23. Januar 2021, 11:00 Uhr

Gießen 46ers

46ers-Hallensprecher Schäfer - ein DJ in einer leeren Halle

Letzter Angriff. Die Heimmannschaft hat die Chance zum Sieg. Der Wurf kommt, der Ball senkt sich in den Korb - Sieg. Die Osthalle tobt. Es ist laut.Es war laut. Auch die Bundesliga-Basketballer der Gießen 46ers treten derzeit vor leeren Rängen an. Damit müssen nicht nur die Spieler umgehen, sondern auch Hallensprecher Carsten Schäfer.
23. Januar 2021, 11:00 Uhr
Hallensprecher Carsten Schäfer musste sich bei den Heimspielen der Gießen 46ers in der Osthalle auf neue Herausforderungen einstellen. ARCHIVFOTO: PV

Gießen 46ers


Der 51-Jährige ist seit Jahrzehnten Fan der Gießener Basketballer, seit 2005 Hallensprecher. Er hat also schon einiges erlebt. Aber Geisterspiele in Zeiten der Corona-Pandemie sind auch für ihn etwas Neues. Die Tribünen der Osthalle bleiben leer, wenn die 46ers zu Hause um Punkte spielen. Carsten Schäfer ist trotzdem im Einsatz. Auch heute, wenn es um 18 Uhr gegen EWE Baskets Oldenburg geht (live bei MagentaSport).

Herr Schäfer, Hallensprecher bei Geisterspielen - das klingt nach einer traurigen Angelegenheit...

Carsten Schäfer: Es ist anders, teilweise skurril, aber keineswegs traurig (lacht). Es ist eine Vorgabe der BBL, dass Hallensprecher anwesend sein müssen. Auch ein DJ muss vor Ort sein. Das ist also nichts, was sich die 46ers ausgedacht haben. Es ist absolut ungewohnt, diesem Job in einer leeren Halle nachzugehen.

Aber dadurch haben Sie auch die volle Aufmerksamkeit der Anwesenden, oder?

Die Resonanz auf das, was ich da tue, fehlt völlig. Ich mache das normalerweise gemeinsam mit Simon Schornstein. Ich bin für die Kampfgerichts-Durchsagen zuständig, sage Fouls an. Simon kümmert sich mehr um das Anheizen. Das übernehme ich im Moment so ein bisschen mit.

Warum muss ein Hallensprecher vor Ort sein?

Die Spieler haben es sich verdient, dass der Rahmen für ein Spiel so weit wie möglich normal gestaltet wird. Und das kann ich nur unterstreichen. Das ist kein Trainingsspiel, sondern eine Liga-Partie. Und dazu gehören auch ein Hallensprecher und Musik. Das Ganze wird ja schließlich auch im TV übertragen.

Sie sind als Hallensprecher Teil des Kampfgerichts. Was bedeutet das?

Das stimmt. Und als Teil des Kampfgerichts bin ich auch angehalten, mich möglichst neutral zu verhalten. Man sagt auch die Punkterfolge des Gegners durch. Daher arbeiten auch viele wie wir mit zwei Hallensprechern. Einer, der Teil des Kampfgerichts ist, und einer, der sich beim Anheizen mehr erlauben darf.

Das bedeutet, Sie dürften keine Entscheidungen des Schiedsrichters kommentieren oder sich über Fehlwürfe des Gegners sichtbar freuen?

Nein. Und das ist nicht immer einfach. Manchmal muss man halt mit der Faust etwas weniger laut auf den Tisch hauen, wenn man sich über etwas ärgert. Verbal darf da gar nichts kommen. Meine Frau fragt mich immer, wie ich es schaffe, in manchen Situationen so neutral zu bleiben.

Das leben Sie dann bei den Auswärtsspielen vor dem Fernseher aus?

Auf jeden Fall. Da bekomme ich dann gesagt, ich würde alles rauslassen, was ich mir in der Osthalle verkneifen muss (lacht).

