06. Juli 2021, 21:39 Uhr

30 Jahre nach Stichs Wimbledonsieg

06. Juli 2021, 21:39 Uhr
Avatar_neutral
Von SID
Michael Stich(r.) und Boris Becker vor dem Wimbledon-Finale 1991. FOTO: IMAGO

Michael Stich muss grinsen, wenn er die Bilder von damals sieht. Was ihm denn als Erstes durch den Kopf schießt, wenn er an seinen Wimbledon-Sieg am 7. Juli 1991 denkt? »Dass ich eine fürchterliche Frisur hatte und die Hosen wirklich kurz und eng waren«, sagte er dem sid: »Außerdem, dass Lady Di beim Finale dabei war und dass sie sich sehr für mich gefreut hat.«

30 Jahre liegt dieser sonnige englische Sommertag nun schon zurück. Die Haare trägt Michael Stich modisch kurz, die engen Hosen von damals sind nicht nur auf dem Centre Court von Wimbledon völlig out, und Prinzessin Diana ist seit 24 Jahren tot. Und doch: Für Stich ist alles noch immer greifbar nahe: »Allein die Tatsache, dass meine Familie dabei war, ist so besonders, da es eine gemeinsame Erinnerung für das ganze Leben ist.«

Niemand hatte auch nur einen Penny auf Stich gesetzt, obwohl der zwei Tage zuvor in einem hochdramatischen Halbfinale gegen den damaligen Weltranglistenersten Stefan Edberg enorme Nervenstärke bewiesen hatte. Alles gut und schön, aber gegen Becker? In einem Wimbledon-Finale? Niemals. Die britischen Buchmacher notierten Stich mit einer Quote von 1:80 - eigentlich eine Frechheit angesichts der Spielstärke des damals 22 Jahre alten Elmshorners.

Michael Stich hatte sich erst 1988 entschieden, Tennisprofi zu werden. Da hatte er sein Abitur in der Tasche und durchaus andere berufliche Optionen, falls es denn mit der großen Karriere nicht geklappt hätte. Aber es klappte, und es ging sogar rasant bergauf: 1990 gewinnt er in Memphis sein erstes ATP-Turnier, 1991 erreicht er bei den French Open das Halbfinale und steht erstmals in den Top Ten der Welt.

Und Boris Becker, dieser schlaue Fuchs, wusste, was er von Stich zu erwarten hatte: »Man schlägt nicht einfach so die Nummer eins der Welt in einem Wimbledon-Halbfinale.« Dann verliert Becker sein erstes Aufschlagspiel, und Stich rutschen Felsbrocken vom Herzen: »Ab da war meine Nervosität mit einem Schlag verschwunden.« Gerade mal zweieinhalb Stunden sind gespielt, als Stich gegen den aufschlagenden Becker seinen ersten Matchball hat. Becker serviert zum letzten Mal, wie immer mit dieser ungeheuren Wucht. Stich bleibt unbeeindruckt, kühl bis ans Herz retourniert er den Ball mit einer geschliffen-präzisen Vorhand. Aus, vorbei. Auch der Stuhlschiedsrichter kann es nicht glauben: »Game, Set and Match Becker«, stammelt John Bryson in sein Mikrofon.

Eine der größten Rivalitäten in der deutschen Sportgeschichte nimmt ihren Lauf. Hier der hitzköpfige, hochemotionale Gefühlsmensch Becker, dort der kühle, verkopfte Intellektuelle Stich. Der schert sich angeblich nicht darum, dass Becker geliebt, er aber »nur« respektiert wird. Stich ist eloquent, redegewandt, er absolviert Interviews in Englisch ebenso fließend wie in seiner Muttersprache - und er spielt ein wunderschönes Tennis.

Stich war kein Kraftpaket, er spielte Tennis mit Köpfchen und mit diesem ganz gewissen Touch. Mit dem heutigen Powertennis kann er deshalb auch nicht allzu viel anfangen. »Generell würde ich mir wünschen, dass die Spieler wieder kreativer werden und mehr Tennis spielen als arbeiten«, sagte er. »Wirklich gerne« sieht er dem Griechen Stefanos Tsitsipas zu, »er spielt sehr variabel«.

Rückblickend empfindet Michael Stich, heute mit 52 Jahren ein erfolgreicher Geschäftsmann, seinen Wimbledon-Sieg nicht als Fluch, sondern als Segen: »Ich bin sehr dankbar, dass ich diesen Erfolg erringen durfte, und ein Teil der Tradition und Geschichte von Wimbledon bin.« Und das als 1:80-Außenseiter.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos