15. Juli 2018, 22:11 Uhr

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Erstmals seit Steffi Graf vor 22 Jahren hat Deutschland wieder eine Wimbledon-Siegerin. Angelique Kerber hat sich den Traum ihrer Kindheit erfüllt. Auch ihr großes Vorbild gratuliert aus der Ferne.
15. Juli 2018, 22:11 Uhr

Das Sommermärchen für Deutschland schreibt dieses Mal Angelique Kerber. An dem Wochenende, an dem die deutsche Sportszene mit der Fußball-Nationalelf über den WM-Titel jubeln wollte, verewigt sich die 30 Jahre alte Kielerin in der Tennisgeschichte und gewinnt Wimbledon. Als erste Deutsche seit Steffi Graf 1996, als erst dritte Deutsche überhaupt. »Ich kann jetzt immer sagen, dass ich Wimbledon-Champion bin«, sagt Kerber nach ihrem Coup über Serena Williams. Am Sonntag freute sie sich besonders auf das Champions Dinner am Abend, das sie bisher nur vom Fernsehen kannte. »Ich habe bestimmt 50 Kleider anprobiert«, schildert sie ihre knifflige Mode-Anprobe. Am Ende habe sie sich für ein Kleid, »ganz elegant und ganz schlicht«, entschieden. »Das ist Wimbledon für mich.«

Erstmals ohne Sportklamotten, sondern in einem luftigen Sommerkleid erscheint sie auf der Tennis-Anlage an der Church Road – nach einem gemeinsamen Essen am Abend mit ihrer Mutter Beata und ihrem Team und einem Bar-Besuch bis »so vier halb fünf«.

Sie fühle sich komplett anders. »Ich fühle mich, als ob alles von mir abfällt«, sagt Kerber. »Ich glaube, ich brauche noch einige Tage, bis ich das wirklich realisiere, dass ich Wimbledon gewonnen habe.« Am Montag fliegt sie zurück nach Polen.

Rund 200 Nachrichten sind nach ihrem Coup auf ihrem Handy eingetrudelt, eine auch von ihrem Vorbild Steffi Graf. »Sie hat mir gratuliert, sie hat mir geschrieben, dass sie das verfolgt hat, dass sie sich mit mir freut, dass ich das genießen soll und dass ich das verdient habe«, sagt Kerber. »Es ist immer schön, wenn ich so eine Nachricht von Steffi kriege, gerade hier in Wimbledon.« Ihr Name steht nun in einer Reihe mit Graf, Boris Becker und Michael Stich.

Mit ihrem unbändigen Willen und ihrer Leidenschaft hat sie es beim berühmtesten aller Tennis-Turniere den Kritikern gezeigt. Sie hat bewiesen, dass 2016 keine Ausnahme war, dass sie sich aus Krisen herausarbeiten kann. Vielleicht auch sich selbst bewiesen.

Wimbledon zählt mehr als alles andere. Deswegen ist dieser 14. Juli 2018 höher einzuschätzen als ihre zwei Grand-Slam-Coups zuvor. »Ich bin durch mit meinem Leben«, stammelt Kerber platt direkt nach dem Match in den Katakomben. Kanzlerin Angela Merkel freut sich über die »begeisternde Leistung« der dritten deutschen Wimbledonsiegerin nach Cilly Aussem in den 1930ern und Steffi Graf in den 1980ern und 90ern.

In großen Finals ruft die Norddeutsche ihr bestes Tennis ab. Sie spielt furchtlos, sie beherrscht Williams beim überraschend klaren 6:3, 6:3. »Weil ich schon 30 bin«, wie sie lachend antwortet, locker und gelöst wie nie zuvor in den zwei geschichtsträchtigen Wimbledon-Wochen.

Zweifel lässt sie am Samstag nicht aufkommen. Ihre Stärke ist auf einmal zurück. Kerber selbst beschreibt das vergangene Seuchenjahr mit vielen Tiefpunkten als notwendiges Übel. Selbst die Chefin im deutschen Damen-Tennis, Barbara Rittner, war 2017 skeptisch: »Ich habe schon in der zweiten Jahreshälfte gedacht, wenn sie nicht langsam was verändert, wird es eng. Dann kommt sie nicht mehr zur alten Stärke zurück«, sagt die 45-Jährige.

Williams ist eine faire Verliererin. Gnadenlos hatte Kerber es ausgenutzt, dass die 36-Jährige zehn Monate nach der Geburt ihrer Tochter noch nicht auf dem alten Level sein kann. Williams’ Weg durch ihr erst viertes Turnier seit der Pause ist imposant. »Für alle Mütter da draußen, ich habe heute für euch gespielt«, sagt die US-Amerikanerin. »Wenn ich es kann, können es die anderen Mütter auch schaffen.«

Die jetzt dreimalige Grand-Slam-Siegerin Kerber ist gereift, hat sich als Person und Persönlichkeit entwickelt. Ihre teils harsche Selbstkritik, ihr Perfektionismus und ihr Ehrgeiz sind geblieben und haben den Wimbledonsieg erst ermöglicht. Ihr Willen hat sie zum Trainerwechsel vom gewohnten Torben Beltz hin zum Belgier Wim Fissette bewegt. »Sie hasst ja nichts mehr als neue Leute um sich herum«, sagt Rittner. »Dass sie diesen Schritt gegangen ist und belohnt wurde, das gibt ihr auch was fürs Leben.«

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