05. November 2017, 21:39 Uhr

Wolfsburg – Hertha BSC 3:3

Bayern vor nächstem Alleingang Verrücktes Spiel

Als Jupp Heynckes zum FC Bayern zurückkehrte, hatte dieser fünf Punkte Rückstand auf Borussia Dortmund. Nach dem 3:1 im direkten Duell sind es plötzlich sechs Zähler Vorsprung.
05. November 2017, 21:39 Uhr
Arjen Robben nimmt Maß – und wenig später zappelt der Ball zur 1:0-Führung des FC Bayern im Dortmunder Tor. (Foto: dpa)

In vier »wahnsinnig strapaziösen Wochen« hat Jupp Heynckes dem FC Bayern den Weg für den nächsten Alleingang zum Titel geebnet – nun darf auch der Triple-Trainer erst einmal ein wenig durchatmen. Die Länderspiel-Pause nach dem 3:1 (2:0) im Bundesliga-Gipfel bei Borussia Dortmund nutzt der 72-Jährige zu einer kurzen Auszeit bei Ehefrau Iris, Schäferhund Cando, Katzen und Koi-Karpfen auf dem heimischen Hof in Schwalmtal am Niederrhein.

Diese Auszeit hat der routinierte Triple-Trainer sich mehr als verdient. Als Heynckes am 9. Oktober als Not- und Übergangslösung zum vierten Mal Trainer an der Säbener Straße wurde, herrschte beim FC Bayern ein Mix aus Verunsicherung und Ratlosigkeit. In weniger als einem Monat mit sieben Siegen hat Heynckes die Stimmung komplett gedreht – und die Hoffnung vieler Fußball-Fans auf eine endlich einmal spannende Meisterschaft zunichte gemacht.

»Das ist schon der Wahnsinn, wie der Trainer das in so kurzer Zeit geschafft hat«, sagte Arjen Robben, einer von vielen Spielern, die in der kurzen, aber intensiven Zeit unter dem aus dem Ruhestand zurückgekehrten Trainer aufgeblüht ist. Fünf Punkte Rückstand hatte der FC Bayern bei »Don Jupps« Rückkehr auf den zu Saisonbeginn furios aufspielenden BVB. Nach dem Sieg in Dortmund durch Tore von Arjen Robben (17.), Robert Lewandowski (37.) und David Alaba (67.) sind es plötzlich sechs Zähler Vorsprung. Und die Diskrepanz zwischen den beiden deutschen Vorzeige-Teams erschien trotz einiger Dortmunder Chancen am Samstag noch deutlicher.

Daran, dass die Münchner in dieser Saison ihren sechsten Titel in Folge feiern werden, zweifelt spätestens jetzt kaum noch jemand. »Wir hätten natürlich kein Problem damit, wenn es langweilig wird«, sagte Mats Hummels. Er glaube allerdings nicht daran, fügte er hinzu. Seine Mimik sagte etwas anderes.

Auch Heynckes hatte seine liebe Mühe damit, Spannung in die Meister-Entscheidung reden zu wollen. »Wir sollten den Ball flach halten«, sagte er nur. Und setzte stattdessen zu einer weiteren Kampf-Ansage an. »Vor vier Wochen konnte niemand voraussagen, dass wir sechs Punkte vor Dortmund stehen würden. Aber das haben wir uns erarbeitet. Und wenn wir unsere verletzten Spieler wie Franck Ribéry, Thomas Müller, Manuel Neuer und Jérôme Boateng wieder an Bord haben, werden wir noch besseren Fußball spielen.«

Das muss der Konkurrenz besonders zu denken geben. Die Siege der vergangenen Wochen, in denen auch Vize-Meister RB Leipzig in Pokal und Liga das Nachsehen hatte, holten die Bayern quasi auf der Felge laufend. »Wir haben nicht nur viele Spiele absolviert, sondern auch intensiv und mit großem Umfang trainiert. Das hat die Spieler ungemein beansprucht. Deshalb haben zuletzt viele über Muskelbeschwerden geklagt«, betonte Heynckes.

In seinen Ausführungen lassen sich immer wieder Seitenhiebe auf die laxe Arbeits-Auffassung von Vorgänger Carlo Ancelotti heraushören – die er auf konkrete Nachfrage freilich nicht konkretisieren wollte: »Wenn ein Trainer-Wechsel vorgenommen wird, hat das irgendwelche Gründe. Aber das ist nichts, was ich kommentieren muss.«

Dafür verriet der Coach, dass er Mats Hummels sogar gegen dessen ausdrückliche Bitte durchspielen ließ. Der Weltmeister, der wegen blau angelaufener Zehen extra Löcher in seine Fußball-Schuhe schnitt, habe »schon zur Halbzeit rausgewollt«, berichtete Heynckes: »Das habe ich verweigert. Ich habe ihm gesagt, er muss sich durchbeißen. In so einem engen Spiel kann man keinen Eckpfeiler rausnehmen.«

