27. September 2015, 17:13 Uhr

Fragt uns, wir sind die Letzten: Zeitzeuginnen erzählen

Wetteraukreis (lk). Fünf Frauen, fünf Schicksale, eine Gemeinsamkeit: Sie wurden Opfer der Nationalsozialisten. Alle fünf überlebten. Nun berichten sie Wetterauer Schülern von ihren Erlebnissen. »Fragt uns, wir sind die Letzten«, sind die Treffen überschrieben. Der tiefe Wunsch der Frauen: Die Geschichte soll sich niemals wiederholen.
27. September 2015, 17:13 Uhr
Das Konzentrationslager Auschwitz war eines von Hunderten Arbeits- und Vernichtungslagern des NS-Regimes. Millionen Menschen wurden dort ermordet. Einige überlebten den Terror der Nationalsozialisten. (Foto: DPA Deutsche Presseagentur)

Bevor sie erzählen, entschuldigen sich die Frauen bei den Schülern. Für das, was folgt. Für Lebensgeschichten, die von schrecklichen Erlebnissen und vom Überleben handeln. Barbara Kruczkowska, Alodia Witaszek-Napierala, Wieslawa Borysiewicz, Dominika Adamczewska und Józefa Posch-Kotyrba sind Opfer der Nationalsozialisten. Die fünf Frauen waren Kinder, als sie in Konzentrations- und Untersuchungslager kamen oder ihren Familien entrissen wurden. Jetzt haben die Polinnen im Alter von 75 bis 86 Jahren Wetterauer Schülern von ihrem Schicksal berichtet.

Wieslawa Borysiewicz war 15 Jahre alt, als sie während des Warschauer Aufstands, an dem sie nicht teilgenommen hatte, im August 1944 verhaftet wurde. Mit ihren Eltern und den beiden Geschwistern kam sie ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Die Familie wurde getrennt, Wieslawa blieb bei ihrer Mutter. Mit der Evakuierung des Lagers war die nächste Station Berlin, zunächst ein Außenlager des Konzentrationslagers Sachsenhausen. Kurz darauf ging es weiter nach Leipzig, wo ihre Mutter in einem Rüstungsbetrieb arbeiten musste. Wenig später kamen die beiden Frauen wieder nach Berlin. Dort erlebten sie das Kriegsende.

Alodia wird Alice

Alodia Witaszek-Napieralas Geschichte ist eine andere. Ihr Vater, Arzt an der Posener Universität, war Anhänger der Widerstandsbewegung. Er wurde 1943 hingerichtet, Alodia war fünf Jahre alt. Die Nationalsozialisten deportierten ihre Mutter ins Konzentrationslager Auschwitz. Sie untersuchten Alodia und ihre vier Geschwister im sogenannten Rasseamt auf ihre Tauglichkeit zur Germanisierung. Alodia und ihre Schwester Daria wurden als »rassenützliche Kinder« eingestuft. Es folgten Aufenthalte im Jugendverwahrlager und im Gaukinderheim. Ziel: die totale Verdeutschung der polnischen Kinder. Alodia wurde ihrer neuen Mutter im April 1944 als Alice Wittke, Waisenkind aus dem ausgebombten Deutschland, vorgestellt. Sie war das einzige Kind der Adoptivfamilie, die in Stendal in Sachsen-Anhalt lebte. Die neuen Eltern liebten sie. Ihre leibliche Mutter überlebte, suchte nach ihren verschleppten Kindern. Mit Erfolg: Im September 1947 erfuhr die Adoptivmutter in Deutschland, dass Alice eigentlich Alodia heißt und ein gestohlenes Kind ist. Im November 1947 kehrte die damals Neunjährige nach Polen zurück. Ihre Schwester Daria, die in Wien gelebt hatte, folgte einen Monat später. Beide mussten die Muttersprache neu erlernen.

Unter dem Leitsatz »Fragt uns, wir sind die Letzten« haben das Bistum Mainz, das Maximilian-Kolbe-Werk und weitere Organisatoren vergangene Woche zu den Gesprächen eingeladen. Schüler von St.-Lioba-, Ernst-Ludwig- und Beruflicher Schule (alle Bad Nauheim) hören ebenso zu wie Schüler der Adolf-Reichwein- und der Johann-Philipp-Reis-Schule (beide Friedberg) sowie Klassen aus Büdingen, Butzbach, Nidda und Ortenberg. Marianne Drechsel-Gillner übersetzt, was die fünf Frauen berichten.

