12. Juli 2021, 22:15 Uhr

Italiens wundersame Auferstehung

Italien ist drei Jahre nach der verpassten WM 2018 zurück auf Europas Fußball-Thron. Gefeiert wird die Wiederaufer- stehung der Squadra Azzurra mit Tränen, Dankbarkeit und Stolz. Die Mannschaft von Trainer Roberto Mancini weckt große Hoffnungen für die Zukunft.
12. Juli 2021, 22:15 Uhr
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Von DPA
Der große Moment: Die italienische Mannschaft präsentiert stolz den EM-Pokal. FOTO: AFP

Italiens neue Fußball-Helden schwenkten stolz den silbernen EM-Pokal, winkten den jubelnden Fans zu und stimmten dann spontan die Nationalhymne an. Mit einer Fahrt im offenen Bus durch die Straßen Roms feierte die Squadra Azzurra am Montagabend mit Tausenden jubelnden Fans ihren zweiten EM-Titel. »Das ist das Schönste, die Freude mit den Fans zu teilen«, sagte Nationaltrainer Roberto Mancini. »Wir haben seit gestern Morgen nicht geschlafen, aber das ist es Wert.« Langsam bahnte sich der Bus den Weg, aus den Lautsprechern schallte der Refrain »notti magiche« - magische Nächte - des WM-Hits 1990 »Un’ estate italiana« von Gianna Nannini, der das Team seit dem Eröffnungsspiel durch die EM begleitet hatte.

Zuvor hatten Staatspräsident Sergio Mattarella und Regierungschef Mario Draghi die Mannschaft empfangen und ihre Leistung bei dieser Europameisterschaft gewürdigt. »Ihr seid Vorbilder, auch für uns«, sagte Draghi und erinnerte an das dramatische EM-Finale vom Vortag. Durch ein 3:2 im Elfmeterschießen gegen England hatten sich die Azzurri im Londoner Wembley-Stadion zum zweiten Mal nach 1968 zum EM-Champion gekrönt. Nach 120 Minuten hatte es zwischen beiden Teams 1:1 gestanden.

Angeführt wurde die große Titelsause von Kapitän Giorgio Chiellini und seinem Abwehr-Partner Leonardo Bonucci. »Diese Gruppe hat auch in schwierigen Momenten nie ihre Seele verloren«, würdigte der 36 Jahre alte Chiellini seine Teamkollegen. Den silbernen Pokal hatte das Duo schon im Verlauf des Tages nicht aus den Augen gelassen. Am Morgen hatten sich die beiden Profis von Juventus Turin ein paar Stunden Schlaf in den Hotel-Betten gegönnt und den Pokal in ihre Mitte genommen. »Keine Angst, er wird gut schlafen. Wir passen auf ihn auf«, schrieb Bonucci zu einem Foto der grinsenden Fußballer.

Titelcoach Roberto Mancini, der seine müden Augen bei der umjubelten Ankunft in Rom am Morgen hinter einer Sonnenbrille versteckte, wollte sich zunächst auch einige Stunden Ruhe bei seiner Familie gönnen. »Wir können noch nicht begreifen, was wir geschafft haben«, sagte er. Schon im Morgengrauen hatten Hunderte glückliche Tifosi die EM-Sieger am Flughafen und am Teamhotel in Empfang genommen. Kapitän Chiellini reckte mit einer goldenen Krone auf dem Kopf stolz die Trophäe in die Höhe. Mit dem Triumph hatte sich Italien nach der verpassten WM 2018 eindrucksvoll auf der großen Bühne zurückgemeldet. »Wir haben daran geglaubt«, sagte Bonucci, der sein Team mit dem Treffer zum 1:1 (67. Minute) ins Elfmeterschießen gebracht hatte. »Die große Schande von 2018 ist fast vergessen«, meinte der »Corriere dello Sport«.

Italiens Nationalmannschaft hat ihren Titel dem früheren Nationalspieler Davide Astori gewidmet, der 2018 an einem Herzstillstand gestorben war. »Wir hätten ihn gerne heute hier bei uns gehabt«, sagte Chiellini am Montag beim Empfang. »Wir möchten diesen Sieg gerne Davide Astori widmen.« Astori hatte zwischen 2011 und 2017 insgesamt 14 Spiele für die Nationalmannschaft Italiens bestritten. Der damalige Kapitän der AC Florenz war 2018 vor einem Spiel in der Serie A tot in seinem Hotelzimmer gefunden worden. Dem Obduktionsbericht zufolge starb er an einem Herzstillstand.

Die wundersame Wiederauferstehung der Squadra Azzurra ist eng mit dem Namen Mancini verknüpft. »Der Trainer hat uns gezeigt, dass wir etwas Außergewöhnliches schaffen können, wenn wir daran glauben«, sagte Bonucci. Für den Coach war der Triumph von London auch persönliche Genugtuung, nachdem er als Spieler unter anderem bei der WM 1990 den Titel verpasst hatte. »Wir hatten damals Pech, heute hat sich ein Kreis geschlossen«, sagte der 56-Jährige. »Etwas hat das Schicksal mir wohl geschuldet.« Nach dem Triumph weinte Mancini in den Armen von Delegations-Chef Gianluca Vialli, mit dem ihn eine lange Freundschaft mit Höhen und Tiefen verbindet.

Mancini hat eine Mannschaft geformt, die sich mit Offensivdrang und Mut, vor allem aber mit einem besonderen Teamgeist gegen alle Widerstände zum EM-Titel gekämpft hat. »Wir haben gespürt, dass etwas Magisches in der Luft lag«, sagte der 36 Jahre alte Chiellini. 34 ungeschlagene Spiele in Serie und der erste große Titel für Italien seit dem WM-Triumph 2006 in Deutschland sind der Lohn.

Der Spirit der Mannschaft zeigte sich auch bei der Siegerehrung: Der erste, der seine goldene Medaille entgegennehmen durfte, war Leonardo Spinazzola. Der Linksverteidiger, der sich im Viertelfinale einen Riss der Achillessehne zugezogen hatte, war während der Party mit Gipsbein stets mittendrin - meistens huckepack bei einem seiner Teamkollegen.

»Wir haben es geschafft, ein ganzes Volk glücklich zu machen, das ist legendär. Es ist das Schönste, was existiert«, schwärmte Bonucci. Nur vier Gegentore ließen die Verteidiger im Turnierverlauf zu und waren damit die Basis für die Titel-Krönung. Großen Anteil daran hatte auch Keeper Gianluigi Donnarumma, der im Elfmeterschießen im Halbfinale gegen Spanien und im Endspiel der gefeierte Held war und zum besten Spieler des Turniers gewählt wurde.

Mancini hat seinen Vertrag bis 2026 verlängert, die WM 2022 in Katar ist das nächste große Ziel der Azzurri. So weit wollte Mancini aber inmitten des Jubels noch gar nicht vorausblicken, erst einmal genoss der Coach den Moment: »So etwas Schönes habe ich noch nie erlebt«, sagte er gerührt.



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