17. Oktober 2021, 22:19 Uhr

Sonntagspiel

Augsburg gibt zweiten Sieg aus der Hand

Die Frankfurter Eintracht muss sich der Berliner Hertha mit 1:2 geschlagen geben. Dabei gibt nicht nur die gewählte Aufstellung Rätsel auf. Es läuft nicht rund.
17. Oktober 2021, 22:19 Uhr
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Von SID
Augsburgs Torwart Rafal Gikiewicz ist geschlagen, die Bielefelder jubeln über den Ausgleich. FOTO: DPA

Die Fans des FC Augsburg wussten nicht so recht, was sie von ihrer Mannschaft halten sollten. Im Kellerduell gegen Arminia Bielefeld hatten die Gastgeber eine Führung aus der Hand gegeben, nach dem 1:1 (1:0) gab es deshalb zunächst Pfiffe, schließlich aber doch aufmunternde Rufe.

»Wir wollten auf jeden Fall gewinnen heute, spielen auch eine gute erste Halbzeit. In der zweiten waren wir dann zu passiv, nicht mehr kompakt genug«, haderte Daniel Caligiuri, Vorbereiter des Führungstors durch Reece Oxford (19.), bei DAZN.

Den zunächst harmlosen Bielefeldern rettete schließlich Jacob Laursen (77.) wenigstens ein Remis. Augsburg traf anschließend zwar noch zweimal - allerdings jeweils nach knapper Abseitsstellung. Für beide Mannschaften ist das Resultat dieser Begegnung auf eher mäßigem Niveau zu wenig im frühen Kampf gegen den Abstieg.

Augsburg steht nach einem guten Viertel der Saison mit sechs Punkten auf dem Relegationsplatz, die nach wie vor sieglosen Bielefelder sind nach dem fünften Unentschieden mit fünf Punkten Vorletzter vor Aufsteiger SpVgg Greuther Fürth (1 Punkt).

Bielefelds Kapitän Manuel Prietl sprach von einem »gewonnenen Punkt« und fügte an: »Wir haben in der zweiten Halbzeit wieder mehr den spielerischen Ansatz gesucht und sind zu Torchancen gekommen. So müssen wir weitermachen. Es geht nicht, dass wir abwartend spielen. So werden wir nicht weit kommen.«

Alkohol ist auch keine Lösung, bisweilen aber hilft er über kritische Situationen hinweg, zumindest in Maßen. »Vielleicht«, sagte der Frankfurter Trainer Oliver Glasner nach einer ziemlich ernüchternden 1:2 (0:1)-Heimniederlage gegen ein wahrlich nicht überragendes Team von Hertha BSC Berlin, »vielleicht kippe ich mir heute einen hinter die Binde.« Das ist eine Möglichkeit. Eine andere wäre: Zu hinterfragen, wie Eintracht Frankfurt in der Bundesliga künftig besser, strukturierter, planvoller Fußball spielt.

Tatsächlich ist Eintracht Frankfurt, nachdem die Hälfte der Vorrunde gespielt ist, an einem Punkt angelangt, an dem ein paar Fragen gestellt und möglichst bald beantwortet werden sollten. Welche Art von Fußball wollen die Frankfurter eigentlich spielen? Wie sollen Chancen kreiert werden? Auf was kann sich die Mannschaft eigentlich zurückziehen, was ist, um es hochtrabend zu formulieren, die DNA dieses Teams? Was verlangt Glasner eigentlich von seiner Mannschaft?

Ein tragbares Spielkonzept ist nicht recht zu erkennen, der Ball flippert wildwestgleich durchs Mittelfeld oder zurück, Kombinationen über ein paar Stationen sind mittlerweile die Ausnahme, die spielerischen Parameter sinken von Spieltag zu Spieltag in immer tiefere Tiefen, dafür schnellt die Zahl an Fehlpässen in schwindelerregende Höhen.