Wie sehen die Abläufe direkt vor dem Spiel aus?

Der offizielle Ablauf, wie er von der BBL vorgegeben ist, beginnt immer eine halbe Stunde vor Spielbeginn mit der Begrüßung der Mannschaften. Etwa achteinhalb Minuten vor Spielbeginn werden dann die Mannschaften und die Schiedsrichter mit Musik vorgestellt. Nach der Partie moderiere ich noch die Pressekonferenzen der Trainer.

Wie bereiten Sie sich vor?

Am Tag vor dem Spiel mache ich mir einen Zettel mit dem Kader des Gegners. Ich muss ja jedes Foul für die Ansagen protokollieren. Ich darf mich nicht darauf verlassen, dass das vom Kampfgericht immer gleich gemeldet wird. Da muss ich als Hallensprecher einfach schneller sein. Dazu kommt, dass ich seit dieser Saison nicht mehr am Seitenrand beim Kampfgericht, sondern auf der Tribüne sitzen soll - Vorgabe der BBL. Dadurch ist zwar der Überblick über das Spiel besser, aber man bekommt die Aussagen der Schiedsrichter nicht mehr direkt mit. Ich muss also die Handzeichen lesen, verstehen und dann in eine entsprechende Ansage umwandeln.

Erinnern Sie sich noch an ihr erstes Geisterspiel als Hallensprecher?

Das war gegen Ulm. Und ich kann mich noch genau erinnern. Das waren sehr gemischte Gefühle an diesem Tag. Auf der einen Seite war da diese merkwürdige Atmosphäre, auf der anderen Seite hat man in der Halle Menschen getroffen, die man eine ganze Zeit nicht gesehen hatte. Darüber habe ich mich sehr gefreut.

Was entfällt bei Geisterspielen?

Das Drumherum. Gewinnspiele, Werbung, Halbzeitaktionen - das alles findet im Moment nicht statt. Wie verlesen keine Spielstatistiken mehr in der Halle. Direkt vor und während des Spiels hat sich nicht viel verändert.

Wie können Sie die Mannschaft während des Spiels unterstützen?

Da ich ja quasi in einer Doppelrolle unterwegs bin, kann ich mir schon ein paar »Defense«-Rufe leisten. Oder man ruft während einer Aufholjagd etwas wie »nur noch zwei Punkte Rückstand«. Gegen die Fraport Skyliners Frankfurt in der Endphase zum Beispiel, da kann man schon etwas machen.

Sportlich sind die 46ers in einer schwierigen Phase. Inwieweit macht sich da das Fehlen der Zuschauer bemerkbar?

Schwierig zu sagen. Vor dem Spiel gegen Frankfurt haben die Fans ein Motivationsvideo für das Team gemacht, das in der Kabine gezeigt wurde. Das hat schon geholfen, bin ich mir sicher. Das Publikum ist besonders wichtig, wenn es die Mannschaft bei knappen Spielständen noch einmal nach vorne peitscht. Aber in Punkten ist das nicht auszudrücken.

Was fasziniert Sie an Bundesliga-Basketball in Gießen?

Das familiäre Umfeld. Ich habe Bekannte aus Bayern, die beim Besuch in Gießen fasziniert waren, wie man hier Bundesliga-Sport erleben kann. Wie nah man an den Spielen und an den Akteuren dran ist. Dazu kommt, dass Gießen immer ein wenig die Rolle des Underdogs hat. Und wenn der Kampfgeist da ist, dann ist das Ergebnis für die Fans nicht immer das Wichtigste. Man muss allerdings auch ziemlich leidensfähig sein. Wie in dieser Saison.

Zum Abschluss noch ein Ausblick: Was geht heute gegen Oldenburg?

Ich bin optimistisch. Es gibt Mannschaften, die den Gießenern liegen, unabhängig vom Tabellenstand. Und zu diesem Mannschaften zählt meiner Meinung nach Oldenburg. Da ist was drin.

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