09. Juli 2018, 22:10 Uhr

Eine Symbolfigur seiner Zeit

Hans Günter Winkler ist tot. Die deutsche Springreiter-Legende starb im Alter von 91 Jahren. Über den Pferdesport hinaus bekannt wurde Winkler 1956 mit einem ganz besonderen Olympiasieg.
09. Juli 2018, 22:10 Uhr
Das Foto vom März 2016 zeigt den früheren Weltklasse-Springreiter Hans Günter Winkler neben der Bronzestatue seines ehemaligen Springpferdes Halla. (Foto: dpa)

Der Ritt mit schmerzverzerrtem Gesicht hat Hans Günter Winkler zu einer Legende des Pferdesports gemacht – und sein Pferd Halla weltberühmt. Die kleine Stute trug den verletzten Springreiter 1956 zu olympischem Doppel-Gold. Diese Geschichte musste Winkler immer wieder erzählen – und er tat es sehr gerne und ausführlich. Bis zuletzt, bis kurz vor seinem Tod in der Nacht zum Montag.

Zwei Jahre nach dem Wunder von Bern folgte das Wunder von Stockholm. Der Sieg bei den von Melbourne nach Schweden ausgelagerten olympischen Reiterwettbewerben hatte eine ähnlich historische Dimension wie der WM-Sieg der deutschen Fußballer. Die Geschichte des verletzten Reiters und des treuen Pferdes passte ganz wunderbar zum Mythos des mühevollen Neubeginns nach dem Krieg und zum Wiederaufbau.

Winkler wurde einer der großen Sport-Helden seiner Zeit, weil er sich in der ersten Runde der Einzel- und Mannschafts-Entscheidung so schwer an der Leiste verletzt hatte, dass er eigentlich hätte aufgeben müssen. Er tat es aber nicht. Er setzte sich wieder auf die Stute. Und er ritt trotz starker Schmerzen. Obwohl er Halla beim zweiten Durchgang kaum durch den Parcours dirigieren konnte, ritt er mit der tapferen Stute ohne Fehler: Deutschland gewann Team-Gold und Winkler auch noch Einzel-Gold.

Sie sei »eine Mischung aus Genie und irrer Ziege« gewesen, beschrieb Winkler sein Pferd einst. »Halla hat gemerkt, was los ist, und hat mir aus der Patsche geholfen«, sagte er kurz vor seinem 90. Geburtstag. Pferde seien ja normalerweise nicht intelligent, erklärte der Reiter – aber seine Halla sei es gewesen. Diese Glorifizierungen des Pferdes mehrten auch seinen eigenen Ruhm.

Der mit Ausdauer und Zähigkeit erkämpfte Erfolg machte Winkler zu einer Symbolfigur seiner Zeit. Er prägte die sportliche Geschichte der Nachkriegsjahre, und der Krieg und die Jahre danach prägten ihn. Sänger hatte der in Barmen geborene Reiter als junger Mann mal werden wollen. Dann kam der Krieg. Er er- und überlebte das Ende als Flakhelfer. »Da war die Zeit des Singens vorbei«, sagte er. Sein Vater fiel kurz vor Kriegsende, seine Familie begann bei Null. So erzählte er es noch vor zwei Jahren.

Sportlich ist er als Springreiter noch immer unerreicht. Den zwei Goldmedaillen von 1956 folgten drei weitere Olympia-Siege. Unter anderem 1972 in München. Winkler gewann zudem eine Silber- und eine Bronzemedaille bei Olympischen Spielen. Zur imposanten Bilanz des Ausnahmereiters gehören auch zwei Einzel-Titel bei Weltmeisterschaften und fünf deutsche Meisterschaften. Winkler startete 105-mal für die deutsche Mannschaft. Und zu seiner umfangreichen Titelsammlung gehört auch die zweimalige Wahl zum Sportler des Jahres – eine heutzutage kaum vorstellbare Ehre für einen Reiter.

Seine Karriere beendete Winkler 1986 in Aachen, wo er neben vielen Siegen beim CHIO auch dreimal den Großen Preis gewann. Und dort, im größten Reitstadion der Welt mit 40 000 Plätzen, genoss er 2016 eine große Gala zu seinen Ehren.

Wie kein Zweiter habe Winkler für Erfolg als Ergebnis von Wille, Leidenschaft und Einsatzbereitschaft gestanden, sagte Carl Meulenbergh, Präsident des CHIO-Ausrichters ALRV. »Mit ihm haben wir nicht nur eine Legende und den prominentesten Botschafter unseres Sports verloren, sondern auch einen großen Freund des Aachener Turniers.«

Das Stadion in Aachen war Winklers »Wohnzimmer«, wie er es selber nannte. Warendorf sein Wohnsitz seit 1950. Winkler lebte bis zuletzt nicht weit entfernt vom Sitz des Verbandes. Dort, wo ein Denkmal für seine Stute Halla steht.

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