09. Februar 2009, 17:40 Uhr

Autor der schwebenden Heiterkeit

Wöllstadt. Je älter man wird, desto wunderlicher wird man, hat Otto A. Böhmer einmal in einem Essay geschrieben. Und mit der ihm eigenen Ironie hinzugefügt: »Das ist im Prinzip nicht schlecht; irgendwas muss man ja werden.« Am Dienstag wurde der Schriftsteller, Philosoph, Filmemacher und Literaturkritiker 60 Jahre alt.
09. Februar 2009, 17:40 Uhr
Nietzsche im Bücherregal, Schopenhauer im Sinn: Der Schriftsteller und Philosoph Otto A. Böhmer feierte runden Geburtstag. (Foto: jw)

Wöllstadt. Je älter man wird, desto wunderlicher wird man, hat Otto A. Böhmer einmal in einem Essay geschrieben. Und mit der ihm eigenen Ironie hinzugefügt: »Das ist im Prinzip nicht schlecht; irgendwas muss man ja werden.« Am Dienstag wurde der Schriftsteller, Philosoph, Filmemacher und Literaturkritiker 60 Jahre alt. Kein Grund, noch wunderlicher zu werden, zumal er die Verschrobenheiten (auch des Alters), die Kauzigkeit und die allen Menschen früher oder später begegnenden Serien an Pleiten, Pech und Pannen vornehmlich seinen Romanfiguren untergeschoben hat – mit schwebender Heiterkeit und einer leicht abgemilderten Bosheit im Ton. Böhmers »anspruchsvolle Verlierer«, wie es die Kollegin Brigitta Kronauer einmal formuliert hat, zählen zu den wunderlichsten Gestalten der deutschen Literatur, und es gibt guten Grund zur Hoffnung, dass demnächst weitere von Selbstzweifeln gemarterte, aber stets Momente der Hellsichtigkeit bewahrende Figuren aus dem Hause Böhmer das literarische Leben bevölkern werden.

»Es kann eigentlich nur besser werden«, sagt Böhmer beim Blick aus dem Fenster seines kleinen Reihenhauses in Nieder-Wöllstadt. Dort wohnt der Wetterauer Kulturpreisträger des Jahres 2007 seit vielen Jahren mit seiner Frau Christel und Tochter Mareike. Draußen schneit’s, es ist kalt, doch der Blick in die nahe Zukunft ist ungetrübt. »Die 60 ist für mich wie ein rettendes Eiland«, sagt Böhmer und erzählt von Selbstzweifeln, die er mit »kaum noch zu beschwichtigenden Zahnschmerzen« vergleicht.

Nein, im 59. Lebensjahr sei nicht alles glatt gelaufen. Einige literarische Projekte blieben auf der Strecke, er habe eine Zeit lang vor sich hingebrummelt. Etwa als er das populär-philosophische Buch »Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?« von Richard David Precht las. »Ein tolles Buch, gut geschrieben, eine glänzende Tour durch unser zeitgenössisches Wissen.« Ärgerlich nur, dass er selbst vor einigen Jahren einem Verlag einen ähnlichen Titel vorschlug und eine Ablehnung bekam.

Ein Buch übers Älterwerden

Macht aber nichts, sagt Böhmer, denn schließlich habe er noch jede Menge andere Pläne in der Schublade. Ein Buch übers Alter würde er gerne schreiben. »Ich erfülle ja jetzt die Mindestvoraussetzungen.« Seinem Helden würde er eine Hasstirade über das Älterwerden in den Mund legen, diese »größte Ungerechtigkeit des Lebens«, die auch Erbauungsschriften à la Frank Schirrmacher (»Das Methusalem-Komplott«) nicht wegreden könnten. Gerade arbeitet Böhmer an einem »Büchlein« über den Philosophen Arthur Schopenhauer. Aus dessen Schriften könne man »so viel Lebensweisheiten beziehen, dass man locker durchs Leben kommt«. Und ein weiteres Buch hat er in der Mache: »Rauchernovelle« lautet der Arbeitstitel, es ist die Geschichte des gescheiterten Sachbuchautors Ivo Murcks, der bei der Suche nach eigenen Stärken nichts findet, sich daher das Leben der anderen vorknöpft und eine Biographie nach der anderen raushaut.

Mit Biographien über Nietzsche, Heine, Goethe, Schiller, Eichendorff sowie mit seinen »kleinen Geschichten von großen Denkern« hat sich Böhmer einen Namen gemacht. Seine »Sternstunden der Philosophie« erlebten mehrere Auflagen und zahlreiche Nachahmer. Für die »Sternstunden der Literatur« schreibt er gerade 13 neue Kapitel, die dann in einer erweiterten Fassung erscheinen sollen. Die Kurzbiographien, die meist auf handlichen 150, 160 Seiten »kurzweilig und unkompliziert« (»Augsburger Allgemeine«) die Lebensstationen von Dichtern und Denkern nachzeichnen, erfreuen sich einer wachsenden Fangemeinde. Anerkennung seitens der Kritik erfuhren auch der in der angesehenen »Anderen Bibliothek« veröffentlichte Nietzsche-Roman »Der Hammer des Herrn« und zuletzt der ungemein komische Roman »Wenn die Eintracht spielt« – die Geschichte eines introvertierten Fußballfans, der neben seiner Leidenschaft für die Eintracht Frankfurt (was er mit dem Autor gemein hat) vor allem seine Macken pflegt.

Mehr als 20 Romane, Lyrik- und Essaybände hat der am 10. Februar 1949 in Rothenburg ob der Tauber geborene Böhmer veröffentlicht, dazu kommt sein Wirken als Herausgeber, Übersetzer, Hörspielautor und Filmemacher. Aufgewachsen ist Böhmer in Warendorf im Münsterland. Nach dem Studium von Philosophie, Politologie, Soziologie und Literaturwissenschaft in Münster und Freiburg folgte die Promotion zum Dr. phil. mit einer Dissertation über den Philosophen Johann Gottlieb Fichte. Von 1977 bis 1986 arbeitete Böhmer als Lektor, zuerst im Athenäum Verlag, dann bei F. A. Brockhaus und schließlich im Suhrkamp und Insel Verlag in Frankfurt.

Vorliebe für alte Haudegen

Seinen 60. Geburtstag feiert Böhmer heute mit der Familie und Freunden. »Wir haben keine Einladungen verschickt. Wer kommt, der kommt, ich lasse mich überraschen.« Spezielle Geschenkwünsche hat er keine. Seine Frau hat er zuletzt mit Karten für ein Konzert der in den Sechzigerjahren gegründeten Rockband The Moody Blues bedacht. »Ein listiges Geschenk«, räumt Böhmer ein. Schließlich ist er selbst ein Fan der Band, mag auch die Eagles (»Die haben wir in Amsterdam gehört. «) oder John Fogerty (dessen Name er vor zehn Jahren einem seiner – natürlich verschrobenen – Romanhelden verpasste). »Das sind alte Haudegen, die noch unheimlich gut drauf sind und beweisen, dass mit dem Alter die bewunderungswürdige Leistungsfähigkeit zunehmen kann.« Ein Grund mehr, um sich auf weitere Bücher des nun 60-jährigen Otto A. Böhmer zu freuen. Jürgen Wagner

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