Was die Eintracht eigentlich will, ist allenfalls in homöopatischen Dosen zu erkennen. Makoto Hasebe, der große Spielversteher, hat die 90-minütige Stolperei vom Samstag auf einen einfachen Nenner gebracht: »Vorne war es zu wenig, und hinten haben wir zu viele Fehler gemacht.«

Auch er war an diesem Samstag nicht auf der Höhe, das muss zu denken geben. Nun fangen gar die Alten, die Routiniers, an zu wackeln, auch Martin Hinteregger agiert inzwischen fahrig, ihm unterlaufen Fehler. Die ganze Mannschaft wirkt mittlerweile verunsichert, es fehlt ein Plan, eine Idee davon, wie das Spiel gestaltet werden soll. Er habe den Eindruck, sagt Glasner, »wir spielen den Ball zu Filip Kostic und hoffen, der macht das dann schon«, das sei zu wenig. Selbst wenn es oft genug gereicht hat. Gegen Hertha nicht, weil die Berliner den Serben in den 90 Minuten in erstaunliche 44 Pressingsituationen gebracht hatten - und trotzdem lieferte der 29-Jährige die mit Abstand meisten Torvorlagen (7).

Andererseits fällt es in den direkten Verantwortungsbereich des Fußballlehrers, mit dem Team eine gewisse Spielkultur zu entwickeln, Automatismen einzuschleifen, eine Philosophie zu erarbeiten, ihr einen tragfähigen Spielplan mitzugeben. Dieser Matchplan ging vor 14 Tagen in München perfekt auf, dieses Mal lag Glasner mit der Auswahl seines Personals komplett daneben. Sam Lammers, Jesper Lindström und Jens Petter Hauge gemeinsam für die Startformation zu nominieren, war ein spielentscheidender Fehler, alle drei sind noch sehr weit weg von Bundesligaformat, alle drei wirken weiterhin eher wie Jugendspieler denn gestandene Profis. Sie waren Totalausfälle. Wohl auch deswegen formulierte Torwart Kevin Trapp seine Analyse so: »Das Spiel hat nicht Hertha gewonnen, sondern wir haben es verloren.«

Es erschließt sich nicht recht, was Fachmann Glasner in diesem Trio sieht - mehr offenbar als in Daichi Kamada, der erneut nur auf der Ersatzbank Platz nehmen musste. Als der Japaner, der im vergangenen Jahr noch auf 15 Vorlagen und fünf Tore kam, nach der Pause endlich mitspielte, war ein Hauch mehr Stringenz im Team. Auch Goncalo Paciencia, der erst ab der 70. Minute ran durfte und dann immerhin den Elfmeter provozierte und zum 1:2 verwandelte (78.), wäre eine bessere Alternative gewesen.

Hinterher hat Trainer Glasner seinen Fehlgriff selbstkritisch eingeräumt, das spricht für ihn. »Wir sind alle Schuld an der Niederlage, auch ich, das war auch zu wenig von mir.« Er hätte früher Korrekturen vornehmen können, früh war zu erkennen, dass mit dieser Spielanlage die Hertha nicht in die Bredouille zu bringen war. »Jetzt kann man sagen, wir haben zu spät gewechselt«, sagt Glasner. Andererseits scheinen die vielen Umstellungen, personeller wie taktischer Art, nicht förderlich für diese Mannschaft zu sein. Und wo ist eigentlich die viel beschworene breite Brust, das neue Selbstbewusstsein, das die Hessen doch haben müssten nach den beiden letzten Siegen gegen Bayern und Antwerpen? Viel war davon nicht zu sehen gegen ein Berliner Ensemble, das ja ebenfalls angeschlagen war und zuletzt mental am Krückstock ging?

