20. Juli 2018, 21:51 Uhr

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20. Juli 2018, 21:51 Uhr
GW

Flashback. Kaum ist die WM vorbei und verdrängt, da taucht eine doppelseitige Anzeige im Stern auf und blitzt uns zurück. »Best Never Rest«, fünf der rastlosen Ex-Besten stürmen hinter zwei neuen C-Klassen auf uns zu, und in Stuttgart raufen sie sich die Haare. Weil solche Anzeigen Vorlaufzeit haben und kaum storniert werden können, bekommen wir noch einmal die volle Dröhnung der abgehobenen, überheblichen und oberpeinlichen DFB-Expedition ab. Neue Mercedes-Modelle, beworben mit im Hochmut gefallenen WM-Versagern – Daimler-Boss Zetsche soll sogar seinen stattlichen Schnauzer ausgerauft haben.

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Schmerzhaft auch dieser Flashback: »Davie Selke ist nach seiner schweren Verletzung operiert worden. Selke hatte sich bei einem Zusammenprall einen Pneumothorax zugezogen. Dabei sammelt sich Luft im Brustkorb an, was zum Zusammenfallen eines Lungenflügels führt.« Schon bekomme ich keine Luft, da schwer vom Rad gestürzt. In der Klinik wird mir bei vollem Bewusstsein die Seite aufgebohrt und mit einem eklig an den Rippen schabenden Geräusch ein Schlauch in die implodierende Lunge geführt. Damals dachte ich nur: Wie blöd, wie lästig, und das ausgerechnet mitten in der WM 2002. Dass ich schwer verletzt war, kam mir nicht in den Sinn und flashbackt jetzt dank Selke. Und in der Ferne höre ich mit Grausen die Rippenbohrmaschine sausen.

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Noch weiter zurück blitzt es, als ich im Spiegel die ulkige Story von Stefan Kuzmany lese, der vor 14 Jahren als taz- Redakteur in einer Satire über zu erwartende Aktionen des CSU-Nachwuchspolitikers Markus Söder gejuxt hatte, Söder wolle alle Grünen zum Drogentest schicken und Eltern, die ihren Kindern deutsche Namen geben (»Klaus statt Kevin«), das Kindergeld erhöhen. Den gewollten Quatsch klaubte erst die Süddeutsche aus dem Archiv, in dem die Satire verstaubt und zur staubtrockenen Tatsache herangereift war. Jetzt erschien in der New York Times ein Söder-Porträt, und, Sie ahnen es: ... mit Kevin und dem Drogentest.

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Noch’n Flashback: Als ich 1990 erfuhr, dass ein Leichtathlet die Dopingkontrollen ad absurdum führte, indem er die schriftliche Aufforderung, zum Test zu kommen (so ging das damals), ebenfalls schriftlich ablehnte, schrieb ich: »Höflich, aber bestimmt antwortete der Sportler, er habe keine Zeit.« Dreimal habe er auf diese Art Dopingtests vermieden, ergänzte ich, obwohl ich die genaue Zahl nicht wusste. Kurz danach berichtete auch der Spiegel von drei Weigerungen. Hatte ich per Zufall die richtige Zahl getroffen, die kritisch-investigative Journalisten penibelst recherchiert hatten? Möglich. Aber der nächste Satz lautete »Höflich, aber bestimmt erwiderte der Athlet, er habe keine Zeit.« Auch das Zufall und der Plagiats-Vorwurf nur die fixe Idee eines Provinzjournalisten mit Minderwertigkeitskomplex? Nein, der Beweis, dass das Nachrichtenmagazin von mir abgeschrieben hat, ist ebenso zwingend wie peinlich, denn sowohl die Form (»höflich, aber bestimmt«) als auch den Grund (»habe keine Zeit«) der Ablehnung . . . hatte ich mir einfach nur ausgedacht.

