11. Juli 2018, 21:29 Uhr

Heikle Mission Wiederaufbau

Die flachen Hierarchien haben in Russland versagt, die Eigenvermarktung hat den Blick aufs Wir verbaut. Von den Spielern verarbeitet unterdessen jeder seinen Frust auf seine Weise.
11. Juli 2018, 21:29 Uhr
Stehen momentan vor allem in den sozialen Medien massiv in der Kritik: DFB-Präsident Reinhard Grindel (r.) und Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff. (Foto: dpa)

Am Dienstag hat Mats Hummels ein Bild auf seinen Instagram-Account gestellt. Es zeigt ihn in Nahaufnahme, schmales Gesicht, tiefe Augenhöhlen, schweißtropfende Stirn. Hummels hat schon unmittelbar nach der viel zu frühen Rückkehr aus Russland ein Foto gepostet. Es zeigte die Ergometer-Ergebnisse seines Frühsports und war sinngemäß mit der Zeile »Zum Glück lässt sich Wut in Energie umsetzen« unterschrieben. Mats Hummels, das kann jeder sehen, hat die Schmach noch längst nicht verwunden.

Kevin Trapp, der Ersatztorwart, lässt die Welt ebenfalls via Instagram wissen, dass er sich just verlobt hat. Er sei »unfassbar glücklich«. Vorne der urlaubende Keeper und seine Anvertraute, untermalt von einem Schmuselied, im Hintergrund das Meer vor der Insel Capri. Trapp geht es gut.

Auch Mesut Özil ist irgendwo am Meer unterwegs. Man sieht ihn auf Instagram, Arm in Arm mit seiner Freundin Amine in der untergehenden Sonne: »Danke, dass Du immer für mich da bist. Du bringst mich zum Lächeln, auch wenn meine Welt auf den Kopf gestellt ist.«

Jeder verarbeitet seinen Frust auf seine Weise. Hummels mit Wut gegen sich selbst, Trapp mit der Freude über sein persönliches Glück, Özil mit Dankbarkeit im Kleinen und Trotz im Großen.

Moderate Eintrittspreise

Wie dem auch sei: Nach dem Aus ist vor dem Spiel. Auf der Verbands-Homepage weit oben finden sich die Kartenangebote für die Partie der neuen Nations League am 6. September in München gegen Frankreich. Eine halb leere, stimmungslose Arena soll unbedingt vermieden werden, die Eintrittspreise beginnen deshalb bei moderaten zehn (ermäßigt) und 25 Euro. So viel steht mal fest.

Nicht mal annähernd fix ist, mit welchem Personal und mit welcher Mentalität der Bundestrainer, der immer noch auf den Namen Jogi Löw hört, die heikle Mission Wiederaufbau angehen wird. Dass der 58-Jährige dafür Zeit bekommen soll, sollten alle Kritiker nachvollziehen können, wenn sie ihren Schaum vorm Mund dann irgendwann mal abgewischt haben. Dass der einer eher betulicheren Work-Life-Balance zugeneigte Südbadener dafür Land und Leute aber bis Ende August warten lassen darf, verwundert dann schon. Sollte der Arbeitseifer nicht eigentlich erhöht werden?

Manager Bierhoff, der jetzt, da es von allen Seiten über ihn hereinbricht, besonders stark sein muss, ist im Hintergrund längst tätig geworden. Viele Mitarbeiter des insgesamt 45 Menschen umfassenden, unmittelbar an den 23 Spielern tätigen Funktionsteams sowie einige der weiteren 43 Stabsmitglieder im Back Office und der Delegation wurden befragt, was aus ihrer Sicht falschgelaufen ist vor und während der gescheiterten WM-Expedition.

Der Tenor in den elektronischen Antwortbögen: In der modernen Arbeitswelt des Profifußballs habe sich ein zunehmendes Maß an Ich-Bezogenheit entwickelt, das nur schwierig zu bändigen sei. Die Eigenvermarktung habe manchem den Blick aufs Wir verbaut. Das Commitment fürs Team sei bestimmten Starspielern sichtbar schwergefallen, der Wert eines Einsatzes für Deutschland habe für manchen schlicht an Bedeutung verloren, und: Die flachen Hierarchien hätten diesmal versagt.

Vertrauen in Löw

Zudem habe sich zu viel in Routine eingeschliffen, es gebe zu viele Leute im Tross mit sich überschneidenden Arbeitsfeldern. Es sei Zeit, dass sich was dreht, mit einem kleineren, kompakteren, kämpferischeren Team hinter dem Team. Dank des krachenden Zusammenbruchs aller Systeme sei es immerhin nun möglich, auch einschneidende Änderungen vornehmen zu können und harte Entscheidungen zu moderieren. Nur, wenn Löw dazu in der Lage sei, mache eine Fortsetzung seiner Arbeit Sinn. Die meisten Spieler und Mitarbeiter trauen das dem Bundestrainer zu.

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