13. Juli 2018, 20:59 Uhr

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13. Juli 2018, 20:59 Uhr
GW

Nationalhymnen. Die Kamera fährt alle 22 Spieler ab. »Wem von denen würdest Du nachts auf dem Heimweg angstfrei begegnen?« Sie blickt von ihrem iPhone auf. Ich zähle mit. Ergebnis: Gäbe ihr Angstfrei-Faktor den Ausschlag, stünde morgen England im Finale. Nach einem 20:2-Sieg über Kroatien.

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Warum spielt Frankreich morgen gegen Kroatien und nicht Deutschland gegen England oder Belgien? Weil die Franzosen das Talent haben, das uns einige Jahre lang ausgezeichnet hatte, und weil Kroatien mit dem Messer zwischen den Zähnen kämpft, was unter Löw verpönt war – bis auf Schweinsteigers finale furioso 2014.

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»Bruda, schlag den Ball lang!« Wenn Rebic morgen ruft, erhört ihn kein Boateng-Prinz, und die Franzosen schlagen ihren Ball noch viel länger. Auf Mbappe, den Nachfolger von Ronaldo, vielleicht bei Real Madrid, ziemlich sicher als Weltfußballer. Aber nur mit Titel.

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Standards sind das Markenzeichen dieser WM. Die müssen wir trainieren, heißt es. Klar, was denn sonst? Aber Standards einbimsen, das sind nur Etüden, sekundärtugendhafte Übungen. Standard ist die Grundlage und gehört im Fußball »standardmäßig« zur Ausstattung wie die Klimaanlage zum Mittelklasse-Auto. Premium ist eine Klasse besser. Standards entscheiden nur, wenn die Primärtugend fehlt oder sich bei ebenbürtigen Gegnern ausgleicht. Erst dann führen Standards zur Standarte, an die man sich den WM-Stern heften kann.

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Um beim Auto zu bleiben: Deutschland konnte keine Standards, Premium schon gar nicht, das alte Talent ist verblüht, neues, wenn überhaupt, knospt erst – bleibt nur die Abwrackprämie? Nein, das sind alles bunte Bildchen, bemühte Vergleiche und hilflose Versuche, das jämmerliche Auftreten der deutschen Mannschaft, das Unerklärliche zu erklären.

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Ganz klar, Özil ist an allem schuld. Dann kommen die Politik ins Spiel, die Flüchtlinge und »Die Wiederkehr des Sündenbocks«, wie Thomas Asshäuser in der Zeit schreibt. Ihm gelingt auch die wunderbare Formulierung, es seien »für gewöhnlich nur intellektuelle Tischfußballspieler, die nach Parallelen zwischen Sport und Politik suchen«. Allerdings sucht Asshäuser in seinem Text ebenfalls danach. Und schon bald kommt, bei ihm wie überall in Deutschland, jenes Thema aller Themen ins Spiel. Da sprechen die einen den anderen die Vernunft ab, die anderen den einen die Menschlichkeit, obwohl denkende und fühlende Menschen oberhalb eines unteren Niveaus einig sein müssten.

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Bewusst vermeide ich das Substantiv »Flüchtling«, das mitschuldig an den tiefen Gräben ist. Es geht um Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen zu uns kommen, wobei den einen geholfen und den anderen ein (Grenz-)Riegel vorgeschoben werden muss – und bei einigen sollte ihr Nutzen für den Verein Deutschland den Ausschlag geben. Barmherzigkeit, Härte und Kalkül nicht als Gegensätze, sondern dreifache Notwendigkeit. Doch am Triple scheitern ja auch die Bayern regelmäßig ...

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Zurück zum Fußball. Aber wieder mit Politik. Der Zentralrat der Muslime in Deutschland fordert den Rücktritt von Bierhoff und Grindel. Erster Gedanke: Die spinnen, die Muslim-Bonzen! Was geht die das an?! Zweiter Gedanke: Was ging unsere Bonzen in Politik, Verbänden und Medien die Wahl in der Türkei an?

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Ach ja, die DFB-Bonzen. An Bierhoff und Grindel dachte ich auch, als ich ein Interview mit Philipp Lahm las, ebenfalls in der Zeit. Früher spottete ich über den »kleinen Streber von der ersten Bank«, doch das Vorurteil ist längst revidiert. Lahm wird seinen Weg machen, klug, geschickt, vernünftig, ähnlich wie einst Thomas Bach. Die Bierhoffs und Grindels müssen sich warm anziehen. Vielleicht irgendwann einmal auch die Infantinos.

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Aber woran oder an wem lag es nun wirklich, dass Titelverteidiger Deutschland derart jämmerlich auftrat und Spiele verlor, die er niemals hätte verlieren dürfen? An Angelique Kerber. Denn am Beispiel der Wimbledon-Finalistin wird klar, dass im Sport trotz aller intellektueller Tischfußballerei ein unbegreifliches, unbeeinflussbares Etwas den Ausschlag gibt, bei dem eine Kleinigkeit zur anderen kommt, sich verstärkt, zu Krisen führt – und in gelungenen Fällen zu einem wunderbaren Comeback.

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Angelique Kerber war als Nummer eins, in der späteren Krise und jetzt in Wimbledon immer dasselbe Talent mit demselben Potenzial, Ehrgeiz und Trainingsfleiß. Fußball-Deutschland in Gefahr? Ja, aber Hölderlin macht Mut, denn »in der Gefahr wächst das Rettende auch«. Allerdings muss man sich, wie Kerber und Münchhausen, am eigenen Schopf herausziehen.

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Noch einmal zu den Standards. Sie können zu Formatkriegen führen. Nicht ob Freistoß direkt, geschnippelt, mit englischer Bushaltestelle oder wie auch immer, sondern: »Als erster großer Formatkrieg gilt der Stromkrieg, als Thomas Alva Edison und George Westinghouse darum stritten, ob die von Edison favorisierte Gleichspannung oder die von Westinghouse favorisierte Wechselspannung die geeignetere Technik für die USA sei« (Wikipedia).

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Den ersten Wortwitz, bei dem ich mich weggeschmissen habe, fand ich vor ungefähr sechs Jahrzehnten im »Reader’s Digest« meiner Tante. Damals fragte ich sie, heute Sie: Haben Sie Gleichstrom oder erst später? (gw)

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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« / Mail: gw@anstoss-gw.de)

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