12. September 2021, 22:07 Uhr

Der Coup aus dem Nichts

Aus dem Nichts zur neuen Tennis-Queen. Emma Raducanus sensationeller Triumph bei den US Open versetzt die Briten in Euphorie. Für den Hamburger Alexander Zverev war es wieder nichts mit dem ersten Grand-Slam-Titel nach der Halbfinal-Niederlage gegen Novak Djokovic.
12. September 2021, 22:07 Uhr
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Von SID

Elegantes Abendkleid, goldene Ohrringe - und den Silberpokal fest im Arm: Als die neue britische Tennis-Queen Emma Raducanu am späten Samstagabend in New York für geschichtsträchtige Fotos posierte, hatte sie keinen Schimmer, was für eine Welle der Begeisterung sie in ihrer Heimat ausgelöst hatte.

»Ich habe noch nicht auf mein Handy geschaut«, sagte die 18-Jährige Stunden nach ihrem Sensationstriumph bei den US Open. Die Glückwünsche von Königin Elizabeth II., des britischen Premierministers Boris Johnson und zahlreicher weiterer Promis aus Sport und Showbusiness liefen zunächst ins Leere. Raducanu wollte den Moment einfach nur genießen. Zuvor war der Senkrechtstarterin etwas gelungen, auf das die britischen Sportfans 44 lange Jahre warten mussten - der erste Grand-Slam-Sieg bei den Frauen seit Virginia Wade 1977 in Wimbledon. Als erste Qualifikantin überhaupt schaffte sie solch einen Coup. Und dann auch noch ohne Satzverlust.

Raducanus Vorgängerin verfolgte im Alter von 76 Jahre und mit Tränen der Rührung in den Augen von der Tribüne im Arthur-Ashe-Stadion, wie die Überraschungssiegerin im blau-weiß-roten Lamettaregen die Trophäe nach ihrem 6:4, 6:3-Triumph gegen die nur zwei Monate ältere und ebenso sensationell aufspielende Leylah Fernandez aus Kanada in die Höhe stemmte. Prompt folgten Glückwünsche aus dem königlichen Palast. »Das ist eine bemerkenswerte Leistung in einem so jungen Alter und zeugt von Ihrer harten Arbeit und Ihrem Engagement«, teilte die echte Queen mit.

Raducanus Coup kam aus dem Nichts, sie hat ja bislang noch nicht einmal ein Match auf der WTA-Tour gewonnen. Das Leben der Tochter einer chinesischen Mutter und eines rumänischen Vaters verändert sich mit einem Schlag. Sie ist 2,5 Millionen US-Dollar (ca. 2,1 Mio. Euro) reicher und macht einen Sprung von Rang 150 in der Weltrangliste auf Platz 23. Als No-Name in der Szene wird sie nun nicht mehr wahrgenommen. Doch Raducanu hatte zunächst keine Zeit für den Blick nach vorne, zu sehr war sie in dem Moment des Triumphs gefangen: »Im Moment ist mir alles egal, ich genieße einfach das Leben.«

Zverev fehlt nur ein Tick

Ganz anders war einige Stunden zuvor die Gefühlswelt von Alexander Zverev gewesen. Der niedergeschlagene Olympiasieger suchte nach einem Vergleich. »Es ist, als wenn die Freundin, die du seit Jahren liebst, mit dir Schluss macht«, sagte er dann und musste selbst schmunzeln.

Es war der einzige Moment nach dem Halbfinal-Aus bei den US Open gegen Novak Djokovic, in dem Zverevs Mundwinkel kurz nach oben zeigten. Ansonsten waren da in der Nacht zum Samstag nur Enttäuschung und Frust. Wieder einmal ist der 24 Jahre alte Hamburger bei dem Versuch gescheitert, seinen ersten Grand-Slam-Titel zu gewinnen.

Zverev war dreieinhalb Stunden in einem packenden Duell gerannt, hatte den Ball mit unbändiger Power in die Hälfte seines Gegners geprügelt, nie aufgegeben und mit großer Moral einen fünften Satz erzwungen. Am Ende des Turniers in New York stand er dennoch mit leeren Händen da. »Ich denke, mental ist er der beste Spieler, der je das Spiel gespielt hat«, musste Zverev nach der 6:4, 2:6, 4:6, 6:4, 2:6-Niederlage einräumen, die das Finale zwischen Djokovic und dem Russen Daniil Medwedew am späten Sonntagabend besiegelt hatte.

Zverev war gepusht von einer 16 Matches andauernden Siegesserie und dem Wissen aus Tokio, Djokovic schlagen zu können, in das Duell des Weltranglistenvierten gegen die Nummer eins der ATP gegangen. Und die Partie hielt alles, was sich die 21 139 Zuschauer im Stadion und Millionen vor den TV-Geräten versprochen hatten. Doch der Vorjahresfinalist erhielt am Ende erneut nur Komplimente. Und er wird auch eine Statistik vorgelegt bekommen, die er schon lange nicht mehr sehen will: Elfmal ist Zverev bei Grand Slams gegen Gegner aus den Top Ten angetreten, elfmal hat er verloren. Immer fehlt ein Tick. Es reichte wieder nicht für eine Verschiebung der Machtverhältnisse in Zverevs Richtung, der phasenweise groß aufspielte, aber seine Unterlegenheit letztlich akzeptieren musste.



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