Dass er seine Millionäre so hart rannimmt und sie trotzdem in höchstem Maße von ihm schwärmen, ist Heynckes’ eigentliches Erfolgserlebnis, die Schmerzen ignorieren und wie selbstverständlich Spiel um Spiel gewinnen sein Credo. Das funktioniert. Seine Nationalspieler müssen nun bei Länderspielreisen teilweise Touren auf sich nehmen, die Heynckes als »mittlerer Wahnsinn« bezeichnete. Der Weg zum sechsten Meistertitel hintereinander scheint trotzdem vorbestimmt.

Liegt es am Trainer? Am System? An beidem? Mag sein. Aber wenn, dann nur ein bisschen. Ein Test sagt mehr als tausend flachschürfende Worte: Stellen Sie sich vor, Sie könnten auf dem Bolzplatz Ihre Mannschaft zusammenstellen. Für die vier Positionen in der Abwehr haben Sie die Wahl zwischen Kimmich, Bartra, Süle, Sokratis, Hummels, Toprak, Alaba und Schmelzer. Selbst wenn Sie BVB-Fan wären, stünde kein Dortmunder in Ihrer Elf. Beim Rest Ihres Teams wäre es ähnlich, nur nicht ganz so krass. Noch Fragen?

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Fragen über Fragen zum Video-Durcheinander. Was da Woche um Woche gestückwerkelt wird, wirkt wie die klammheimlich ausbaldowerte Sabotage altvorderer Scheintraditionalisten, um die ungeliebte Objektivierung wieder zu kippen. Dabei wäre alles so einfach: Im Zweifelsfall befragt der Schiedsrichter seine elektronische Hilfe und entscheidet danach alleinverantwortlich. Aber im aktuellen Hin und Her und Hick und Hack stärkt der Video-Assistent die Leistungsfähigkeit des Schiris nicht, sondern enteiert ihn. Hängolin statt Viagra.

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Dagegen steigt die Potenz der Frankfurter Eintracht ganz gewaltig. Nicht wegen des Augenblicks-Glücks in der Tabelle, flüchtig ist der schöne Schein, sondern weil die Deutsche Bank als »Premiumpartner« einsteigt. Lange haben sich die Bosse in den Türmen geziert, doch endlich wächst zusammen, was zusammen gehört. Eintracht Bankfurt.

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Glück, Pech oder konzertierte Aktion, dass gleichzeitig eine juristische »Schlammschlacht« (FAS) der DB mit ihrem Ex-Investitionschef beginnt, in der es auch um das »dunkle Kapitel« geht, »als dem Konzern vorgeworfen wurde, komplexe Papiere an die Kunden verkauft zu haben, während ihre eigenen Banker auf deren Werteverlust wetteten«? Immerhin könnten jetzt Gläubiger einen Teil ihrer Einlagen zurückerstattet bekommen. Allerdings nur ideell. Und das auch nur, falls sie Eintracht-Fans sind.

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In diesen Tagen wurde auch ein anderer Betrug am Kunden bekannt. Der verliert kein Geld, sein Werteverlust ist ideeller Art: Das Preisgeld des Friedensnobelpreises, der in diesem Jahr an Atomwaffengegner ging, »stammt auch von Investitionen in Rüstungsfirmen« (Zeit). Wenn das Leben derartige Holzhammer-Gags schreibt, schweigt selbst der genialst scharfzüngige Kabarettist. Auch unserem Hessen im Himmel fiele da nichts mehr ein. Dass ihn Jüngere gar nicht mehr kennen, ist ein anderes trauriges Kapitel.

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Da fällt mir ein, dass noch eine »Montagsthemen«-Frage beantwortet werden muss: Wer war »Zeus Weinstein«? Der Mann ist noch älter als Matthias Beltz und lebte nur auf dem Papier im »Stern«. Dort schrieb der Karikaturist Peter Neugebauer über »Zeus Weinsteins Abenteuer«, eines Bruders im Geiste unseres Kriminalrats Obermoos aus dem HR-Radio. Und wie hieß ein anderer schlauer »Kriminaler« aus dieser Zeit? Klar: Nick Knatterton.

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»Ja, wo laufen sie denn?« Nein, nicht auch noch diese alte Geschichte. Zurück zum Jetzt und zum Sport. Gestern liefen sie in New York Marathon, ideell dem Terror trotzend, vor allem aber dem inneren Schweinehund. Manche wollen ihn aber gar nicht überwinden, sondern sind selbst solche. In der SZ lese ich von einem heutigen Zeus Weinstein, der Marathon-Betrüger aufspürt. Kürzlich, in Mexico City, enttarnte er unter 28 000 Startern mehr als 5000 Betrüger. Meist sind es Mitläufer im großen Pulk, ihnen geht es nicht um Geld, nicht um Ruhm, sondern meist um Anerkennung im eigenen kleinen sozialen Umfeld. Marathon-»Finisher«? Wow!

