06. Mai 2021, 22:43 Uhr

Vorsicht, Stolpergefahr!

Eintracht Frankfurt hat den Nachbarn Mainz 05 auf vielen Feldern abgehängt - doch was heißt das schon für Sonntag? Im Rhein-Main-Duell braucht die Eintracht einen Sieg, um auf Kurs Champions League zu bleiben.
06. Mai 2021, 22:43 Uhr
IMA

Der unverwüstliche Ex-Aufsichtsratschef Herbert Becker hat die Saisonziele der Frankfurter Eintracht in der Fußball-Bundesliga früher stets knackig umrissen: »40 Punkte plus x, Platz zehn, in der Tabelle vor Mainz 05.« Das war’s. Vor dem Nachbarn aus Rheinhessen standen die Hessen in seiner Amtszeit von 2003 bis 2010 aber nicht immer,

Damals war es mit der Internationalisierung der Eintracht, mit Europa und Brimborium noch nicht so weit her, vielmehr arbeiteten sie sich in Frankfurt am lange Zeit einzig verbliebenen Lokalkonkurrenten ab, an diesem selbst ernannten Karnevalsverein aus Rheinland-Pfalz.

Die Eintracht beäugte den aufstrebenden und als sympathisch-dynamisch geltenden Familien-Klub argwöhnisch, ganz geheuer war ihr nicht, was die »Nullfünfer« da mit ihrem verschworenen Haufen, einem Autohändler als Manager, einem Gitarre spielenden Anwalt als Präsidenten und einem charismatischen Trainer mit Brille und losem Mundwerk auf die Beine stellten.

Dennoch blickten die Frankfurter qua ihrer Größe, Historie und ihres Selbstverständnisses stets etwas von oben herab auf dieses kleine gallische Dorf, das per Schiff über Main und Rhein oder auch in einer halbstündigen S-Bahn-Fahrt zu erreichen ist. Umso tiefer traf sie der immer wabernde Vorwurf, dass dieser kleine Verein vom Bruchweg sehr viel mehr aus seinen geringeren Möglichkeiten mache als der Großklub aus dem Herzen von Europa - inklusive pfiffiger Transferpolitik und herausragender Trainer wie Jürgen Klopp und Thomas Tuchel.

Jahrelang bewegten sich die ungleichen Nachbarn in etwa auf Augenhöhe, die Rivalität schlief sogar irgendwie etwas ein, und wer die Partie heute als Derby bezeichnet, wird von eisenharten Fans belächelt. Die Verantwortlichen pflegen ein professionelles, gutes Verhältnis.

Die Kräfteverhältnisse haben sich mittlerweile massiv zugunsten der Eintracht verschoben. Interessanterweise nahm diese Entwicklung ihren Anfang, als 2016 in Mainz Christian Heidel von der Brücke ging und der Verein sich in immer tiefer gehenden Grabenkämpfen hinter den Kulissen verstrickte.

Mit altem Personal neu aufgestellt

Und natürlich trug der sportliche Erfolg, ermöglicht durch viele kluge Personalentscheidungen, maßgeblich dazu bei, dass sich die Wege trennten. In der Saison 2016/17 setzten beide Vereine rund 110 Millionen Euro um, während die Eintracht aber auf Rang elf abschloss und ins Pokalfinale einzog, kam der FSV ächzend auf Rang 15. Der Finaleinzug der Eintracht und die entstandene Begeisterung rund um den Klub rechneten sich, schon in der darauffolgenden Saison waren in Frankfurt 27 Millionen Euro mehr im Umlauf als in Mainz (140,7 Millionen zu 114 Millionen). Durch den Pokaltriumph ein Jahr später, die wundersame Reise durch Europa und den Verkauf der Top-Stürmer katapultierte sich die Eintracht endgültig in andere Sphären: In der zurückliegenden Saison setzte sie 278,1 Millionen Euro um und damit 162,5 Millionen mehr als Mainz 05.

Und die erstmalige Teilnahme an der Champions League würde die Eintracht nochmals in eine andere Umlaufbahn schleudern. Um den Wunschtraum zu realisieren, muss Frankfurt am Sonntag (15.30 Uhr) den alten Rivalen in die Knie zwingen. Wird nicht so leicht, die Mainzelmännchen entpuppten sich schon häufiger als Stolpersteine.

Und auch in den letzten beiden Heimspielen gegen Mainz war von längst verschobenen Machtverhältnissen nichts zu sehen: Der FSV siegte zweimal mit 2:0. Ein ähnliches Ergebnis wäre für die Eintracht dieses Mal nur sehr schwer zu verdauen.



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