»Wir haben im Lager beschlossen, dass die, die überleben, der nachfolgenden Generation berichten, was wir erlebt haben«, begründet Wieslawa Borysiewicz, warum sie mit ihren 86 Jahren regelmäßig nach Deutschland kommt, statt es sich daheim gemütlich zu machen. Natürlich sind die Reisen und die Gespräche für die Frauen anstrengend. Und doch helfen sie bei der Verarbeitung. »Wir brauchten sehr lange, um ein halbwegs normales Leben führen zu können. Die Erlebnisse lassen uns nicht los. Wenn wir hier sind und sie erzählen, durchleben wir sie noch einmal«, sagt Wieslawa Borysiewicz. Im Gegensatz zu ihr hat Alodia Witaszek-Napieralas in den 40er Jahren in Deutschland auch schöne Momente erlebt. »Mit meiner zweiten Familie«, wie sie sagt. Auch nachdem sie wieder zurück in Polen war, besuchte sie das Paar, das sie 1944 adoptierte, regelmäßig. Bis 1981, »da starb der Vater«, sagt sie.

Wieslawa Borysiewicz berichtet, inzwischen fühle es sich nicht mehr merkwürdig an, in Deutschland zu sein. »Der erste Besuch war schwierig, aber mit der Zeit wurde es einfacher. Wir fühlen uns hier unter Freunden.« In den Gesprächen mit den Schülern ist es ihr wichtig zu verdeutlichen, welche Folgen ein Krieg hat. »Als eine Warnung, damit die junge Generation alles tut, dass es nicht noch einmal so weit kommt. Ich sage der Jugend jedes Mal, dass die Zukunft in ihren Händen liegt.« Wirft die 86-Jährige einen Blick in diese Zukunft, ahnt sie nicht nur Gutes voraus. »Wenn ich die vielen Krisen und Kriegsherde sehe, blicke ich mit großen Befürchtungen auf die Jugend und auf das, was sie noch treffen kann.«

»Die Deutschen reden sehr laut«

Die Dimension dessen, was ihr passiert war, verstand Alodia Witaszek-Napieralas zunächst nicht. »Ich war noch zu klein. Ich war erst mit Deutschlernen und später mit Polnischlernen beschäftigt.« Natürlich habe sie die Trennung von der Großfamilie wahrgenommen. Und später die Trennung von den Adoptiveltern. »Bis ich mich damit auseinandergesetzt habe, dauerte es. Es musste ja weitergehen – Lernen, Schule, Arbeit, Kinder«, erzählt sie. Erst vor einigen Jahren sei ihr klargeworden, warum ihre jüngere Schwester Daria später jeden Samstag zu Hause in Polen die Schränke geputzt habe. »Die Familie, in die sie gekommen ist, hat sie als Hilfsmädchen, als Putzfrau, eingesetzt.«

Viele Jahre sind seither vergangen. Können die Frauen den Deutschen das, was ihnen angetan wurde, ansatzweise verzeihen? Wieslawa Borysiewicz sagt: »Am Anfang haben wir das deutsche Volk gehasst, aber der Hass ist im Laufe der Zeit verschwunden. Doch die Verletzung ist geblieben.« Genauso wie die Angst. »Davor, dass etwas Schlimmes passieren wird. Die Angst steckt in uns. Davon können wir uns nicht befreien.« Alodia Witaszek-Napieralas äußert sich ähnlich: »Letztes Jahr war ich in Dresden, an den Wänden waren nationalsozialistische Symbole. Ich habe Angst bekommen und bin zurück ins Hotel gegangen.« Angst habe sie auch, wenn sie zum Beispiel an Bahnhöfen viele Stimmen höre. »Die Deutschen reden sehr laut. Das erinnert mich an die Sprache der SS-Leute. Ich höre sie dann immer noch, wie sie schimpfen und rufen.«

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