22. Juli 2018, 22:27 Uhr

Özil spielt nicht mehr für Deutschland

Mesut Özil hat sich via Twitter, Facebook und Instagram zu seinem Erdogan-Foto geäußert. Dabei bricht er mit dem Deutschen Fußball-Bund, dessen Generalsponsor und Teilen der Medien – und tritt am Abend aus der Nationalmannschaft zurück. Özil fordert zudem den Rücktritt von DFB-Präsident Grindel.
22. Juli 2018, 22:27 Uhr

Die persönliche Medienabteilung von Mesut Özil hat am Sonntag zunächst mittags, dann am späten Nachmittag und schließlich zur Tatort-Zeit auf Twitter, Facebook und Instagram Posts abgesetzt, die einem tiefen Bruch mit Deutschland und dem Deutschen Fußball-Bund gleichkommen. Die Beiträge waren im dramatisch inszenierten Abstand von mehreren Stunden in drei Kapitel geteilt. Eine beispiellose Art und Weise, sich in einer Aufsehen erregenden Abrechnung öffentlich zu äußern, schließlich nach 20 Uhr seinen eigenen Rücktritt bekanntzugeben und den von DFB-Präsident Reinhard Grindel ausdrücklich zu fordern.

Er könne »nicht mehr für Deutschland spielen, so lange ich dieses Gefühl von Rassismus und Respektlosigkeit verspüre«, so Özil. Das lässt eine Hintertür offen, sollte sein Wunsch des Grindel-Rücktritts erhört werden. Er fühle sich, so der 92-fache Nationalspieler, vom DFB und Grindel als »Sündenbock« behandelt. Özil bezichtigt den DFB-Boss der »Inkompetenz und Unfähigkeit, seinen Job ordentlich zu erledigen« und wies darauf hin, Grindel hätte ihn längst hinausgeworfen, wenn Bundestrainer Joachim Löw und Manager Oliver Bierhoff nicht ihr Veto eingelegt hätten. Zudem kritisierte Özil Grindels patriarchalische Führung und dessen Unfähigkeit, ihm beim Krisengespräch Ende Mai in Berlin zuzuhören.

Özils Erklärungen, die bemerkenswert tiefe Einblicke gewähren, waren mithilfe seiner Berater in geschliffenem Oxford-Englisch verfasst. Auch das dürfte als Botschaft eines schlichten Mannes zu verstehen sein, der zwischen die Mühlsteine der Politik geraten ist und sich weder von der Türkei noch von Deutschland weiter politisch vereinnahmen lassen mag. Weite Teile der türkischen Community jubelten, die deutsche reagierte gespalten, nachdem sich der 29-Jährige in dieser brachialen Form erstmals seit seinem Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan Mitte Mai in London konkret zu seinen Motiven geäußert hatte. Er fühle sich, so Özil, in den Augen von Grindel als »ein Deutscher, wenn wir gewinnen, und als Immigrant, wenn wir verlieren«.

Özil kritisierte zudem, ohne zwar den DFB-Generalsponsor Mercedes konkret beim Namen zu nennen, dass er aus der Video-Kampagne des Autokonzerns herausgeschnitten worden sei, nachdem die Erdogan-Affäre bekannt geworden war. Er wundere sich über derartiges Krisenmanagement einer Firma, die »illegale Produkte« mithilfe von Software-Updates herstelle, »die hunderttausendfach zurückgerufen werden müssten, weil sie die Gesundheit vieler Menschen gefährdeten«.

In diesem Zusammenhang wies er den Deutschen Fußball-Bund scharf zurecht: Wieso habe der Verband von seinem Werbepartner nie eine öffentliche Erklärung verlangt, von ihm aber umso vehementer darauf gedrungen: »Sehe ich es richtig, dass so etwas (die Software-Manipulation, die Red.) schlimmer ist als ein Foto mit dem Präsidenten der Heimat meiner Familie?«

Zudem berichtet Özil von einem fest verabredeten Sozialprojekt mit seiner ehemaligen Schule Berger-Feld. Die sei von der Schule kurzfristig abgesagt worden – aus Furcht vor den Medien und angesichts des Rechtsrutsches in seiner Heimatstadt Gelsenkirchen. Die Absage habe ihm »sehr wehgetan«, so Özil. »Obwohl ich dort Schüler war, haben sie mir das Gefühl gegeben, ich sei unerwünscht und nichts wert«.

