21. Dezember 2011, 13:23 Uhr

Sragjana Gashi: Fremd im eigenen Land

Gedern (ini). Sragjana Gashi ist eine selbstbewusste junge Frau, modisch gekleidet, fröhlich, mit Interessen wie viele andere 19-Jährige. Und doch sagt sie: »Ich fühle mich als Mensch zweiter Klasse. Ich habe keinen Ausweis, kann keinen Führerschein machen« Der gebürtigen Kosovarin droht die Abschiebung.
21. Dezember 2011, 13:23 Uhr
Trotz der vielen Probleme schaut Sragjana Gashi optimistisch in die Zukunft. (Foto: ini)

Der ehemalige Minister für Post und Telekommunikation sowie Hohe Repräsentant für Bosnien und Herzegowina, Prof. Dr. Christian Schwarz-Schilling, will der jungen Frau helfen.

Seit ihrem fünften Lebensjahr lebt Gashi in Deutschland, sie floh mit ihren Eltern und Geschwistern vor dem Krieg im Kosovo. Ihre Heimat kennt die junge Roma nicht, sie spricht perfekt Deutsch. Vergangenes Jahr verließ sie die Berufsschule in Nidda mit dem qualifizierten Abschluss. »Ich hatte dieses Jahr mehrere Bewerbungsgespräche, und alle hätten mich genommen«, berichtet Gashi stolz. Doch ohne Ausweis kein Ausbildungsplatz. Immerhin hat die junge Frau nach Überwindung vieler bürokratischer Hindernisse seit September eine Arbeitsstelle, sie verdient sich ihren Lebensunterhalt selbst.

Prof. Schwarz-Schilling setzt sich für ein Bleiberecht für die junge Frau ein. Eigentlich müsste das nach einer Gesetzesänderung des Aufenthaltsrechtes im Sommer 2011 recht unproblematisch sein. Einem gut integrierten Jugendlichen oder Heranwachsenden kann, so der Gesetzestext, eine Aufenthaltserlaubnis erteilt werden, »wenn er sich seit sechs Jahren ununterbrochen erlaubt, geduldet oder mit einer Aufenthaltsgestattung im Bundesgebiet aufhält, er sechs Jahre erfolgreich im Bundesgebiet eine Schule besucht oder in Deutschland einen anerkannten Schul- oder Berufsabschluss erworben hat«. Das trifft auf Gashi zu, betont auch Petra Schnelzer vom Wetteraukreis.

»Es fehlt der Wille, den Menschen zu helfen«

Was der 19-Jährigen fehlt, sind Papiere aus dem Kosovo, die ihre Identität belegen: Geburtsurkunde, Staatsbürgerschaftsurkunde, Meldebescheinigung. Mit diesen Papieren kann sie beim kosovarischen Konsulat einen Pass beantragen – und dann auch die deutschen Papiere. Doch so einfach, wie es nach einem Schreiben der Ausländerbehörde des Wetteraukreises klingt, ist es nicht. Verwandte im Kosovo gibt es nicht, und selbst will die junge Frau nicht dorthin reisen, nicht, nachdem sie im Frühjahr schon abgeschoben werden sollte. »Sonst werde ich nicht mehr in Deutschland reingelassen«, sagt Gashi.

»Das muss Frau Gashi dem Wetteraukreis mitteilen«, entgegnet Petra Schnelzer. »Sie hat keine Gründe genannt, warum sie die Papiere nicht besorgen kann.« Die 19-Jährige stelle sich sozusagen tot, reagiere nicht. Wenn sie triftige Gründe nennen würde, warum sie die Papiere nicht vorzeigen könne, werde das auch dementsprechend geprüft. »Das ist aber nicht geschehen.«

Schwarz-Schilling weiß um die Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Papieren in den Balkanstaaten. »Die Behörden hier kennen die wirklichen Verhältnisse dort nicht und verlangen Dinge, die nicht erfüllt werden können.« Die starre Haltung der Ausländerbehörde ärgert den Christdemokraten: »Der Ermessensspielraum ist viel größer, als die Behörden angeben. Es fehlt der Wille, den Menschen im Rahmen der Gesetze zu helfen.« Das Ausländeramt des Wetteraukreises steht bei Menschen und Institutionen, die mit Migranten zu tun haben, in dem Ruf, im Gegensatz zu den Behörden anderer Kreise und Städte sehr rigide und starr zu verfahren, seinen Ermessensspielraum eher nicht zugunsten der Betroffenen auszulegen.

Auch von der Politik zeigt sich Schwarz-Schilling in dieser Angelegenheit enttäuscht. Weder der zuständige Dezernent, im Sommer war das Ottmar Lich, noch Landrat Joachim Arnold hätten sich trotz mehrmaliger Anschreiben geäußert. »Wir reden heute von morgens bis abends von Integration. Der Fall Gashi zeigt: Integration ist keine Einbahnstraße. Sie bedarf der Bereitwilligkeit deutscher Stellen, die künftigen Mitbürger in einer Weise zu behandeln, wie es deutschen Staatsbürgern gegenüber selbstverständlich ist«, fordert Schwarz-Schilling.

»Ausländerbehörde ist Dienstleister«

Diese Haltung unterstützen die Grünen im Kreistag. »Wir müssen immer viel Druck aufbauen«, berichtet Fraktionsvorsitzende Sabine Schäfer, der die Problematik bekannt ist. Aber: »Der Kreistag ist zwar das oberste Organ, aber wir dürfen nicht in die laufende Verwaltung eingreifen«, sagt FDP-Fraktionsführer Peter Heidt. Aber: »Im Rahmen der Kreistagskoalition wollen wir eine Bewusstseinsänderung herbeiführen. Die Ausländerbehörde muss erkennen, dass sie Dienstleistungen erbringen muss. « Auch Alexander Kartmann, Fraktionsvorsitzende der CDU im Kreistag, möchte sich auf WZ-Anfrage für ein Bleiberecht von Gashi einsetzen. »Man muss mit gesundem Menschenverstand arbeiten und in Einzelfällen helfen«, sagt Kartmann, der grundsätzlich Verständnis für die Ausländerbehörde äußert. »Wenn eine Einzelfallentscheidung getroffen ist, kommt gleich der nächste und will das Gleiche.«

Die einzige Hoffnung für Sragjana Gashi, zeitnah doch noch die fehlenden Papiere zu bekommen, damit sie einen kosovarischen Pass und dann auch die deutschen Ausweispapiere beantragen kann, sind derzeit die guten Verbindungen Schwarz-Schillings in den Kosovo. Damit sich die Wünsche von Sragjana Gashi, endlich eine Ausbildung zu beginnen und ihren Führerschein zu machen, erfüllen. Und damit sie, wie sie selbst sagt, »ein ganz normales Mädchen« sein kann.

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