01. August 2017, 21:59 Uhr

Leichtathletik

Digel will von Korruption nichts gewusst haben

01. August 2017, 21:59 Uhr
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Von DPA
Helmut Digel

Es ist still geworden um Helmut Digel, seitdem der Betrugsskandal im Leichtathletik-Weltverband um den früheren IAAF-Präsidenten Lamine Diack auch einen Schatten auf ihn warf. Zwei Jahre nach dem Ausscheiden aus der Führung der IAAF empfindet der 73-jährige Sportwissenschaftler die Vorwürfe »nach wie vor als äußerst verletzend und beleidigend«, wie er im Interview der Deutschen Presse-Agentur anlässlich der WM in London sagte, die am Freitag beginnt.

Der in Paris auf seine Anklage wartende Senegalese Diack soll unter anderem positive Dopingproben gegen Geld vernichtet haben. Ebenso wie er hätte auch der heutige IAAF-Präsident Sebastian Coe nichts von dem mutmaßlich kriminellen Handeln Diacks mitbekommen. »Die ganzen korrupten Vorgänge haben im Dunkeln stattgefunden, wie dies bei kriminellen Machenschaften meist der Fall ist.« Er könne versichern, dass bei keiner IAAF-Councilsitzung, bei der er anwesend gewesen sei, diese Dinge zur Sprache gekommen seien. Die von Coe als Konsequenz aus dem Skandal um den Diack-Clan eingeleiteten Reformen hält er für richtig, aber noch nicht wirksam. Die entscheidenden Veränderungen hätten noch nicht stattgefunden.

Dies gelte auch für die Erneuerung und Modernisierung des IAAF-Premiumprodukts: die Freiluft-Weltmeisterschaften. »Welche Inhalte und welche Dauer sollten die Wettkämpfe haben? Und: Muss man mit so hohen Teilnehmerzahlen arbeiten? Das sind zentrale Fragen«, erklärte Digel, der die Vergabe der nächsten beiden Titelkämpfe nach Doha/Katar (2019) und Eugene/USA (2021) als höchst problematisch ansieht. Nach seinem Erachten müsse man die europäische Leichtathletik als wichtigsten Markt schützen. »Sie ist das Fundament der Weltleichtathletik. Wir sind momentan in einer Entwicklungsphase, wo das Kernprodukt WM ökonomisch gefährdet wird«, warnte er.

Reformiert werden müssten, so Digel, auch Dauer, Inhalt und Präsentation der WM. Statt fünf Stunden sollten die Abendprogramme nur halb so lange dauern und die WM insgesamt auf eine Woche – statt wie bisher zehn Tage – begrenzt werden. Zudem fordert er Innovationen bei Wettbewerben: gemischte Staffeln und spannendere, geraffte Abläufe zum Beispiel im Stabhochsprung.

»Jeder Athlet sollte zukünftig nur fünf Sprünge machen dürfen und die Eingangshöhe selbst setzen können. Damit wäre ein Pokern möglich«, erklärte Digel. »Man kann in jeder Disziplin solche Spannungsmomente schaffen.« Ein Weitsprung, bei dem von 60 Versuchen insgesamt 40 ungültig seien, sei kein spannender Wettkampf. Digel: »Kreative Ideen gibt es, leider werden sie in ihrer Umsetzung sowohl von konservativen Funktionären und teilweise von Athleten verhindert.«

Erschreckend war für ihn die Präsentation der Leichtathletik bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio. »Die Leichtathletik war bis Rio jene Sportart, die vor- und nachmittags Stadien mit bis zu 80 000 Zuschauern füllen konnte, weil sie attraktiv war und jeder unbedingt dabei sein wollte«, sagte Digel. Auf diese Weise sei sie die mit Abstand populärste Sportart bei Olympia geworden. »Aus einer kritischen Distanz betrachtet muss man nun feststellen: Die Leichtathletik hat diese Attraktivität verloren.«



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