17. September 2017, 22:04 Uhr

Sonntagspiel / Hoffenheim - Berlin 1:1

Zum Vergessen Volland schießt sich Frust von Seele Müdes Unentschieden beim frühen Beginn

17. September 2017, 22:04 Uhr
Groß ist die Enttäuschung bei den Frankfurtern (v. l.) Taleb Tawatha, Jonathan de Guzman und Kevin-Prince Boateng nach dem 1:2. (dpa)

Für die Überraschung des Tages sorgte der Trainer des FC Augsburg. »Kompliment an Eintracht Frankfurt. Das ist eine unheimlich gute Truppe, extrem variabel«, sagte Manuel Baum. Die Frage ist nur: Von welcher Eintracht sprach er da? Von der mit Bein und Yeboah früher? Oder von der aus der Hinrunde der vergangenen Saison? Jene Frankfurter Eintracht, gegen die sein FC Augsburg gerade mit 2:1 (1:0) gewonnen hatte, konnte Baum kaum meinen. Denn die spielte am Samstag noch planloser und schlechter als beim vorangegangenen Heimspiel gegen Wolfsburg (0:1). »Wir müssen heute traurig sein – und das zurecht«, sagte ihr Trainer Niko Kovac.

Die Kritik des Eintracht-Coaches war deutlich. Die erste Halbzeit sei »die bislang schwächste in dieser Saison« gewesen. »Da haben wir heute vieles, eigentlich alles, falsch gemacht.« Was ihm gefalle, sei nur die »sehr gute Reaktion in der zweiten Halbzeit«, meinte Kovac. Und der Blick auf den Spielplan. »Denn es ist gut, dass wir in vier Tagen wieder spielen. Wir müssen das jetzt schnell vergessen.«

Gleich zwei Auswärtsaufgaben hält diese Englische Woche für die Eintracht bereit: Am Mittwoch geht es zum 1. FC Köln, am Samstag zu RB Leipzig. Bislang hieß es immer: Die Frankfurter müssen zu Hause dringend ein paar Punkte holen, um vor diesen Auswärtsreisen ein ordentliches Polster zu haben. Vielleicht ist es aber auch genau umgekehrt: Diese Mannschaft braucht gerade die vermeintlich schweren Auswärtsspiele, um ihre Heimschwäche zu kompensieren.

Der Leistungsabfall zwischen dem überzeugenden 1:0 in Mönchengladbach und dem planlosen 1:2 gegen Augsburg war jedenfalls frappierend. Und er machte noch einmal deutlich: Die große Stärke dieser Mannschaft ist es, sich einem besser besetzten Gegner mutig in den Weg zu stellen. Ihre große Schwäche ist aber offenbar, einen massiv verteidigenden Gegner ausspielen. »Wir haben gefühlt 80 Prozent den Ball gehabt«, sagte Sportvorstand Fredi Bobic am Samstag. Das Problem ist nur: Du musst mit dem Ball auch etwas anfangen.«

Mehr als 20 Millionen Euro hat die Eintracht vor dieser Saison in neue Spieler investiert. Sie hat für dieses Geld einige talentierte Stürmer geholt (Haller und Jovic). Sie hat sich auch mit zwei international erprobten Verteidigern verstärkt (Willems und Salcedo). Kurz vor dem Ende der Transferfrist kamen sogar noch zwei prominente und streitbare Namen dazu (Boateng und Rebic).

Das einzige, was der Verein mit seinem massiven Investment noch nicht geschafft hat, ist das Kreativ- und Tempo-Defizit im Zentrum des Spiels zu beheben. Die für das Mittelfeld verpflichteten Gelson Fernandes und Jonathan de Guzman sind dafür ziemlich offensichtlich nicht geeignet. Der Schweizer saß am Samstag nur auf der Bank. Der Niederländer war ein Totalausfall. Prickelnd wurde dieses Spiel nur, als Luka Jovic (79.) die Eintracht nach den Gegentoren durch Philipp Max (20.) und Caiuby (76.) noch einmal heranbrachte.

Den Sportvorstand macht das alles noch nicht nervös. »Wenn ich mir die ganze Liga und die einzelnen Ergebnisse anschaue, sehe ich, wie eng alles beieinander ist. Es gibt kaum noch klare Ergebnisse«, sagte Bobic. »Wir haben vor der Saison schon gesagt: Das wird eine verdammt interessante Saison. Da müssen wir Geduld bewahren.« Nach dieser Logik sind die Auswärtsspiele in Köln und Leipzig vor allem eine Chance, und nicht nur ein weiterer Grund zur Sorge. Auch Torwart Lukas Hradecky sagte: »Wir lieben die Auswärtsspiele in dieser Saison viel mehr. Aber ich kann nicht erklären, warum.« (dpa)

Der murrende Müller trifft endlich wieder, Interview-Lewandowski sogar doppelt, auch Gesamtleistung wieder top – schon fachsimpeln, Betonung auf »simpeln«, die »Experten«, wer denn nun was in der aufgeregten Bayern-Woche richtig gemacht hat. Im Zweifelsfall, lese ich hinter ihren Stirnen, sie selbst mit ihren hilfreichen Expertisen. Nicht im Zweifelsfall, sondern ganz sicher werden sie nach Schalke oder Paris neue aus ihrer gemeinsamen Schublade ziehen.

