunen überlegen sich dann zweimal, wem sie Hallenzeiten zur Verfügung stellen. Die Akquirierung der Freizeitsportler ergibt Sinn, jedoch droht auch der gegenteilige Effekt. »Auf der HVV-Sitzung wurde über die Hobbyspieler diskutiert, aber ich bin mir nicht sicher, ob das funktioniert. Die spielen ja nicht ohne Grund Volleyball nur noch bei Freizeitwettkämpfen«, sagt Wagner. Was auch überregional bei den Vereinen zwischen den Zeilen durchklingt: Bei Spielern, bei denen vor der Saison klar ist, dass sie maximal an einem oder zwei Spieltagen verfügbar sind, könnte es sein, dass für sie keine Lizenz beantragt wird, um den Geldbeutel zu schonen. Dass kann wiederum nicht im Sinne des HVV sein. Dort ist man sich der Sache aber bewusst: »Die Gefahr besteht, dass Mannschaften und Spieler sich abmelden. Aber wenn wir den Weg nicht gehen, haben wir gar keine Zukunft«, sagt Wortmann.

Dass sieht auch Eger so. »Wir befürchten, dass der eine oder andere vielleicht aufhört, wenn die Gebühren angehoben werden.« Sie betont aber auch: »Der HVV hat sich die Erhöhung nicht ausgedacht, sondern sie vom DVV aufgedrückt bekommen.«

Über Dialogtage sucht man den Austausch mit Vereinen. »Allerdings hätte ich mir da eine höhere Beteiligung gewünscht«, sagt Wortmann, der selbst seit über 30 Jahren Volleyball spielt. »Verband und Vereine sind nicht getrennt, wir müssen unsere Ziele gemeinsam erreichen«, sagt er. Seine Hoffnung, dass es in absehbarer Zeit die letzte Erhöhung der Gebühren war, dürfte bei den Vereinen etwas den Druck vom harten Aufschlag nehmen.

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