Grundsätzlich, das kommt halt noch dazu, tut sich die Mannschaft weiterhin verdammt schwer, wenn sie auf tief stehende Gegner trifft, »da müssen wir nicht um den heißen Brei herumreden«, sagt Glasner und zählt ein paar Baustellen auf: Man müsse die Eins-gegen-eins-Situationen gewinnen, schneller spielen, mehr Abschlüsse kreieren. Man agierte »zu einfältig«, hatte eine »schlechte Box-Verteidigung«, die Berliner schlugen durch Marco Richter (7.) und Jurgen Ekkelenkamp (63.) schonungslos Kapital daraus. Zudem »haben wir gefühlt jedes Duell verloren«. Ein bunter Strauß an Defiziten. Und nach elf Pflichtspielen ist eine sportliche Weiterentwicklung nirgendwo erkennbar.

Als Pellegrino Matarazzo seinen Torhüter Fabian Bredlow lächelnd in die Arme schloss, war sein Ärger teilweise verraucht. Nach »turbulenten Tagen« überwog beim Trainer des VfB Stuttgart die Freude über den Punktgewinn bei Borussia Mönchengladbach. Sechs Coronafälle hatten den Erfolg aber gefährdet und Matarazzo wütend gemacht.

Man lege »jedem Spieler nahe, sich impfen zu lassen«, sagte der 43-Jährige schon vor dem 1:1 (1:1) im Borussia-Park bei Sky: »Die Spieler haben aber auch andere Ansprechpartner als uns und lesen viel im Internet, was teilweise Müll ist.«

Sportdirektor Sven Mislintat war derweil um Ruhe bemüht. »Wir verfallen jetzt nicht in Hysterie oder Panik«, sagte Mislintat am Sonntag. Mit der Impfquote liege man »in der Altersklasse, glaube ich, über dem Bundesdurchschnitt«.

Aus dem betroffenen Sextett stand einzig Torhüter Bredlow zur Verfügung, der die häusliche Quarantäne am Freitag verlassen durfte und mit guten Paraden den Achtungserfolg rettete. »Es war eine verrückte Woche. Der Punkt ist definitiv verdient«, sagte der 26-Jährige, den Matarazzo mit einem Extra-Lob bedachte: »Er hat Sicherheit ausgestrahlt.«

Trotz der widrigen Umstände freute sich der VfB-Coach über »eine schlagkräftige Einheit auf dem Platz«. Seine Mannschaft habe nach den nicht einfachen Tagen »einen Schalter gefunden, um konkurrenzfähig zu sein«. Sein Fazit: »Wir haben Charakter bewiesen.«

Das dritte Saisontor des Defensivspielers Konstantinos Mavropanos (15.) ließ die Schwaben sogar von mehr träumen. Und hätte Tanguy Coulibaly nach einem Fehlpass von Manu Kone frei vor Torhüter Yann Sommer nicht überhastet über das Tor gelupft (31.), wäre sogar ein Sieg möglich gewesen.

Ein Dreier wäre angesichts von 5:31 Torschüssen des Guten aber auch zu viel gewesen. Gladbach war dem Sieg deutlich näher, kam aber nur durch Nationalspieler Jonas Hofmann (42.) zum Ausgleich.

Neun Punkte aus acht Spielen ist für die Stuttgarter zwar nicht zufriedenstellend, doch Matarazzo sieht den Tabellenzwölften »auf dem Weg, um wieder dahin zu kommen, wo wir hinwollen«. Wenn die corona-erkrankten Florian Müller, Orel Mangala, Roberto Massimo, Waldemar Anton und Erik Thommy wieder zur Mannschaft stoßen, hat der Trainer auch mehr personelle Möglichkeiten. Bei Mangala besteht zudem die Möglichkeit, dass er falsch positiv getestet wurde, wie Mislintat mitteilte. Eine Impfung sei so oder so »auch für den Verein eine wichtige Angelegenheit«, sagte Matarazzo: »Allerdings entscheidet jeder Spieler für sich selbst. Es herrscht in Deutschland keine Impfpflicht und daher werden wir auch keine erheben.«



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