25. August 2009, 10:00 Uhr

»Bachschisser« und »Lappefresser«: Necknamen der Wearrera

Wetteraukreis (vol). »Wearreraaer Milchbengel«, »Nauh’mer Bachschisser«, »Fribberjer Froihsticke«, »Ockschder Koibaa(n)« oder »Ower-Mierler Besenbinner« sind »Ortsnecknamen« für Bewohner der Wetterau. Einige Begriffe hören sich derb und frivol an - doch hinter den anrüchigen Bezeichnungen verbergen sich oft interessante Erzählungen. Viele der Anekdoten, die in den »Wetterauer Geschichtsblättern« (Band 5) von mehreren Geschichtsvereinen 1956 veröffentlicht wurden, haben lange Traditionen, die sich bis in die Gegenwart halten. Einige davon seien hier beispielhaft aufgeführt:
25. August 2009, 10:00 Uhr
Die Kurstadt Bad Nauheim ist für seine Gradierbauten bekannt. Doch wer weiß schon genau, was oder wer die »Nauh’mer Salzlecker« sind? (Foto: vol)

Wetteraukreis (vol). »Wearreraaer Milchbengel«, »Nauh’mer Bachschisser«, »Fribberjer Froihsticke«, »Ockschder Koibaa(n)« oder »Ower-Mierler Besenbinner« sind »Ortsnecknamen« für Bewohner der Wetterau. Einige Begriffe hören sich derb und frivol an - doch hinter den anrüchigen Bezeichnungen verbergen sich oft interessante Erzählungen. Viele der Anekdoten, die in den »Wetterauer Geschichtsblättern« (Band 5) von mehreren Geschichtsvereinen 1956 veröffentlicht wurden, haben lange Traditionen, die sich bis in die Gegenwart halten. Einige davon seien hier beispielhaft aufgeführt:

 

»Wearreraaer Milchbengel«: Der Wetterauer Milchbengel bezeichnet den Wetterauer im Allgemeinen. Aber wieso Milchbengel? In der »Goldenen Wetterau« haben sehr viele Milchkühe auf den Wiesen der Wetterau gegrast. So wurden 1939 genau 95,3 Großvieheinheiten auf 100 Hektar gezählt. Zum Beispiel in Ostheim oder Reichelsheim hat man die Milch der Kühe in Molkereien und Milchverwertungsbetrieben für den Handel verarbeitet. Aber nicht nur die Wetterauer Milch war in den Städten gefragt, sondern auch der Käse. Unzählige Familienbetriebe haben vor der Industrialisierung der Nahrungsmittelproduktion Käse zubereitet, der in den Städten heißbegehrt war.

Im übertragenen Sinn meint Bengel einen »Rohling oder ungehobelten Gesellen«. Das heißt, die Wetterauer waren als grobe Burschen bekannt. Schon Schriftsteller Johann Balthasar Schuppius (1635-1646) erzählte von »rauhbeinigen« Kommilitonen aus der Wetterau während seines Studiums an der Universität Marburg. »Die haben mir den Anfang des akademischen Studiums sauer gemacht.«

»Nauh’mer Bachschisser« oder »Nauh’mer Usschisser«: Den Namen des »Bachschissers« oder »Usschissers« verdanken die Nauheimer ihrem früheren Abwassersystem. Jahrzentelang wurden die Abwässer in die Usa geleitet. Die ständig eingeleitete Brühe machte dem Fluss so sehr zu schaffen, dass er verseucht wurde. So musste die Friedberger Badeanstalt in der Nähe des Gasthofs »Zum kühlen Grund« schließlich von der Gesundheitsbehörde geschlossen werden. Mit dem späteren Bau eine Kläranlage wurde die Usa wieder sauber, doch die Bezeichnungen für die Nauheimer haben sich gehalten.

