19. September 2012, 10:43 Uhr

Keine »Neue Mitte«, dafür ein Seniorenheim

Wöllstadt (dab). Wer hinter »Adrian Roskoni (35), Bauamtsleiter der Gemeinde Wöllstadt« und »Steffen Maar (41), Verwaltungsbeamter beim Hessischen Landesrechnungshof« steckt, davon konnten sich die Wöllstädter am Montagabend bei der Podiumsdiskussion von Wetterauer Zeitung und Frankfurter Neuen Presse ein Bild machen.
19. September 2012, 10:43 Uhr
Finanzen, Gewerbegebiet und B 3-Rückbau: David Heßler (WZ, l.) und Dennis Pfeiffer-Goldmann (FNP, r.) fragen bei den Bürgermeisterkandidaten Adrian Roskoni (2. v. l.) und Steffen Maar nach.

Gut vorbereitet waren beide Bürgermeisterkandidaten, beide hatten konkrete Ideen und jede Menge Zahlen parat. Auch Neues war zu erfahren: Das Projekt »Neue Mitte« verschwindet laut Maar in der Schublade, ein Investor hat Interesse an einem Pflegeheim bekundet, sagte Roskoni. Und die Ortsumgehung soll schon 2016 kommen.

Das Interesse der Bürger war groß, das zeigte nicht nur das voll besetzte Bürgerhaus Nieder-Wöllstadt, in dem einige Zuhörer sich mit einem Stehplatz begnügen mussten. Nach anfänglicher Zurückhaltung löcherten die Wöllstädter die beiden Aspiranten mit Fragen und hätten bestimmt noch mehr gehabt, wäre da die Zeit nicht schon überzogen gewesen. Gut informiert worden waren sie freilich schon vor der Fragerunde, hatten die Moderatoren David Heßler (WZ) und Dennis Pfeiffer-Goldmann (FNP) doch Themen ausgesucht, die die Bürger bewegen. Die Stimmung unter den rund 400 Wöllstädtern inklusive der vier Männer auf dem Podium war gut. Das lag auch am »Eisbrecher«: der Bitte an Maar und Roskoni, sie mögen sich gegenseitig vorstellen.

Wenig punkten hingegen können Politiker derzeit beim Thema kommunale Finanzen. Roskoni (parteilos, von der CDU unterstützt) hielt sich denn auch zurück, als er darauf angesprochen wurde, wo er konkret ansetzen würde, um zu sparen. »Da habe ich leider keine Antwort drauf«, betonte er die Verantwortung des Parlaments in dieser Frage. Auch Maar (parteilos, von FWG und SPD unterstützt) legte keine Sparvorschläge vor, dafür aber eine »Nicht-Liste«: Vereinsarbeit, Kinderbetreuung, Verwaltungspersonal – hier sollte nicht gekürzt werden. Er halte auch nichts davon, die Grund- und Gewerbesteuer auf Landesdurchschnitt zu erhöhen: »Das macht 60 000 bis 80 000 Euro im Jahr aus – das bringt uns nicht viel weiter.«

Die Lage sei ohnehin nicht so dramatisch wie von der FWG dargestellt, sagte Roskoni in Bezug auf den Akteneinsichtsausschuss, der wegen des erhöhten Kassenkredits eingesetzt wurde. Bürgermeister Alfons Götz (CDU) habe umsichtig gehandelt, nahm er seinen Chef in Schutz, der die Debatte am Rande stehend verfolgte. Abgesehen davon, dass SPD und FWG Gebührenerhöhungen bewusst nicht vorgenommen hätten, weil sie unpopulär seien, stehe Wöllstadt mit einer Pro-Kopf-Verschuldung von knapp 400 Euro kreisweit gut da.

Mehr Geld muss in die Gemeindekasse fließen, darin sind sich beide Männer einig. Und auch darin, wo das Geld am besten herkommen soll: Gewerbeansiedlungen sollen es richten. Auch wenn in die Erschließung neuer Gebiete erst einmal Geld gesteckt werden müsse, sagte Maar. »Wir sollten die Gelegenheit nutzen, die Zinsen sind günstig.« Es sei »absolut wichtig«, das Gewerbegebiet »Am Kalkofen« weiterzuentwickeln. Dafür sei mittelfristig eine Anbindung an die B 3a nötig – er wünsche sich hierfür einen kurzen Weg, um die Landschaft zu schonen.

Ein Anbindung hält auch Roskoni für wichtig, der den Park-and-Ride-Parkplatz erweitern will, um »Synergie-Effekte« zu nutzen. Die heute noch freien Plätze für Pendler würden bald nicht mehr reichen: Parkplätze in Frankfurt würden immer knapper, und die Anbindung der B 3/B 45 werde mit der Ortsumgehung noch attraktiver. Er hoffe hier auf Zuschüsse für den ÖPNV. Dann solle auch das Gewerbegebiet erweitert werden. Roskoni sprach sich für eine Marktanalyse aus, um zu klären, für welche Unternehmen die Gemeinde interessant sein könnte. Dies seien eher mittelständische Betriebe denn große Logistikunternehmen.

