22. Juli 2018, 22:27 Uhr

htr_kommentar - A_144326_1_3_30_1_55_7_7_7_2_1_9_11_20_12_1_52_5_15_9_29

22. Juli 2018, 22:27 Uhr
GW

»Kovac rechnet mit Verbleib von Boateng.« Irritierende Schlagzeile. Aber nur eine verwirrte Sekunde lang. Dann verrückt sich das Verrückte wieder zurecht: Kovac ist in München, der Prinz nach seinem hochverdienten und ehrenvollen Abgang im Sassuolo-Retiro, und ob sein Bruder wechselt oder nicht, interessierte uns nur, wenn er mit der Eintracht liebäugelte, was wiederum ziemlich verrückt wäre.

*

Nächste Schlagzeile: »Kovac schlägt Tuchel.« In einem Testspiel, mit Bayern B gegen Paris B, zu Beginn der Vorbereitung. Also total unerheblich. Ab ins Sommerloch. Eventuell aber erheblich: Tuchel wechselt Buffon nach einem Fehler aus. Buffon merkt sich das, er ist doppelt so cool, wie Tuchel sich gibt.

*

Letzte Fußball-Schlagzeile: »Erstunken und erlogen« sei, was ihm in Sachen Sommermärchen vorgeworfen wird, behauptet der kurzfristig aufgetauchte Beckenbauer, bevor er wieder ins Exil seiner Verbitterung abtaucht. Wer das Gegenteil behauptet, sollte es auch beweisen können. Laxheit und Larifari, beide in Beckenbauers DNA, sind keine Schwerverbrechen.

*

Deutsche Meisterschaften der Leichtathleten in Nürnberg. Riesige Lücken auf den Tribünen. Das drückt auf Stimmung und Leistung. Nichts gegen das Max-Morlock-Stadion, ein sehr angenehmer Name inmitten all der abgedrehten WVIG-Stadien kurzer Verweildauer, aber in Zeiten ihrer abnehmenden Bedeutung sollte die Leichtathletik in füllbare Stadien in der Provinz ausweichen. Es gibt sie, auf höchstem Niveau und mit fachkundigem, begeisterungsfähigem Publikum.

*

Ach ja, Max Morlock. Für Nachgeborene: 1954 in Bern Halbrechter im »WM-System«, Schütze des Anschlusstreffers beim »Wunder« und schon im Entscheidungsspiel gegen die Türkei (7:2) dreifacher Torschütze. Selbst ich bin nicht alt genug, es miterlebt zu haben, konnte es aber in Fritz Walters Büchern so lebensecht nacherleben, als sei ich dabei gewesen. Und die heutigen WVIG-Stadien? Abkürzung für diverse »Wir verbrennen Ihr Geld«-Sponsoren.

*

Im Kugelstoßen gab es in Nürnberg drei Wettkampfklassen: Männer, Frauen – und »Paras«. Da hier fast alle in unterschiedlichen Klassen antraten und mit Drei, Vier- oder Sechs-Kilo-Kugeln gestoßen wurde, gab es für die sechs Teilnehmer fünf erste und einen zweiten Platz. Ziemlich verwirrend. Auch Paralympics-Ikone Marianne Buggenhagen sagte einmal: »Wenn ein Kleinwüchsiger gegen einen Armlosen startet, ist das für die Zuschauer schwierig.«

Warum gibt es Kugelstoßen für Kleinwüchsige, aber keinen Basketball? Auch kein Radrennen für Zweieinhalbzentner-Männer oder Geräteturnen für Zwei-Meter-Lackel, auch keine »Schadensklassen« in der Leichtathletik für Unbehinderte, solange die Lisa Mayers gegen die Caster Semenyas antreten müssen. Schwieriges Thema. Mein Ansatz, dass jeder eine Klasse für sich ist und der einzige Gegner, den es zu schlagen gilt, ist nicht mehrheitsfähig.

*

Auxologie, die Wissenschaft vom Wachstum der Menschen, hat festgestellt, dass die Amerikaner immer kleiner werden (stimmt, zumindest in der Bäckerei; meine »Mohrnköppe« gibt es sogar schon lange nicht mehr), aber auch, dass das Einkommen mit der Größe in Verbindung steht. Ein Langer verdient mehr als ein Kurzer, und zwar 700 Euro im Monat pro 2,5 Zentimeter, behauptet die Auxologie, und wenn sie recht hat, wäre das eine echte Diskriminierung.

*

Gleichzeitig mit der Leichtathletik-DM in Nürnberg ging in Weeze das Musikfestival »Parookaville« über die Bühne. 80 000 Besucher wurden erwartet, davon konnte Maxls Stadion nur träumen. In Weeze sollten Kleinwüchsige an der »Mini-Bar« nur »Kurze« ausschenken. Für die einen witzig, für andere diskriminierend, wie für den »Bundesverband Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien« (BKMF).

*

Tja. Witzig, diskriminierend? Oder beides? Stünde der kleinwüchsige Kugelstoßer Niko Kappel, ein toller Typ mit Köpfchen, Herz und Humor, hinter der Theke, wäre die Sache klar. Wie einst bei Sammy Davis jr., dem genialen Entertainer aus dem »Rat Pack« um Frank Sinatra. Der riss böse Witze über kleine, einäugige, schwarze Juden. Er durfte das. Er war einer. Oder Woody Allen: »Fährt ein Schwarzer U-Bahn und liest eine jüdische Zeitung. Kommt ein Weißer zu ihm und sagt: Neger allein reicht dir wohl nicht.« Allen ist selbst Jude. Allerdings findet ihn niemand mehr witzig, aber das hat andere Gründe und mit »MeToo« zu tun.

*

Apropos: Ich bewundere Athletinnen wie Christina Schwanitz oder Angelique Kerber (beide tauchen morgen in »Ohne weitere Worte« auf), meiner liebsten Zielgruppe bin ich sowieso ergeben, ich wäre sogar ein williger Kandidat fürs Matriarchat, aber wenn ich einen Text lese wie gerade erst in der taz, das erste Binnen* taucht auf und ist erkennbar unironisch gemeint, höre ich sofort auf zu lesen: »Jahrelang besetzten Aktivist*innen« ... Ende. (gw)

*

(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« / Mail: gw@anstoss-gw.de)

Schlagworte in diesem Artikel

  • Angelique Kerber
  • Caster Semenya
  • Deutsche Meisterschaften
  • Diskriminierung
  • Frank Sinatra
  • Fritz Walter
  • Geräteturnen
  • Juden
  • Kugelstoßen
  • Kugelstoßer
  • Leichtathleten
  • Lisa Mayer
  • Matriarchat
  • Max Morlock
  • Musikfestivals
  • Radrennen
  • Woody Allen
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 4 + 1: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.