17. März 2009, 21:02 Uhr

»Es geht doch bei allem nur ums Geld«

Wölfersheim (en). Seit Oktober gibt es in der Södeler Straße das Tattoo-Studio »Old Brothers Inc.«, in dem Patrick Wolf jeden nach seinen Wünschen verziert. Auch wenn sich hier die rechte Szene die Klinke in die Hand geben soll - zum Problem wird das »Old Brothers« erst durch den Online-Shop, für den Wolf auf seiner - ansonsten absolut seriös aufgemachten - Tattoo-Homepage wirbt. Denn auf diese T-Shirts sind Bilder, Embleme und Sprüche aufgedruckt, die Bürgermeister Rouven Kötter »moralisch höchst verwerflich« nennt und die Gießener Antifa »eindeutig menschenverachtend«. Wolf selbst sieht das alles eher gelassen, sich selbst politisch »relativ neutral« - und überhaupt »geht doch alles nur ums Geld«.
17. März 2009, 21:02 Uhr

Wölfersheim (en). Seit Oktober gibt es in der Södeler Straße das Tattoo-Studio »Old Brothers Inc.«, in dem Patrick Wolf jeden nach seinen Wünschen verziert. Auch wenn sich hier die rechte Szene die Klinke in die Hand geben soll - zum Problem wird das »Old Brothers« erst durch den Online-Shop, für den Wolf auf seiner - ansonsten absolut seriös aufgemachten - Tattoo-Homepage wirbt. Denn auf diese T-Shirts sind Bilder, Embleme und Sprüche aufgedruckt, die Bürgermeister Rouven Kötter »moralisch höchst verwerflich« nennt und die Gießener Antifa »eindeutig menschenverachtend«. Wolf selbst sieht das alles eher gelassen, sich selbst politisch »relativ neutral« - und überhaupt »geht doch alles nur ums Geld«.

Ein »stadtbekannter Neonazi« führe das Studio, schreibt die Antifa. In Wölfersheim kennt Wolf freilich so gut wie niemand. Er stammt aus Florstadt, zog dann mit den Eltern nach Dieburg und hat vor einiger Zeit in Echzell einen alten Bauernhof gekauft. In Wölfersheim ist er nur zum Geldverdienen. Linke wie Rechte kommen nach seinen Worten ins Tattoo-Studio, mehr jedoch freilich aus der nationalen Szene, räumt er freimütig ein.

Aber mit denen von Linksaußen kann Wolf angeblich auch, mit dem einen oder anderen trinkt er sogar mal ein Bier. Nur »so ein paar Spinner« wollen ihm ans Leder, einer ganz besonders, erzählt er, aber auch dem »geht’s nur ums Geld«: Er sei vom rechten ins linke Lager gewechselt und werde aus dem Aussteigerprogramm bezahlt.

Wolf: Keineswegs der oberste Rassist

Er sehe sich, so Wolf, eher als Geschäftsmann. Links sei er natürlich nicht, aber auch nicht »der oberste Rassist«. Im übrigen habe er mit dem Shop nicht viel zu tun - der T-Shirt-Produzent bezahle ihm die Studio-Homepage, im Gegenzug dürfe er darauf für seinen Shirt-Onlineshop werben. Und Wolf berichtet weiter: Der Shirt-Bedrucker arbeite keineswegs nur für Rechte - sondern auch für die Antifa. Und für jeden Fußball-Club, der seine Trikots bedruckt haben möchte. Also für jeden, wenn die Kasse stimmt.

Für die offenbar geradezu freundlichen Kontakte klingt die Erklärung der Antifa freilich eher unfreundlich: »Die Aufdrucke variieren zwischen rassistischen, homophoben und antisemitischen Motiven.« So werde zur Flugzeugentführung und dem Selbstmordattentat gegen die angeblich von den Juden gesteuerten USA aufgerufen - das Rückenmotiv zeigt das brennende World Trade Center und den Schriftzug: »Take a flight to the World Trade's - To visit the J..nited States«. Die Antifa: »Hier wird zur Wiederholung eines antisemitischen Massenmordes nach der Art der Anschläge des 11. September aufgerufen.«

Vertreten sind auf den Shirts auch die ultrarechten Organisationen »Combat 18« sowie »Blood and Honour«, außerdem würden Symbole und Embleme der Waffen-SS und der Wehrmacht in nur leicht veränderter Form auf zwei T-Shirts angeboten. Auch der Skinhead-Band »Platoon 14« sei ein T-Shirt gewidmet.