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Betrug im Sport hat nur in seltenen, prominenten Fällen mit Doping zu tun, die aber beherrschen die Schlagzeilen. Besonders perfide sind die bisher nur intern diskutierten Methoden im Behindertensport, in dem sich nicht wenige in höhere Schadensklassen hinein manipulieren, um größere Siegchancen zu haben. Selbst im Bridge, im Vorurteil von uns Krimi-Lesern distinguierten englischen Ladies vorbehalten, wird betrogen, was das Zeug hält. Bridge gilt mittlerweile als echter Sport, »ist in Holland so verbreitet wie Skat in Deutschland«, wie uns einmal ein holländischer Leser aus Bad Nauheim schrieb, und zu den offiziellen Bridge-Weltmeistern gehörte auch einer wie der große ägyptische Schauspieler Omar Sharif. Bridge ist also eine ernsthafte Sache, Betrug gilt aber eher als witzige Schummelei, wie jetzt der Fall eines deutschen Duos zeigt, dass sich bei der WM 2013 in Bali durch Husten und Gesten verständigt haben soll und lebenslang gesperrt wurde. Der Fall ist derzeit sogar vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf anhängig. Die Verdächtigen bestreiten Manipulation, sie hätten nur wegen des Klimas auf Bali ständig husten müssen. Dr. Erika Fuchs, deutsche geistige Mutter von Donald Duck, würde in ihrer grammatisch als Erikativ bekannten Art kommentieren: »Hust, Lach, Kotz, Würg!«

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Ob großer Sport oder kleiner, strafbarer Betrug oder »nur« Schummelei: Wer sich freuen kann über olympische Gold- oder breitensportliche Finisher-Medaille, der ist ein armer Wicht.

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Hoch über allen Wichten dieser Sportwelt, viel höher als seine 2,13 Meter Lebendgröße, thront einer wie der unvergleichliche Dirk Nowitzki. Nach der zehnten Niederlage im elften Spiel seiner Mavericks will er sich und seinen Mitspielern Mut machen: »Es ist zu früh , um schon aufzugeben.« Ein dreifach verräterischer Satz. Wem es »zu« »früh« ist, um »schon« aufzugeben, der hat schon ein bisschen aufgegeben. Meine Losung der Woche, gerne auch für Dirk & Co.: Weder zu, noch früh, noch schon, noch überhaupt aufgeben, sondern: Als weider! (gw)

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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« / Mail: gw@anstoss-gw.de)

Auch im bislang verrücktesten Spiel der Bundesliga-Saison haben die Remis-Könige des VfL Wolfsburg ihren Ruf bestätigt. Trotz zweimaliger Führung mussten sich die Niedersachsen am Sonntag mit einem 3:3 (2:1) gegen Hertha BSC begnügen.

Das schnellste Tor der Saison durch den Berliner Vedad Ibisevic nach 20 Sekunden, zwei aberkannte VfL-Treffer nach Videobeweis und ein verschossener Foulelfmeter durch Mario Gomez schienen die Wolfsburger nicht zu beeindrucken. Yunus Malli (41.) und Gomez (44.) drehten die Partie noch vor der Pause. Herthas Karim Rekik (53.) glich zwar aus, doch Divock Origi traf erneut für Wolfsburg (60.) zur Führung. Der eingewechselte Davie Selke (84.) zerstörte dann die Hoffnung der Wölfe auf den ersten Heimsieg.

Die Partie begann furios: Valentino Lazaro passte steil auf BSC-Kapitän Ibisevic, der nach 20,6 Sekunden verwandelte. In der fünften Minute nahm Schiedsrichter Kampa ein Gomez-Tor nach Rücksprache mit dem Video-Assistenten Jochen Drees zurück. 15 Minuten später drosch der 32 Jahre alte Angreifer einen Foulelfmeter an die Latte. Pfiffe und »Schieber«-Rufe gegen Kampa gab es nach dem zweiten aberkannten Tor, doch erneut lag er richtig.

Noch vor der Pause durften Malli und Gomez dann aber doch jubeln: Erst köpfte Malli nach Flanke von Origi ein, dann schoss Gomez nach Didavi-Pass ins Berliner Tor. Zwei Standard-Situationen brachten die nächsten Tore: Der niederländische Abwehrspieler Rekik traf nach einem Freistoß. Origi war nach einer Ecke erfolgreich. Der eingewechselte Berliner Selke wurden dann mit seinem späten Ausgleich zum Wolfsburger Stimmungskiller.

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