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Kein Ruhmesblatt, ich weiß. Erst recht nicht für den Spiegel. Damals kein Wort zu der Peinlichkeit, heute, nach meinem feixenden Hinweis, ebenfalls keine Reaktion. Sei’s drum. Wahrscheinlich stehen sie beim Spiegel mehr unter Druck als wir in der Provinz und können sich Selbstveralberung weniger leisten.

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Apropos Spiegel und »unter Druck«. In »Ohne weitere Worte« vom Dienstag wurde auch der russische Nationaltrainer Tschertschessew zitiert, der auf die Frage, ob er unter Druck stehe, antwortete: »Darf ich fragen, was Deutsche immer mit dem Druck haben? Das ist euer Lieblingswort, oder?« – »Ja! Ja!! Ja!!!«, jubilierte da unser Marburger Leser Dieter Metz, der in den letzten Jahren »Druck«-Schlagzeilen gesammelt hat (auch bei uns). »Zur Kontrolle habe ich es verglichen mit der Häufigkeit anderer wohlfeiler Schlagzeilenbegriffe wie ›Empörung‹ und ›Hetze‹. Der ›Druck‹ ist konkurrenzlos. Wie soll es auch anders sein in einem Land, in dem ein Torwart zum Titan wird, weil er von nichts anderem reden kann als vom Druck und sich dabei so gepresst artikuliert, als säße er ständig auf Klo und drückt und drückt, und raus kommt …« – Die »Druck«-Sammlung ist im Blog »Sport, Gott & die Welt« (dort in der »Mailbox«) nachlesbar.

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Wie auch ein altes Interview mit Matthias Beltz. Denn im Zusammenhang mit dem »68er«-Jubiläum gab es Nachfragen. Vor Jahren sei ein tolles Beltz-Interview erschienen, in der Überschrift sei es um Dutschke und die Szene-Disco Scarabee gegangen, im Netz sei es aber nicht zu finden. Stimmt, ich hatte versäumt, das Interview von 2001 online zu stellen. Das ist jetzt nachgeholt. Ich war und bin froh und stolz, dass Matthias Beltz nicht nur dieses Interview zu einem Ereignis gemacht hat, sondern sich im Lauf der Jahre für viele – zumindest für mich – unvergessliche Zeitungsprojekte (wie unsere »Jahresendzeitkolumnen«) gerne und übrigens ohne jedes Honorar bereit erklärt hatte. Wer das Interview nicht kennt, möge reinklicken: »Das Attentat auf Dutschke und die Durchsage im Scarabee«. Es lohnt sich.

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Für Selbstbeweihräucherung alter 68er taugt das Interview allerdings nicht. »Der Traum war eigentlich nicht großrevolutionär, sondern eine tolle Frau zu haben. (...) Es gab nicht das Gefühl, wir Linken sind die Besseren, sondern: Die anderen schaffen es besser mit ihrem Leben umzugehen, und ich bin zu doof dazu. (...) Dass wir gemerkt haben: Wenn wir aus den Frankfurter Spontikreisen die Macht hätten, dann wird’s mit Sicherheit nicht besser werden, denn die eigene Qualifikation, das haben wir an der Organisation des Privatlebens gemerkt, ist ja nicht gerade bedeutend gewesen.«

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Das tut manchen APO-Opas und -Omas richtig weh. Und der folgende »echte Beltz« würde heute nicht bei dem Herzens-Kommunisten verortet, sondern ganz anderswo: »Der Philosemitismus oder die Verherrlichung von Ausländern ist vollkommen bescheuert. Ausländer haben genauso das Recht, Arschlöcher zu sein wie wir Deutsche, und sie sind’s ja auch oft genug.«

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Helga Rabl-Stadler, Präsidentin der Salzburger Festspiele, kam in einem SZ- Interview vom letzten Samstag »ein Klassiker-Zitat in den Sinn: Ach wär doch Größe immer gut und Güte immer groß.« Wie bei Matthias Beltz, unserem unvergessenen Hessen im Himmel. (gw)

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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« / Mail: gw@anstoss-gw.de)



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