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Aber ich will nicht schon wieder das alte Lied anstimmen. Die alte Leier ist ausgeleiert. Zum Kehraus nur noch einmal die Geschichte meines Lieblings-Experten Guy, der sich bei der BBC in London als Buchhalter bewarb. Steht an der Rezeption, wartet, aufgerufen zu werden. Kommt ein Mann, fragt nach Guy. Guy meldet sich. Er soll mitkommen, schnell, schnell, es eilt. Wird in ein Zimmer geschoben, auf einen Sessel gesetzt, eine schicke Blonde sitzt vor ihm, stellt ihn als Herausgeber einer Technology-Website vor. Er soll ein Gerichtsurteil zum Downloaden von Musik kommentieren. Tut er auch. Beantwortet alle Fragen. Ausweichend, freundlich, ahnungslos, aber gutwillig und engagiert. Ist schließlich sein Bewerbungsgespräch als Buchhalter. Dann kommt der richtige Guy rein, ein Fachmann für Internet-Rechtsfragen. Verspätet. Und so hatte unser Guy seinen Auftritt als Experte im BBC-Fernsehen.

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Herrlich auch die trockene Antwort von Friedhelm Funkel (Quelle: FAS-Interview) auf die Frage, ob er, wie die angesagte junge Trainer-»Generation Y«, einen Matchplan habe: »Nein, aber ich habe einen Plan.« Niko Kovac, einer seiner Nachfolger in Frankfurt, hat ebenfalls einen Plan. Heimniederlage gegen einen Kontra-Abstiegs-Konkurrenten, das ist zwar ein schmerzhafter Rückschlag, doch trotz des prompt alarmierten Panik-Bereitschaftsdienstes bleibe ich dabei: Was Kovac in Frankfurt gemacht hat und macht, gehört zu den besten Trainerleistungen dieser Jahre. Komme, was wolle.

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Die Loyalität mit Kovac ist keine emotionale, sondern eine sachlich begründete. Die mit Jan Ullrich dagegen könnte an Irrationalität grenzen. Aber nur, falls .. aber zunächst diese Mail von Walther Roeber aus Bad Nauheim: »Auch wenn Sie nichts auf ihn kommen lassen: dass JU bei 1,8 Promille und >50km/h Geschwindigkeitsüberschreitung so billig vor Gericht davonkommt, ist schon bedauerlich.« – Volle Übereinstimmung! Als Sportler lasse ich zwar in der Tat nichts auf ihn kommen, aber Fahren mit 1,8 Promille ist kein Kavaliersdelikt, sondern kriminell, vor allem bei einem Wiederholungstäter, zumal wenn man weiß und schon einmal getestet hat, wie viel man, sorry, saufen muss, um 1,8 Promille zu erreichen. Eine andere prominente Persönlichkeit der jüngeren deutschen Zeitgeschichte hat es trotz größter Bemühungen nur auf 1,5 Promille gebracht.

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Aua. Das tat schon beim Hinschauen weh. Als ein Bremer den eigenen Mitspieler am Kopf und ins eigene Tor traf, zuckte man nur zusammen. Bei Keitas Tritt gegen den einschlägig erfahrenen Kramer (WM-Finale!) floss viel Blut, es blieb aber weitgehend folgenlos. Als sich Kruse das Schlüsselbein brach, packte mich, einen erfahrenen Schlüsselbeinbrecher, echtes Mitleiden. Aber was dem armen Christian Gentner widerfuhr, ist einfach nur schlimm. Mehrere Brüche am Kopf. Grauselig.

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Verletzungen, Blut, Brüche, – das schreit nach den Merseburger Zaubersprüchen. Kennen Sie nicht? Sie gehören zu den frühesten und schönsten Zeugnissen lyrischer deutscher Sprache: »Phol ende Wuodan vuorun zi holza. / du wart demo Balderes volon sin vuoz birenkit.« Da reiten also zwei in den Wald, des einen Pferd (volon/Fohlen) verrenkt sich den Fuß. Dann folgt der Zauberspruch: »sose benrenki, sose bluotrenki, sose lidirenki: ben zi bena, bluot zi bluoda, lid ze gelieden, sose gelimida sin.« Übersetzt sich fast von allein: Bei Bein-, Blut- und Glieder-»Verrenkung« möge Bein wieder zu Bein, Blut zu Blut, Glied zu Glied kommen, so wie sie »geleimt« sind. – Gute Besserung, Christian Gentner!

