26. September 2020, 07:00 Uhr

Gießen 46ers

46ers-Zugang Richter: Großer Mann mit Weitsicht

Großer Ehrgeiz und Weitsicht, auch über die Basketball-Karriere hinaus: Das sind kennzeichnende Merkmale von Neuzugang Johannes Richter bei den Gießen 46ers.
26. September 2020, 07:00 Uhr
Voller Tatendrang: Johannes Richter. FOTO FRIEDRICH

Gießen 46ers


Nicht weniger als 173 BBL-Spiele hat der 26-Jährige bereits hinter sich. Die letzten zwei Jahre verbrachte er bei Gießens Ligakonkurrent Würzburg. Besonders gerne denkt er aber an die Zeit bei den Rockets in Gotha ein Jahr zuvor zurück, wie er im Gespräch nach dem Pressetraining der 46ers am Dienstagabend verrät.

Richter ist kein unbeschriebenes Blatt. Er gehört einer Generation an, die erstmals nachhaltig vom veränderten Nachwuchsprogramms des Deutschen Basketball-Bundes profitiert hat. Jugend- und Nachwuchsbasketball-Bundesliga sowie die zweigleisige dritte Liga ProB, die sich zu Beginn als »Junge Liga« labelte, sind Geburten der späten Nullerjahre. Richter ist zu diesem Zeitpunkt in der Pubertät und durchläuft das ganze Programm. Der Durchbruch erfolgt bei den Frankfurt Skyliners, für die er bis 2016 spielt. Kaum ein Team verzahnt damals Jugend- und Nachwuchsbereich stärker als der hessische Rivale der 46ers.

Richter zahlt das in ihn gesetzte Vertrauen zurück. Das Fachmagazin BIG führt ihn in einer Rangliste auf Platz zehn der besten deutschen Powerforwards. »Da sind schon einige wahnsinnig gute Basketballer dabei«, sagt er mit Blick auf NBA-Akteure wie Daniel Theis und Maximilian Kleber sowie Danilo Barthel.

Trotzdem: Ein bisschen höher hätte sich Richter persönlich schon eingestuft: »Das ist teils auch dem geschuldet, wie dein Stand in der Mannschaft ist. Andere sehen mich vielleicht auch ein bisschen schlechter. Aber ich bin hier in Gießen, um zu beweisen, dass ich da auf jeden Fall noch mal nach oben komme.« Damit greift er der Königsfrage vor, was ihn zum Wechsel an die Lahn motiviert hat. »Am Ende war es einfach die sportliche Situation, auch mit Corona«, erklärt Richter. Im Winter wird er Familienvater, die 46ers versprechen monetäre Sicherheit, wobei Geld zweitrangig gewesen sei: »Ich wollte in eine Mannschaft, in der ich der absolute Leistungsträger sein kann und wo ich auch eine recht große Rolle spiele.«

Vor allem vielseitig möchte er eingesetzt werden, und passt damit perfekt ins Konzept von Coach Ingo Freyer und Sportdirektor Michael Koch. Der Kader ist gezielt darauf ausgelegt, dass jeder Spieler mehrere Positionen besetzen kann. Der Hang zum Small-Ball-Basketball dieser Tage kommt ihm da gelegen. »Ich weiß nicht, ob dieses System das Allheilmittel ist«, für seine Fähigkeiten passe es aber nahezu perfekt. »Früher in der Jugend und auch noch in der BBL war ich ein reiner Vierer, habe kaum auf Center gespielt - höchstens Aushilfsweise«, erinnert sich der zukünftige Familienvater, der bei den 46ers damit auch das Erbe von Big John Bryant antreten will. »Aber hier in Gießen werde ich auf beiden Positionen spielen, so kann ich auch meine Fähigkeiten von außen einsetzen«, so Richter.

Tatsächlich gehört der Dreier durchaus zum Repertoire des Neuen unterm Gießener Brett. Bei den Rockets feuert er fast zweimal pro Partie von jenseits des Perimeters und trifft sagenhafte 42 Prozent. In Würzburg sinkt nicht nur seine Einsatzzeit. Auch der Wurf von außen wird zur Rarität. Nicht mehr als 15 Schüsse nimmt Richter in seinen zwei Jahren im Frankenland. Mangelnde Gelegenheiten, sich von der Dreierlinie auszuzeichnen, dürften im schnellen Run-and-Gun-System der 46ers jedenfalls nicht mehr für Sorgenfalten sorgen. Auch aus der Mitteldistanz darf man Richter nicht allzu freistehen lassen.

So kommt es, dass sich die Mittelhessen über einen agilen und vielseitigen Innenspieler im besten Basketballalter freuen können. »Ich werde die nächsten vier, fünf Jahre auf jeden Fall noch Basketball spielen als Profi und mich darauf voll konzentrieren«, so der Plan. »Das kann sich von einen Tag auf den anderen natürlich ändern«, schränkt Richter ein. Von großen Verletzungen ist der gebürtige Mittelfranke bislang zwar verschont geblieben.

Weitsicht - auch im Kontext der Pandemie - sind ihm aber wichtig. Für die Karriere nach der Karriere ist er exzellent aufgestellt: »Ich habe mein Physikum, mein erstes Staatsexamen in Medizin gemacht und schreibe seitdem meine Doktorarbeit.« Der Basketball funkte dazwischen - »ich bin gespannt, wann sie fertig wird. Das hätte auch schneller laufen können«, wiegelt der Mitzwanziger lächelnd ab. »Aber die Ergebnisse sind alle schon da«, so Richter weiter. Danach möchte er sich zwischen Orthopädie und Pädiatrie entscheiden.

Vor der Geburt seines Sohnes ruht der Fokus nun aber zunächst weiter auf dem Sport. »Ich bin jetzt seit knapp zwei Wochen mit meiner Frau hier in Gießen. Wir haben uns sehr gut eingewöhnt, und mit der Mannschaft verstehe ich mich sehr gut. Ich glaube auch, dass es mit dem Team ganz gut passt«, freut er sich am Ende des Gesprächs. Spätestens in einigen Jahren will er aber die Doktorarbeit abschließen, um nicht gegen die Studienordnung zu verstoßen: »Sonst hätte ich die Höchstsemesterzahl überschritten«, scherzt Richter, bevor es Richtung Dusche geht.

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