23. Dezember 2016, 11:43 Uhr

Ein Fest für alle Kinder?

Wetteraukreis (vpf). 24 Tage lang gibt es im Kindergarten nur ein Thema: Die Vorweihnachtszeit. Besonders in christlichen Einrichtungen spielt das Warten auf Jesu Geburt eine zentrale Rolle, wird in Geschichten, Liedern und Bildern vermittelt. Doch wie werden eigentlich Kinder anderer Glaubensrichtungen in dieser Zeit integriert? Und wie fühlen sie sich dabei?
23. Dezember 2016, 11:43 Uhr
Bei der Kita-Kirche in der Groß-Karbener Einrichtung machen alle Kinder mit, egal, welche Religion sie haben. Zum Beten wird aber keiner gezwungen. (Foto: Valerie Pfitzner)

Die WZ hat zwei Kitas in der Region besucht und sich die Situation angeschaut.

Als Erzieherin Laura den Vorhang des Erzähltheaters öffnet, kommt ein Bild von Maria und Josef zum Vorschein: »Wer weiß, worum es in unserer Geschichte geht?«, fragt sie in die Kinderrunde. »Jesus«, ruft Aylin als Erste, »es geht darum, dass Jesus geboren wird«. Die Sechsjährige ist Muslimin und besucht die katholische Kindertagesstätte St. Stefanus in Ober-Wöllstadt. Zwei Dinge, die sich nicht ausschließen müssen, wie das Mädchen beweist. Begeistert lauscht sie der Geschichte, die vom Ursprung des christlichen Weihnachtsfests handelt. Genauso ist es bei Emir, obwohl seine Familie dem Islam angehört, weiß er sofort die Antwort auf die Frage, was der Stern über der Krippe in Bethlehem symbolisiert: »Das Licht ist ein Zeichen, dass das Jesuskind geboren ist.«

Dass die beiden der Weihnachtsgeschichte lauschen, haben sie sich selbst ausgesucht. Denn in der sogenannten Funktionszeit können die Drei- bis Sechsjährigen selbst wählen, was sie machen möchten. Dass in der Zeit vor Heiligabend viele Aktionen anstehen, die mit Weihnachten zu tun haben, gehöre in einer konfessionellen Einrichtung dazu, erklärt Leiterin Pia Feuerbach-Erb; das wüssten auch die Eltern: »Jeder, der sein Kind bei uns anmeldet, weiß, dass wir religionspädagogische Arbeit machen und uns am christlichen Jahreslauf orientieren.« Nicht-christliche Eltern hätten damit keine Schwierigkeiten, ist es doch von Anfang an klar. Auch seitens der Kita sei es kein Problem, wenn Kinder anderer Konfessionen angemeldet werden: »Jeder ist bei uns willkommen, egal, welche Weltanschauung er hat.« Die Kinder werden im täglichen Kita-Leben in die christlichen Rituale einbezogen, das sei unumgänglich. Ob sie mit in die Kirche gehen dürfen, werden die Eltern aber bei der Anmeldung gefragt: »Als christliche Einrichtung leben wir unseren Glauben und unsere christlichen Werte, aber wir wollen niemanden bekehren. « Weihnachtslieder singen, Bilder von Maria und Josef malen, Adventskalender und Adventskranz basteln – das seien eben Dinge, die in einem katholischen Kindergarten dazu gehören. Die Fünfjährige Berfin findet das völlig okay, auch wenn sie all das nicht von Zuhause kennt: »Wir feiern kein Weihnachten, aber ich finde das super, dass ich in der Kita trotzdem mitfeiern kann.«

Einmal im Monat kommt Pfarrer Christian Krüger in die evangelische Kindertagesstätte in Groß-Karben, um mit allen Kindern die sogenannte Kita-Kirche zu veranstalten. Etwa 15 Minuten lang sitzen alle Kinder und Erzieher im Foyer, singen, beten und feiern. Dass da auch Kinder anderer Glaubensrichtungen dabei sind, ist für Leiterin Mandy Schrodt selbstverständlich: »Ich kann kein Kind separieren, das will ich auch nicht.«

Auch in Groß-Karben dürfen die Eltern entscheiden, ob ihre Kinder am Gottesdienst teilnehmen dürfen. An den Ritualen in der Einrichtung, etwa das Beten vor dem Essen oder eben die Kita-Kirche, nehmen aber alle Kinder teil. Warum das für beide Seiten kein Problem ist, erklärt Schrodt: »Für mich ist einer der Schwerpunkte des Christentums, andere zu respektieren und Gemeinschaft zu leben. Und ich denke, in diesem Punkt sind sich alle Religionen einig.« Bei der Kita-Kirche kurz vor Weihnachten ist das besonders gut zu sehen, alle Kinder singen gemeinsam »Herein, herein, Gott lädt uns alle ein«, manche halten sich dabei in den Armen. Nur als das »Vater Unser« gesprochen wird, sieht man, welche Kinder einer anderen Religion angehören: Anstatt mitzusprechen, sitzen sie ruhig auf ihren Plätzen. »Jeder hat die Möglichkeit, mitzumachen, aber wird auch nicht dazu gezwungen. Und wer nicht möchte, hört so lange einfach mal zu«, sagt Pfarrer Krüger. Als er die Kinder fragt, wer alles einen Adventskalender zu Hause hat, melden sich die meisten, auch muslimische Kinder sind dabei. »Ich habe einen mit Superman«, sagt der Vierjährige Berat, und Eren ruft: »Meiner ist mit Playmobil.« Einen Baum gebe es bei ihm zu Hause nicht, sagt er: »Aber wir machen trotzdem ein kleines Fest.«

Dass christliche Bräuche wie der Adventskalender, der Weihnachtsbaum oder die gefüllten Stiefel an Nikolaus bei immer mehr Familien anderer Glaubensrichtungen zu finden sind, beobachte Pfarrer Krüger in den vergangenen Jahren häufiger: »Diese Dinge sind inzwischen weit verbreitet, es gibt sie nicht mehr nur mit christlichem Bezug.« Doch trotz der gelebten Integration, trotz aller Versuche, die Kinder anderer Konfessionen einzubeziehen, gibt es auch solche, für die es schwer ist. So wie für die sechsjährige Khadija: »Ich find’s komisch, dass ich die Geschichten nicht von zu Hause kenne. Außerdem bekommen alle in meiner Gruppe Geschenke, außer ich, und das finde ich doof.«

Am Ende sei es die Sache der Eltern, wie sie ihre Kinder erziehen möchten, sagt Mandy Schrodt. Alles, was sie im Kindergarten tun könnten, sei, den Kindern zu zeigen, dass keine Sichtweise falsch ist: »Wir vermitteln den Kindern, dass es viele Religionen gibt. Und dass man jede respektieren muss.«

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