26. Juli 2018, 22:38 Uhr

Grindel spricht zu spät

26. Juli 2018, 22:38 Uhr

Schon vor genau drei Wochen ist dem Deutschen Fußball-Bund dringend geraten worden, sich mit einer eindeutigen Aussage in Richtung Mesut Özil und der Öffentlichkeit zu positionieren, um verhärtete Fronten aufzuweichen. Es hat bedauerlicherweise 20 Tage gedauert, ehe der Verband den Rat befolgte. Und leider ist seitdem so viel kaputtgegangen, dass das am Donnerstag um 10.15 Uhr auf der DFB-Webseite veröffentlichte Statement von Präsident Reinhard Grindel zu spät kommt. Der derzeit in Österreich urlaubende Verbandschef räumte in seiner persönlichen Erklärung den zentralen Kardinalfehler ein: »Rückblickend hätte ich als Präsident unmissverständlich sagen sollen, was für mich als Person und für uns alle als Verband selbstverständlich ist: Jegliche Form rassistischer Anfeindungen ist unerträglich, nicht hinnehmbar und nicht tolerierbar. Das galt im Fall Jerome Boateng, das gilt für Mesut Özil, das gilt auch für alle Spieler an der Basis, die einen Migrationshintergrund haben.«

Jetzt fragt man sich: Wie authentisch ist das, was Grindel da jetzt von sich gibt? Oder ist es bloß dem öffentlichen Druck geschuldete Taktik? Hätte der 56-Jährige diesen Satz Anfang Juli so formuliert, nachdem sich die Anti-Özil-Stimmung in den sozialen Netzwerken und vielen Kommentarspalten zu einer Feuerwalze gegen den Fußballspieler aufgeheizt hatte, wäre vielleicht noch etwas zu kitten gewesen in dem zerrissenen Verhältnis zwischen der im Übermaß beratergesteuerten Özil-Seite und dem Deutschen Fußball-Bund. Und: Grindel sowie Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff, der zwischenzeitlich ebenfalls mit Wucht in einen Shitstorm geriet, weil er sich nicht ausreichend schützend vor Özil gestellt hatte, hätten sich eine Menge erspart.

Es bleibt unergründlich, warum die beiden medienerfahrenen Männer sich nach ihren unglücklichen Aussagen in zwei ansonsten sehr ausgewogenen Interviews Anfang Juli dermaßen beratungsresistent erwiesen haben und somit einer Trilogie der gnadenlosen Abrechnung am vergangenen Sonntag neue Nahrung gaben. Eine Abrechnung, die die Gräben noch tiefer aushob und die dem türkischen Autokraten Recep Tayyip Erdogan wunderbar in die Karten spielte. Der Präsident ist der eigentliche Sieger zwischen den Verlierern Deutschland, DFB und Mesut Özil. Vermutlich hat Europaexperte Alexander Graf Lambsdorff (FDP) recht, wenn er sagt: »Die Özil-Story ist für Erdogan wie ein Sommermärchen.«

Für den DFB-Präsidenten ist sie dagegen so schmerzhaft wie ein Vollspannstoß in die sensibelste Körperregion. »Ich gebe offen zu, dass mich die persönliche Kritik getroffen hat«, übermittelte der 56-Jährige. Der Ex-Bundestagsabgeordnete ist jetzt die umstrittenste Führungsfigur der Republik, noch vor jedem Regierungspolitiker.

Es ist erstaunlich, wie ungnädig Grindel zerlegt wurde für einen Satz, den er nach dem WM-Aus formulierte, den freilich vor dem Turnier viele Menschen genauso von ihm gefordert hatten: Er erwarte von Özil, dass dieser sich »auch in seinem eigenen Interesse öffentlich äußern sollte«. Unterschlagen wurde in vielen Veröffentlichungen Grindels Nachsatz: »Es gehört zur Fairness, einem verdienten Nationalspieler, der einen Fehler gemacht hat, diese Chance zu geben.«

Der Furor, mit dem große Teile der Öffentlichkeit und später auch die Özil-Seite reagierten, hier sei einer zum alleinigen »Sündenbock« für das WM-Aus gemacht worden, ließ diese wichtigen Anmerkungen Grindels schlicht außer Acht. Und interessant ist vor diesem Hintergrund auch, wie vergleichsweise glimpflich Anfang dieser Woche Bayern-Präsident Uli Hoeneß mit seiner Fundamentalkritik an Özil (»Hat seit Jahren einen Dreck gespielt und keinen Zweikampf mehr gewonnen«) davonkam. Man stelle sich nur vor, Grindel hätte auch nur im Ansatz ähnlich niveaulos gesprochen – er hätte seine Bergwanderungen in Österreich als Ex-Präsident verrichten können.

Stattdessen kämpft der Mann weiter um sein Amt, das ihm inklusive der Berufungen in die Regierungen der UEFA und FIFA ein sechsstelliges Einkommen garantiert, ihm aber bislang nicht die erhoffte Anerkennung in der Gesellschaft und der Fußballbranche einbrachte. Sondern vor allem Hohn und Spott. Worauf Grindel nun vor allem hofft, wird in den abschließenden Worten seiner Erklärung deutlich: »Wir alle haben das große gemeinsame Ziel, den Zuschlag für die Ausrichtung der EM 2024 zu bekommen.« Die Entscheidung fällt die UEFA am 29. September zwischen den Kandidaten Deutschland und Türkei. Die »FAZ« berichtet, die UEFA registriere aktuell den Versuch des türkischen Bewerbers, »die Verwerfungen um Özil gezielt zu nutzen, um unter Funktionären eine Antipathie gegen Deutschland zu wecken«. Insoweit haben Özil und seine türkischen Berater mit ihrem konkreten Rassismusvorwurf an Grindel einen für den DFB sehr unfruchtbaren Boden bereitet.

Glaubt man Grindel, dann will er sich dem Thema stellen: »Wir müssen die Debatte zum Thema Integration und den veränderten Resonanzboden in unserer Gesellschaft zum Anlass nehmen, unsere Arbeit in diesem Bereich weiterzuentwickeln und zu fragen, wo und wie wir neue Impulse setzen können.« Er wolle sich »als DFB-Präsident dieser Debatte nicht entziehen«. Jan Christian Müller

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