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Anderes Thema, aber noch so eins wie die »Experten«, es wird also ausgemustert: »Mohrenkopf.« Wegen Übersättigung. Beziehungsweise ausgeleierter alter Leier. Es ist ja auch fast schon politisch korrekt, sich über die politische Korrektheit der diversen Umbenamungen zu belustigen. Ein Interview mit einem österreichischen Sprachwissenschaftler in der Samstags-SZ bringt mich jedoch auf eine neue Idee. Sie könnte mich reich machen, aber ich fürchte, sie lässt sich nicht patentieren. Angestoßen von einem Lübecker Kaffeehaus, das seine »Mohrenkopf«-Torte in »Othello«-Torte umbenannt hat, stellte sich auch die Frage, ob man nicht verdächtig rassistisch klingende Bergnamen wie den »Mohrenkopf« in Vorarlberg umbenennen müsste. – Heureka! Warum nur Mohrenköpfe? Jeder Berg bietet sich an. Warum nicht den Sport als Beispiel nehmen? Wie das Ex-Volksparkstadion. Und viele andere, die wechselnde Sponsorennamen tragen. Oder die Hochs und Tiefs, die man sich kaufen kann. Wenn also der Mount Everest demnächst auf den Markt kommt, biete ich mit. Hundert Taler (ich bin nicht Dagobert) für ein halbes Jahr »Mount gw« – wer bietet mehr? (gw)

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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« / Mail: gw@anstoss-gw.de)

Dank des überragenden Kevin Volland hat Bayer Leverkusen seine Frustphase eindrucksvoll beendet. Beim 4:0 (3:0) gegen den nach vier Spielen noch sieglosen SC Freiburg erzielte der 25-Jährige zum 1:0 in der 21. und zum 3:0 in der 34. Minute seinen vierten Doppelpack in der Fußball-Bundesliga. Desweiteren trafen am Sonntag Charles Aránguiz (29.) und Julian Brandt (86.) für die Gastgeber. »Heute haben wir von vorne bis hinten eine gute Leistung gezeigt. Wenn wir heute verloren hätten, hängt man voll hinten drin«, sagte Volland, der gestand, den Druck auf sich gespürt zu haben: »Leicht ist es nicht. Durch solche Tore holt man sich die Leichtigkeit wieder«.

Bayer-Trainer Heiko Herrlich versuchte, die Abwehr mit dem griechischen Debütanten Panagiotis Retsos sowie mit Sven und Lars Bender weniger anfällig zu machen. Die Benders waren am Sonntag vor 26 232 Zuschauern das erste Bundesliga-Zwillingspaar seit zehn Jahren, das gemeinsam für denselben Verein auf dem Platz stand; damals waren es die Schalker Halil und Hamit Altintop.

Die Freiburger gerieten von Beginn an unter Druck, und nach den drei schnellen Treffer der Leverkusener war die Partie zur Pause bereits entschieden.

Oliver Baumann konnte der Anstoßzeit bei der frühesten Partie der Bundesliga-Historie einiges abgewinnen. »Das war fast wie in der A-Jugend: Frühstück und raus auf den Platz!«, erklärte der Torhüter von 1899 Hoffenheim lächelnd. »So musstest du nicht auf das Spiel warten.« Dennoch zeigten sein Team und Hertha BSC am Sonntag beim ungewohnten 13.30-Uhr-Anpfiff ein etwas müdes Unentschieden.

Mit dem 1:1 (1:0) baute die Mannschaft von Trainer Julian Nagelsmann immerhin ihre Serie von Heimspielen ohne Niederlage auf 20 aus. Sandro Wagner erzielte im wenig aufregenden Duell der Europa- League-Teilnehmer in der sechsten Minute das 1:0 – zu so einer frühen Uhrzeit hatte noch nie ein Profi im Fußball-Oberhaus getroffen. Alexander Esswein glich für die etwas später erwachten Berliner aus (55.). Für Nagelsmann und seinen Kollegen Pal Dardai war der Spielbeginn kein Problem. »Wir beide kommen ja aus dem Nachwuchsfußball«, erklärte der Berliner Chefcoach. »Für uns ist das ganz normal.«

Vor 27 243 Zuschauern war die TSG über weite Strecken das dominierende Team, ließ aber die Durchschlagskraft vermissen. »Ein bisschen Müdigkeit«, so Nagelsmann, habe seine Mannschaft nach der Europacup-Woche gezeigt. Irgendwie gab es einfach kein Durchkommen gegen die standsicheren Berliner. »Es war überflüssig, dass wir heute nur einen Punkt geholt haben, aber nichtsdestotrotz stehen wir ordentlich da«, sagte Wagner. »Wir müssen einfach drückender und giftiger im letzten Drittel spielen.« Hertha-Torschütze Esswein meinte: »Wir haben über 90 Minuten dagegen gehalten und nehmen verdient einen Punkt mit nach Hause.«

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