20. Juli 2018, 21:52 Uhr

Von Top-Talenten keine Spur

Dem deutschen Fußball mangelt es an Ideen und Innovationen – auch weil Bundesligaklubs lieber nach Talenten im Ausland fahnden. Doch woher sollen die künftigen Nationalspieler kommen?
20. Juli 2018, 21:52 Uhr
IMA

Urs Siegenthaler mochte sich zuletzt nicht öffentlich äußern. »Guter Mann«, sagte der stets freundliche Schweizer Chefscout der deutschen Fußball-Nationalmannschaft auf die entsprechende Nachfrage und schüttelte den Kopf, »bitte haben Sie Verständnis.« Das war nicht immer so. Vor einem Jahr, nach dem Sieg beim Confederations Cup in Russland brach es auf dem Rückflug von Sankt Petersburg nach Frankfurt aus ihm heraus: »Wir müssen scharf aufpassen, wir haben keine 50 Spieler von Weltformat.«

Ein Jahr und ein Ausscheiden in der WM-Vorrunde später darf der 70-Jährige bestätigt fühlen. Gerade hat in Finnland die EM der U19 begonnen. Neben dem Gastgeber mit dabei: die Türkei, England, Italien, Portugal, Frankreich, die Ukraine, Norwegen. Nicht dabei: Deutschland. Ausgeschieden in der Qualifikation.

Es läuft etwas falsch im Land des größten Einzelsportverbandes der Welt mit mehr als sieben Millionen Mitgliedern in fast 25 000 Vereinen mit 88 000 Juniorenteams. Joachim Löw hat es mit einer goldenen Generation geschafft, sowohl Weltmeister zu werden als auch brachial zu scheitern. Die nächsten vier Jahre bis zu seinem vorläufigen Vertragsende im Dezember 2022 kann sich der 58-Jährige noch aus einem recht reichhaltigen Füllhorn laben – der Generation der 22- und 23-Jährigen Joshua Kimmich, Timo Werner, Julian Brandt, Niklas Süle, Leon Goretzka, Leroy Sané, Serge Gnabry sei Dank. Danach aber sieht es fürwahr düster aus.

Experten wie der Agent Stefan Backs finden im spärlichen Talentreservoir aktuell nur einen potenziellen deutschen Weltklassemann: Kai Havertz (Foto oben), seit einem Monat 19, offensiver Mittelfeldspieler von Bayer Leverkusen. Backs hat eine »Überfürsorge« seitens der Klubs und Berateragenturen diagnostiziert, auch »aus Angst, dass sonst ein junger Spieler abspringt«, vielen Talenten fehle ein gutes Stück »Erfolgshunger« und eine Mentalität, »Widerstände zu überwinden«. »Insoweit ist der Fußball nur ein Abbild der Gesellschaft. Es geht uns einfach zu gut.«

Frank Kramer, der Trainer der deutschen U 20, spricht Tacheles: »Wir tun gut daran, nichts schönzufärben. Wir müssen uns strecken, um Qualität nachzuliefern. Das wird nicht einfach.« In seinem Kader gibt es keinen Spieler, der regelmäßig im Stamm eines Bundesligisten zum Einsatz kommt. Darunter sieht es nicht besser aus. Hanno Balitsch, der Co-Trainer der deutschen U19, führt aus: »In den kommenden Jahrgängen 2000 und jünger fehlen ›Unterschiedsspieler‹.« Und er kritisiert: »Anstatt solche auszubilden, bedienen sich deutsche Topteams früher im Ausland.«

