20. Juli 2018, 21:51 Uhr

Kritik an der Streckenwahl

Für Greipel war das »Spektakel einfach zu viel«

20. Juli 2018, 21:51 Uhr
Andre Greipel

Bei dem Zwangsabschied von der Tour de France verzichtete André Greipel auf polternde Anklagen, rang sich ein Lächeln ab und wurde dennoch deutlich. Einen Tag nach seiner Aufgabe auf dem beschwerlichen Weg nach L’Alpe d’Huez kritisierte der Sprinter die Bosse der Tour für eine Streckenwahl der Extreme. Erst die Kopfsteinpflaster-Schinderei nach Roubaix, dann nach nur einem Ruhetag drei knüppelharte Bergetappen – das schafften Greipel und gleich vier seiner Sprinterkollegen nicht. »Das hat alles viel mit Spektakel zu tun. Für mich ist dieses Spektakel einfach zu viel gewesen in diesem Jahr«, resümierte der elfmalige Tour-Tagessieger.

Um Sekunden kämpfende Radprofis mit verzerrten Gesichtszügen auf steilen Bergrampen, flankiert von ekstatischen Fans und alles eingebettet in ein spektakuläres Naturpanorama: Solche Bilder und Szenen wollen die Organisatoren der Tour de France produzieren. Dass Fahrer aufgeben, ist normal. Fünf der besten Sprinter mit insgesamt 60 Tour-Etappensiegen in ihren Trophäenschränken waren am Mittwoch und Donnerstag aber ein noch nie gesehener Verschleiß. Neben Greipel (11 Etappensiege) hatte es auch Landsmann Marcel Kittel (14), den Briten Mark Cavendish (30), Dylan Groenewegen aus den Niederlanden (3) und den Kolumbianer Fernando Gaviria (2) erwischt.

»Ist es richtig, dass der Kampf um den Tages- oder Gesamtsieg so erschöpfend ist wie überhaupt rechtzeitig das Ziel zu erreichen?«, fragte Greipels treuer Helfer Marcel Sieberg, der ebenfalls aufgeben musste. Auch Kittels Sprint-Adjutant Rick Zabel stieg vorzeitig aus und will von der Tour in der nächsten Zeit erst mal nichts wissen.

Rolf Aldag kann die Aufregung um die Route nicht ganz nachvollziehen, und das, obwohl er als Sportlicher Leiter beim südafrikanischen Team Dimension Data in Cavendish seinen Kapitän verlor. »Die Strecke ist seit Oktober bekannt und die Teams hatten bis Juli die Möglichkeit, die richtige Mannschaft aufzustellen«, sagte der Ex-Profi am Freitag.

Die Tour-Organisation nahm dieses Jahr zwei sehr kurze Bergteilstücke in das Programm, in den Pyrenäen in der kommenden Woche steht eine Hochgebirgsetappe über nur 65 Kilometer und drei schwere Anstiege an. »Da wird dann von Anfang an Vollgas gefahren, das ist für Sprinter natürlich schlecht«, sagte Aldag. Greipel hatte auf der zwölften Etappe keine Chance. »Aus eigener Kraft hätte ich es nicht geschafft«, sagte er dem ZDF-Morgenmagazin und betonte: »Ich habe eine Vorbildfunktion und ich möchte nicht, dass Leute am Straßenrand auf mich zeigen und sagen: ›Guck mal, der Greipel hält sich am Auto fest‹.«

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