Antifa: Ohne Zweifel aus der Neonaziszene

Die Betreiber von Tattoo-Studio und Kleider-Shop seien ohne Zweifel der Neonaziszene zuzuordnen, fasst die Antifa zusammen. Die angebotenen T-Shirts seien »schlimmste Beispiele einer dumpfen Einstellung, die sich auf einen jede Vernunft verhöhnenden Rassenwahn begründen«.

Antifa-Pressesprecherin Marlene Elser weiter: »Dass diese Propaganda durch die Verquickung des Online-Shops mit dem Tattooladen eine breitere Schicht an potenziellen Käufern erreicht, ist offensichtlich Teil einer Strategie, die darauf abzielt, unter dem Deckmantel eines scheinbar unbedenklichen Tattoo-Studios neonazistische Accessoires unter die Leute zu bringen.« Das Studio sei Anlaufpunkt für Neonazis aus der Region, aber auch ein Ort, an dem junge Leute an die Szene herangeführt würden.

Welche Bedrohung von einem solchen Laden ausgehe, so Elser, habe man schon bald nach der Eröffnung auf der Homepage des Shops lesen können: Ein engagierter Gegner des Ladens sei mit Namen und Bild offen zur Schau gestellt worden, verbunden mit der »vieldeutigen Ankündigung«: »Für kleinere Anpisserreien gibt’s ab sofort einen 20-Euro-Gutschein.« Das müsse als Aufruf zur Gewalt verstanden werden.

Die Antifa fordert die sofortige Kündigung des Tattoo-Studios durch den Vermieter.

Dass das leichter gesagt ist als getan, hat Bürgermeister Kötter von einem Fachmann gehört. Mitte Oktober habe man von dem Studio und den Hintergründen erfahren und sofort Kontakt mit dem Vermieter aufgenommen, auch die politischen Gremien der Gemeinde und die Kriminalpolizei seien unverzüglich informiert worden, Gerichtsurteile aus ganz Deutschland zu rechtsradikalen Läden habe man sich auch besorgt.

Der Vermieter sei ahnungslos gewesen und habe sofort volle Unterstützung signalisiert, doch habe auch sein Anwalt wenig Erfolgschancen gesehen für Versuche, eine fristlose oder zumindest vorzeitige Kündigung des Mietverhältnisses zu erreichen. Doch habe der Vermieter zugesagt, den am 1. Oktober auslaufenden Vertrag nicht mehr zu verlängern.

Davon hat Pächter Wolf auch schon gehört, »aber nichts Konkretes«. Bange ist ihm sowieso nicht vor einem solchen Schritt: »Hier gibt es so viele leer stehende Läden.«

Kötter: Mit allen Rechtsmitteln dagegen

Auch dort wird ihn Rouven Kötter allerdings mit allen juristischen Mitteln zu entfernen versuchen. Darauf macht der junge Sozialdemokrat im Rathaus kein Hehl: »In Wölfersheim ist kein Platz für Intoleranz.« Die »eindeutig rechtsextremen und schwulenfeindlichen Botschaften« seien einfach nur geschmacklos.

Während er zu der Überzeugung gelangt sei, dass der Mietvertrag durch arglistige Täuschung zustande gekommen und somit rechtlich anfechtbar sei, habe der Anwalt des Vermieters die Sachlage ebenfalls analysiert und sei zu einem anderen Ergebnis gekommen.

»Hinter den Kulissen« habe er daran gearbeitet, dass der Mietvertrag schnellstmöglich aufgelöst und damit ein klares Signal gesetzt werde: »Die Zeiten des braunen Nestes Wölfersheim sind vorbei.« Versuche externer Rechtsradikaler, in Wölfersheim Fuß zu fassen, werde man mit allen rechtlichen Mitteln bekämpfen. Vermieter fordert Kötter zu »großer Vorsicht und Wachsamkeit« auf.

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