19. April 2019, 20:24 Uhr

Eine magische Nacht

Die Reise durch Europa geht für die Eintracht weiter. Durch den 2:0-Sieg gegen Lissabon stehen die Frank- furter erstmals seit dem Gewinn des UEFA-Pokals 1980 wieder unter den besten vier Teams. Die Freude kennt keine Grenzen. Gegner im Halbfinale ist der FC Chelsea. Am Montag steht das nächste Schlüsselspiel in der Liga an.
19. April 2019, 20:24 Uhr
Eine verschworene Einheit: Die Spieler von Eintracht Frankfurt um Kevin Trapp (r.) und Goncalo Pacienca (dahinter) feiern gemeinsam mit den Fans den 2:0-Sieg gegen Lissabon und den sensationellen Einzug ins Halbfinale der Europa League gegen den FC Chelsea. (Foto: dpa)

Eintracht Frankfurt


Seit bald 15 Jahren hat Axel Hellmann einen Traum; zuweilen, »in schlechten Zeiten«, ist er allenfalls schemenhaft, seit Donnerstagabend, kurz vor 23 Uhr, aber so klar wie nie: Und wird jetzt gar Realität. Seit bald 15 Jahren träumt der Frankfurter Marketingvorstand davon, dass die Eintracht in einem Pflichtspiel gegen den FC Chelsea antreten darf. »Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, Eintracht Frankfurt in einem Halbfinale gegen Chelsea an der Stamford Bridge.«

Vorstand Hellmann wusste nach einem wieder mal magischen Abend im Frankfurter Stadtwald vorübergehend kaum, wohin mit seinen Gefühlen, überwältigt war er, wie praktisch alle, die Zeugen dieses aufregenden Spektakels waren, von dieser ganz speziellen Atmosphäre, einer Intensität und Leidenschaft, die Berge zu versetzen schien. Oder wie Hellmann sagte: »Wenn die Lichter hier angehen, die Mannschaft diese Choreographie sieht und die Euro-League-Hymne erklingt, dann fühlen sich die Spieler, als wären sie in einen Zaubertrank gefallen.« Aber der Schluck aus der Pulle war gar nicht erforderlich. Dafür hatte diese Mannschaft eine Überdosis an Mentalität, Siegeswillen und Glaube zur Hand, sie hatte nie Zweifel aufkommen lassen, das 2:4 aus dem Hinspiel noch reparieren zu können. »Jeder«, sagte der Torschütze zum entscheidenden 2:0, Sebastian Rode, »ist über seine Schmerzgrenze gegangen.«

Symptomatisch für diese Qualität steht der Auftritt von Simon Falette, zeitweise aussortiert und einer, der im Januar zuletzt spielen durfte, sich aber an diesem Abend zu einer »beeindruckenden Leistung« (Trainer Adi Hütter) aufgeschwungen hat. Diese Mannschaft besticht durch unbändige Moral, Leidensbereitschaft. Diese Mannschaft besteht im Grunde aus elf, ach was, 18 Mentalitätsspielern, die in den 90 Minuten auf dem Platz alles aus sich herausholt, was da ist.

Stellvertretend für alle brachte der erneut überragende Makoto Hasebe, mit 35 Jahren ältester Frankfurter Profi, den Spirit auf den Punkt: »Ich habe drei Weltmeisterschaften gespielt, bin Meister und Pokalsieger geworden – aber ich habe immer Hunger, deshalb will ich noch einen Titel holen.« Zwei Spiele im Halbfinale, am 2. Mai in Frankfurt und am 9. Mai in London, beide restlos ausverkauft, stehen noch an, ehe am 29. Mai in Baku das Finale angepfiffen wird.

Und die Hessen zählen nicht unverdient zu den letzten vier Mannschaften. Ungewohnt, aber »toll«, sei das Gefühl, am Karfreitag aufzuwachen und im Halbfinale zu stehen, sagte Trainer Hütter anderntags. »Ich muss mich manchmal selbst zwicken, was wir in dieser Saison bislang erreicht haben, bislang ist das sensationell.« Es war ganz sicher nicht das beste Saisonspiel der Eintracht. Es war ganz sicher aber eines der schlaueren Spiele, »wir waren geduldig, clever und intelligent«, vor allem aber: »Taktisch total diszipliniert«, sagte der Fußballlehrer. Ein Gegentor und das ganze Unterfangen wäre um ein Vielfaches schwieriger geworden. Es ging darum, die richtige Balance zwischen Stabilität in der Defensive und dem erforderlichen Druck nach vorne zu finden. Das ist Eintracht Frankfurt über die Maßen gut gelungen, »deshalb war es ein perfektes Spiel«, sagte Hütter. Und natürlich hatten die Frankfurter auch Glück. Das 1:0 durch Filip Kostic entsprang einer klaren Abseitsstellung. In der Europa League gibt es den Videobeweis erst im Finale. »Der Schiedsrichter«, sagte Rode, »hat einen sehr guten Job gemacht – bis auf das 1:0.«

Viel Zeit, den süßen Triumph zu genießen, bleibt den Frankfurtern nicht. Am Ostermontag (20.30 Uhr) steigt das nächste »absolute Schlüsselspiel« beim VfL Wolfsburg, dessen Atem die Eintracht im Nacken spürt. »Wir müssen die Köpfe nach der magischen Nacht freibekommen«, sagt Hütter. Dass dies bei diesem funktionierenden Team klappt, ist er sicher. Am eigentlich freien Freitag war der Großteil der Spieler trotzdem aufs Trainingsgelände gekommen. Sicher scheint: Diese Mannschaft ist noch nicht satt.

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