Ein Teufelskreis, der durchbrochen werden sollte, will der deutsche Fußball auch langfristig wieder stabil über eine WM-Vorrunde hinauskommen. Leicht gesagt, schwer getan. Rouven Schröder, der Sportchef von Mainz 05, erklärt: »Grundsätzlich gucken wir zunächst auf dem deutschen Markt. Aber dann merken wir schnell, dass die Umsetzung dort um einiges schwieriger ist und wir als Mainz 05 kaum noch an deutsche Spieler herankommen. Wir müssen uns also auf anderen Märkten umschauen.« Die Mainzer haben Frankreich für sich entdeckt. »Die Franzosen«, so Schröder, »haben eine sehr, sehr, sehr gute Ausbildung, und vom Budget her sind die Spieler auf einem Level, auf dem sie gern bei uns den nächsten Schritt gehen.« Mit Jean-Philippe Gbamin und Abdou Diallo – für fünf Millionen aus Monaco geholt, für 28 Millionen an Dortmund verkauft – haben die Mainzer beste Erfahrungen gesammelt. In diesem Sommer investierten sie zehn Millionen Euro in den erst 21-jährigen Stürmer Jean-Philippe Mateta von Olympique Lyon und überwiesen acht Millionen Euro für den Abwehrhünen Moussa Niakhate (22) an den FC Metz. Eintracht Frankfurt zahlte für Evan N’Dicka, 18 Jahre, sechs Millionen Euro an AJ Auxerre. Die jungen Franzosen gelten als körperlich robuster und willensstärker als gleichaltrige deutsche Talente.

Auch die Eintracht ist – ähnlich wie Mainz unter Schröder – unter der Leitung von Fredi Bobic immer mehr davon abgerückt, auf deutsche Spieler zu setzen. Der Sportvorstand glaubt, woanders bessere Deals einfädeln zu können. »Bei den jungen Spielern aus dem Ausland sehen wir: Die wollen, die haben richtig Hunger«, sagte Bobic jüngst der »Bild«. Gerade die deutschen Jugendakademien seien dagegen oft nur darauf ausgelegt, die Betten zu füllen. »Wir machen da nicht mit. Dann müssen wir die Rosinen eben woanders rauspicken.«

Oliver Frankenbach, der Herr der Zahlen in Frankfurt, verweist zudem auf den finanziellen Aspekt. Die Eintracht-Verantwortlichen haben die Erfahrung gemacht, dass sie für mittelmäßige deutsche Spieler mehr bezahlen müssen als für vergleichsweise talentiertere Ausländer. Neben N’Dicka aus Frankreich kommt in diesem Sommer Mittelfeldspieler Lucas Torro, 23, aus Spanien für 3,5 Millionen und Stürmer Goncalo Paciencia, 23, aus Portugal für etwas mehr als drei Millionen.

Borussia Dortmund präsentierte zuletzt stolz den erst 16-jährigen Kamal Bafounta vom FC Nantes als Neuzugang, der in seiner französischen Heimat schon als »neuer Paul Pogba« gefeiert wurde. Backs sagt: »Wenn ich mir die bisherigen Sommertransfers der Bundesliga anschaue, frage ich mich, wo künftig die überdurchschnittlichen deutschen Nationalspieler herkommen sollen?«

Der BVB hatte mit der Verpflichtung des seinerzeit 17-jährigen Außenstürmers Jadon Sancho von Manchester City bereits einen echten Coup gelandet. Die acht Millionen Euro für das Toptalent, das in der vergangenen Saison zu zwölf Bundesligaeinsätzen kam, scheinen bestens angelegt. »So einen«, sagt Stefan Backs, »sucht man in seiner Unberechenbarkeit und Tempo unter deutschen Spielern vergebens.« Ein junger Mann vom Format Sanchos ist eine Ausnahme auf dem deutschen Markt. »Die englischen Topklubs greifen fast alles ab«, weiß Backs. So hat etwa die Manchester City Football Group mit insgesamt sechs Klubs der eigenen Holding ein weltweites Netz gesponnen und zusätzlich 63 Leihspieler verteilt.

Deutsche Klubs sind von einer vergleichbaren Infrastruktur weit entfernt. Sie schaffen es oft kaum, die für die Lizenzerteilung durch die Deutsche Fußball-Liga erforderlichen zwölf deutschen Spieler unter Vertrag zu nehmen. Ein Beispiel: Sollten die Verkaufskandidaten Marc Stendera oder Max Besuschkow Eintracht Frankfurt verlassen, müssten die Hessen A-Jugendliche mit Profiverträgen ausstatten, die im Profikader ohne jegliche Einsatzchance wären. Mit Talentförderung hat das dann nichts mehr zu tun, sondern eher mit einer Sackgasse.

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