»Nauh’mer Salzlecker«: Die »Salzlecker« sind nur noch Alteingessessenen bekannt. In den Zeiten des Söderdorfs, das durch die Salzgewinnung und den Salzhandel in Deutschland, aber auch im Ausland bekannt war, haben die »Salzlecker« ihren Ursprung. Die Gradierwerke - teils Leckwerke, teils Tröpfelwerke - entstanden. Die Werke nutzten Sonne und Luft für die Salzgewinnung. Leckwerke, die in den »Necknamen« eingeflossen sind, spielten damals bei der Salzproduktion eine wichtige Rolle.

»Nauh’mer Froistecker, Frihsticker oder Schoppebleeser«: Dieser »Utzname« geht auf den Aufschwung des Handwerks durch den Kurbad-Status nach der Verleihung der Stadtrechte und die wirtschaftliche Hochkonjunktur 1870/71 zurück. Das benachbarte Nieder-Mörlen trug einen Teil zum »Necknamen« bei - auch die dortigen Gaststätten profitierten von den Besuchern im Kurort, die die Hausmacherwurst und selbst gekelterten Apfelwein genossen.

»Nieder-Mierler Koihbaa(n)«: Dieser »Neckname« soll auf die unzähligen Gespanntiere, die in Nieder-Mörlen im Einsatz waren, verweisen. Wahrscheinlich sollte dadurch eine Langsamkeit in den Bewegungen der Tiere und Menschen veranschaulicht werden.

»Fribberjer Froihsticker«: Zusammen mit der Kurstadt teilt auch Friedberg diesen »Necknamen«. Er entstand zu einer Zeit, in der das Handwerk hohen Profit erzielen konnte. Besonders die Handwerksmeister, die in den Pausen die Gaststätten mit Metzgereien aufsuchten, erfreuten sich an den Rippchen mit Kraut oder einer Portion warmer Fleischwurst mit Apfelwein.

»Winkelschisser«: Der Winkelschisser deutet auf die engen und verwinkelten Nebengassen in Friedberg hin.

»Ockschder Koihbaa(n)«: In zurückliegenden Jahrzehnten haben die Ockstädter Fahrkühe eingespannt, die einen doppelten Nutzen haben sollten - als Transportmittel und Milcherzeuger. Oft transportierten diese die »Ockschder Knodde«: die Ockstädter Kirschen.

»Die Woarschtjäger« aus Nieder-Florstadt: Wenn die Wurst knapp wurde oder in den umliegenden Gemeinden keine Metzgereien ansässig waren, fuhren damals viele Dorfmetzger von Nieder-Florstadt aus in die umliegenden Gemeinden, um die hungrigen Bürger zu versorgen.

»Ower-Mierler Besenbinner«: In diesem »Necknamen« drückt sich die Faschingstradition des als Karnevalshochburg bekannte Ober-Mörlens aus: Im Fastnachtsumzug wurde immer ein »Besenbinderwagen« mitgeführt.

»Ower-Mirler Lappefresser«: Hinter dem Lappen steckt eine lang gestreckte Ackerparzelle. Der Fresser rührt daher, dass der Ober-Mörler als gierig verschrien war, wenn es um den Erwerb solcher Geländestreifen ging.

»Die Raachelsemer Manschettebauern«: Die Manschette als vornehmer Ärmelabschluss wurde an modischer Herrenbekleidung angebracht. Die Reichelsheimer Bauern aber befestigten sie an ihrem Arbeitsrock. Der Kosename prangerte die Vornehmtuerei der Reichelsheimer an, die von den Nachbardörfern registriert wurde.

»Die Weißkrautköpp« aus Nieder-Rosbach: Die Nieder-Rosbacher bauten vermehrt Weißkraut an, um im Winter genug Vorrat zu haben.

»Die Rosbächer Woarschthäut«: Früher war es schwer, vom Land in die Stadt zu kommen. Es gab kein Fahrrad und auch keine Bahn. Aus diesem Grund mussten sich die auf dem Land lebenden Leute zu Fuß auf den Weg machen. Die Stärkung für unterwegs war die mitgenommene »Flaaschwoarscht«. Die Wursthaut, soweit nicht mitverzehrt, flog auf den Fußweg, sodass der Weg zwischen Friedberg und Ober-Rosbach nicht selten mit ein paar Pellen bedeckt war.

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