In seiner Auseinandersetzung mit dem Thema rügt Özil zudem Teile der deutschen Medien, die mit ihrer Rechtspropaganda und offenkundiger »Doppelmoral« dafür gesorgt hätten, die deutsche Bevölkerung gegen ihn zu vereinnahmen. »Sie haben dabei eine Linie überschritten, die niemals hätte überschritten werden dürfen.« Er habe sehr wohl registriert, dass seine doppelte Herkunft für das sportliche Scheitern verantwortlich gemacht worden sei. Und er frage sich: »Macht mich mein türkisches Erbe zu einer besseren Zielscheibe?«

Es gibt aber auch Lob vom Mittelfeldspieler: Seine Partner Adidas, Beats und Big Shoe hätten sich stets loyal verhalten und von dem »in deutschen Medien verbreiteten Unsinn« nicht beeinflussen lassen. Dafür sei er dankbar. Anerkennung für diejenige Mehrheit deutscher Medien, die sich ausdrücklich hinter ihn gestellt hatten, bleibt indes aus.

Im Grundsatz verteidigt der in Gelsenkirchen geborene Özil das Foto, das nie als politische Botschaft oder als Wahlhilfe zu verstehen gewesen sei. Vielmehr sei es ihm darum gegangen, »die höchste Vertretung des Landes meiner Familie zu respektieren«. Özil argumentiert weiter: »Ich habe zwei Herzen, das eine ist deutsch, das andere türkisch«. Seine Mutter habe ihn stets gelehrt, Respekt zu zeigen und nie zu vergessen, »wo ich herkomme«. Hätte er sich geweigert, Erdogan zu treffen, hätte er seine Wurzeln verleugnet.

Özils späte Erklärung ist allerdings nicht im Ansatz vereinbar mit der Darstellung von Grindel und Bierhoff, die vor der WM darauf verwiesen hatten, sowohl Özil als auch dessen Mitspieler Ilkay Gündogan hätten ihr Treffen mit Erdogan intern als Fehler bezeichnet. Öffentlich wäre das beiden Spielern ohnehin schwerlich überzeugend möglich gewesen. Eine Distanzierung vom Despoten wäre einerseits vielstimmig als unglaubwürdig interpretiert worden und hätte sie andererseits zur Zielscheibe der Erdogan-Anhänger gemacht.

Die Affäre ist völlig aus dem Ruder gelaufen. Gündogan war beim letzten Testspiel vor der WM in Leverkusen gegen Saudi-Arabien in erschreckender Gnadenlosigkeit bei jedem Ballkontakt ausgepfiffen worden, hatte bald völlig neben sich gestanden und hinterher in der Kabine Tränen vergossen. Bei der WM in Russland hatte der Mittelfeldspieler ebenfalls vollkommen verunsichert gewirkt – offenkundig Folgen des Shitstorms, der über ihn und Özil hereingebrochen war.

Özil und seine Berater scheinen unterdessen eines nach wie vor nicht verstanden zu haben: Das Bild hat nicht nur für eine große Resonanz in deutschen Medien gesorgt, wie in Özils Beitrag nachzulesen ist, sondern vor allem auch in großen Teilen der Bevölkerung. Für den DFB hatte dessen von der Özil-Seite nun so beinhart angegangener Präsident Grindel das Erdogan-Foto noch am selben Maitag als nicht vereinbar mit den Werten des DFB bezeichnet, sich später, als ganze Bürgerwehren in den sozialen Netzwerken auffuhren, aber auch vor die beiden Spieler gestellt, ehe er nach der WM eine Erklärung von Özil einforderte. Die gibt es nun, aber sie ist sicher keinesfalls so ausgefallen, wie sich Grindel sich das erhofft haben mag.

Der Druck auf den nach der verkorksten Weltmeisterschaft und seinen Aussagen zu Özil ohnehin unter Dauerdruck stehenden Verbandschef ist nun monumental. Eine derartige Breitseite hat noch nie in der bewegten DFB-Historie ein amtierender Präsident von einem Nationalspieler erfahren.

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