31. Oktober 2021, 20:56 Uhr

Eintracht im Glück

Die Eintracht im Glück. Erst in der Nachspielzeit kommt Frankfurt im Heimduell gegen Leipzig zum 1:1-Ausgleich. In Erinnerung bleibt allerdings ein relativ blutleerer Auftritt in der Fußball-Bundesliga.
31. Oktober 2021, 20:56 Uhr
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Aus der Redaktion
Der Frankfurter Tuta trifft in der Nachspielzeit per Kopf zum 1:1 für die Eintracht gegen Leipzig. FOTO: DPA

Zum glücklichen Schluss eines insgesamt traurigen Auftritts pirscht Kevin Trapp, der katzenartige Eintracht-Keeper im grünen Sweater, aus seinem Revier heraus und tummelt sich in fremdem Hoheitsgebiet. Ein bisschen Verwirrung stiften im Leipziger Strafraum, das klare Signal, »wir gehen all in«, wie der Frankfurter Trainer Oliver Glasner gerne sagt.

Die Nachspielzeit tickt runter, 0:1 der Spielstand in einem einseitigen Spiel, nicht 0:3 oder 0:4, was gerecht gewesen wäre, nur 0:1 also: Eckball Kostic, Freistoß Kostic, Trapp mittendrin und voll dabei, und plötzlich zappelt der Ball tatsächlich im Leipziger Netz. 1:1 per Kopf durch den netten Herrn Tuta nach 94 Minuten, daran hätte niemand mehr geglaubt, außer vielleicht Unruhestifter Trapp, der das kollektive Glücksgefühl in der Traube seiner Mitspieler ausleben durfte. »Endlich musste ich mal nicht alleine jubeln.«

Am Ausgleichstreffer hatte der Eintracht-Torwart keinen großen Anteil, daran, dass die Frankfurter überhaupt diesen einen Zähler retteten, aber einen umso größeren: Dieses höchst schmeichelhafte Resultat war sogar einzig und allein dem Teufelskerl zwischen den Stangen zu verdanken, der gleich vier, fünf glänzende Abwehrparaden zeigte. »Es ist schön, dass die Jungs wissen, dass da einer in der Kiste steht, auf den sie sich verlassen können, wenn es eng wird«, sagte der 31-Jährige in aller Bescheidenheit. Trapp allein hat der Eintracht von ihren nur neun ergatterten Punkten schon vier fast im Alleingang gerettet, drei in München, nun einen gegen Leipzig. Die Frankfurter Lebensversicherung steht ganz hinten im Fußballtor.

Im Überschwang und weil TV-Experte Lothar Matthäus ein nicht enden wollendes Loblied auf den Ballfänger sang, ist der im Nationalteam zur Nummer vier degradierte Saarländer in der Aufarbeitung des Erlebten dann ein wenig übers Ziel hinausgeschossen. Sein Team habe Charakter bewiesen und eine Menge Emotion hineingelegt, man habe Leipzig unter Druck gesetzt, vor Probleme gestellt und verunsichert, sagte er. Okay, die Sachsen hatten, wie er einräumte, auch die eine oder andere Chance, »aber ich fand, dass wir eigentlich die bessere Mannschaft waren.« Eine Einschätzung, die der Torwächter exklusiv hatte und für einige Verwunderung sorgte, aber im Eifer des Gefechts auch nicht überzubewerten ist.

Ganz klar ist aber, dass Eintracht Frankfurt an diesem Abend im Stadtwald vor nur 31 000 Zuschauern die deutlich unterlegene Mannschaft stellte und Glück hatte, diese Partie gegen den Champions-League-Teilnehmer nicht sang- und klanglos verloren zu haben. Es war ein bedenklicher, teilweise besorgniserregender Auftritt der Hessen, die es schafften, das Stadion zeitweise zum resignierenden Schweigen zu bringen. Die Leipziger, bei denen Ex-Eintracht-Torjäger André Silva nur auf der Bank saß und später dann bei jedem Ballkontakt gnadenlos ausgepfiffen wurde, hätten diese Begegnung schon lang entschieden haben müssen, doch Trapp und das eigene Unvermögen hielten die Eintracht im Rennen. Emil Forsberg etwa brachte das Kunststück fertig, den Ball aus Nahdistanz nicht im verwaisten Kasten unterzubringen, sondern ihn fast auf die angrenzende Bundesstraße zu schießen (89.).

Besonders alarmierend: Die Mannschaft trat verunsichert bis ins Mark auf, leblos und blutleer, zeitweise wie paralysiert. Das ganze Gebilde ist schief, nichts passt zusammen, niemand weiß, wie die Eintracht Fußball spielen will. Das Offensivspiel ist quasi nicht existent, es ist ein einziges Geholper und Gestolper. Eine Linie oder eine Idee ist nicht zu erkennen, das, was Trainer Oliver Glasner will, kann die Mannschaft ganz offensichtlich nicht umsetzen. Es scheint, als würde das Team ihren Vorgesetzten nicht verstehen - und umgekehrt.

Gut möglich auch, dass der Österreicher sein Team mit seinen komplexen Vorstellungen von Fußball überfrachtet, auch die vielen Wechsel - einerlei ob Personal, Taktik oder System - tragen nicht zu einer dringend benötigten Sicherheit bei. Das bisherige Abschneiden, neun Punkte nach zehn Spielen, Platz 15 und eine ausgemachte Harmlosigkeit im letzten Drittel, fällt in den Verantwortungsbereich des Trainers. Irgendwas ist faul im Staate Eintracht, denn weite Teile der Mannschaft sind identisch mit der letztjährigen: Gegen Leipzig stand in Rafael Borré nur ein Neuzugang in der Startelf.

Coach Glasner überraschte nun mit der Einlassung, wonach er das »extrem von Flanken geprägte Spiel« verändern wolle. »Wir wollen andere Wege aufführen.« Klappt aber nicht, die Abhängigkeit von Linksaußen Filip Kostic ist noch mal gewachsen, an sechs der nur zehn Bundesligatoren war der Serbe beteiligt.

Zumindest die Verantwortlichen wissen um die Defizite: »Jeder hat so eine kleine Bleiweste um, die auf die Kreativität drückt«, urteilt der Coach. »Die Leichtigkeit fehlt uns total.« Ob so ein glückliches Erfolgserlebnis wie nun gegen Leipzig helfen kann? Sicher ist das nicht: Nach dem Sieg in München setzte es ein 1:2 gegen Hertha, nach der besten Saisonleistung beim 3:1 gegen Olympiakos folgte das niederschmetternde 0:2 in Bochum.

Sportvorstand Markus Krösche ist über die Art und Weise des Fußballs alles andere als erfreut, verweist auf die Schwankungen der erfahrenen Spieler, moniert die fehlende Abstimmung und generell das »fahrige« Spiel. »Wir bekommen kein Zusammenspiel hin.«

Beinahe zwangsläufig stellt sich da die Frage nach dem Trainer, doch der Sportchef wiegelt ab. Glasner sei nicht Teil des Problems, »sondern auf jeden Fall Teil der Lösung«. Generell gelte: »Wenn man einen neuen Trainer holt und der eine etwas andere Spielidee hat, dann braucht das Zeit.« Und Punkte. Bleiben die aus, wird die Diskussion bald richtig Fahrt aufnehmen. Vielleicht schon nach dem Spiel in sieben Tagen beim Schlusslicht in Fürth. Einen dankbareren Aufbaugegner als Eintracht Frankfurt gibt es derzeit in der Liga nicht.



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