Überrascht nahmen die Zuhörer die Ankündigung von Maar auf, die Idee eines Nahversorgungszentrums zwischen beiden Ortsteilen an der geplanten Umgehungsstraße werde »schubladisiert«. Der Regionalverband hatte dem FWG-Projekt »Neue Mitte« eine Absage erteilt, weil es mit dem Flächennutzungsplan nicht vereinbar sei. Er halte die Idee zwar immer noch für pfiffig, sagte Maar, vielleicht könne man die Entwicklung in 20 Jahren noch einmal überdenken. Einstweilen sollte man aber versuchen, andere Geschäfte anzusiedeln, wenn die Ortsumgehung gebaut werde. So könne denn auch der innerörtliche Lebensraum attraktiv gestaltet werden. Eine Eisdiele, ein Bauernmarkt, Spezialitätengeschäfte stelle er sich vor.

Eine »Neue Mitte« sei auch in fünf bis zehn Jahren nicht möglich, sagte Roskoni. Er wolle sich darauf konzentrieren, die Ortskerne lebendig zu gestalten und freie Flächen zu nutzen. Etwa eine alte Hofreite, in der ein Eiscafé, ein Naturkostladen, ein Bauernmarkt, medizinische Betreuung und ein Seniorentreff unterkommen könnten. Letzteren wünsche er sich als Anlaufstelle für Senioren, die sich engagieren und zugleich soziale Kontakte pflegen wollen. Dafür sei kein Seniorentreff nötig, meinte Maar. Das Ehrenamt könne über die Gemeindeverwaltung zusammengeführt werden. Roskoni konterte: »Dafür hat die Verwaltung wenig Kapazitäten frei.«

Einigkeit herrschte beim Thema Wohnen im Alter: Es sei wichtig, seinen Lebensabend an seinem Wohnort verbringen zu können. Dafür sorge zum einen die mobile Betreuung mit Rosbach und Niddatal. Zum anderen sei der Bedarf für ein Pflegeheim gegeben. Neuigkeiten hierzu hatte Roskoni mitgebracht: Der Investor des Heims in Niddatal habe Interesse bekundet, eine Art Filiale mit 40 Pflegeplätzen und 20 Plätzen Betreutem Wohnen in Wöllstadt aufzubauen. »Ich wäre sofort dafür«, befürwortete auch Maar weitere Gespräche mit dem Investor. Orientiert am Bedarf solle ebenfalls die Kinderbetreuung ausgebaut werden, sagten Maar und Roskoni übereinstimmend, was eine Verlängerung der Öffnungszeiten miteinbeziehe.

Um das Thema Verkehrsberuhigung drehten sich viele Fragen der Bürger. Was solle in der Übergangszeit geschehen, bis die Umgehungsstraße gebaut sei, wollte Peter Dangelmaier, Vorsitzender der BI »Ortsumgehung Wöllstadt – Jetzt« wissen. Denn bis dahin würden noch »zig Jahre« vergehen.

Die Ortsumgehung solle schneller kommen als geplant, berichtete Roskoni. Sie stehe bei Hessen-Mobil schon 2016 auf dem Plan. Zur Frage des Bürgers: Er könne sich einen Fahrbahnteiler vor Ober-Wöllstadt Richtung Friedberg vorstellen, um den Verkehr zu verlangsamen. Maar bezeichnete 2016 als »optimistisch«, er wolle keine falschen Hoffnungen wecken. Die Gemeinde solle »in absehbarer Zeit« tätig werden und Verkehrskontrollen durchführen.

Auf den Rückbau der alten B 3 angesprochen, erteilte Maar etwaigen Kreiseln, Parkbuchten und »teuren Bäumen« eine Absage. Statt eines »Luxusrückbaus« mit hohen Folgekosten wünsche er sich ein Radwegekonzept und einen Ausbau der Fußwege, damit diese künftig auch mit einem Kinderwagen genutzt werden könnten.

Roskoni will die Kanal- und Wasserinfrastruktur beim Wiederherstellen der Fahrbahn mit erneuert. Auch die Bushaltestellen sollten dann saniert und barrierefrei gestaltet werden. Bänke, umrahmt von Bäumen, sehe er vor sich, auf denen man entspannt sitzen könne, ohne Gefahr zu laufen, »die Füße abgefahren zu bekommen«.

Schmeichelnde Worte bekamen die Wöllstädter zum Schluss des informativen Abends zu hören, als die Kandidaten sagen sollten, was sie an der Gemeinde mögen. Maar: »Ein sympathisches Dorf mit sympathischen Menschen. Etwas Besseres kann ich mir nicht vorstellen.« Roskoni: »Ich bin hier verwurzelt, liebe die Menschen und setze mich gerne für sie ein.«



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